55 Millimeter

21.05.2019 22:24

Soviel hat es gestern geregnet. Also das war wirklich mal nötig! Alles in allem also bisher ein recht normales Jahr. Vielleicht etwas zu kühl, aber gut...

In Bayern hat man ja ein neues Bienenschutzgesetz erlassen. Und was ist passiert? Genau das Gleiche, was damals auch in Österreich oft passierte, nachdem Pläne für NATURA 2000 Gebiete bekannt wurden:

Bauern fällen Obstbäume – aus Angst vor dem Bienenschutz-Gesetz

Bauern in Oberfranken befürchten offenbar, dass das "Rettet-die-Bienen"-Gesetz sie enteignet – und roden laut Vogelschützern vorsorglich ihre Streuobstwiesen.

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Ähnliches habe ich damals in Österreich erlebt, wo die Bauern sofort anfingen, alles zu roden und umzubrechen, nachdem Pläne für NATURA 2000 Schutzgebietsausweisungen bekannt wurden. Die hatten (zu Recht?) die Bedenken, dass man sie somit quasi enteignet und ihnen noch mehr Vorschriften macht.

Ich habe selber einige Diskussionen und Veranstaltungen erlebt, wo genau diese Bedenken vorgetragen wurden.

Offensichtlich denken das einige Bauern in Bayern auch und schlägern erstmal ihre Obstbäume, um erst gar nicht unter die Fuchtel von irgendwelchen "Ökos" zu kommen.

Seit einigen Wochen sollen in Oberfranken schon "einige tausend" Obstbäume der Motorsäge zum Opfer gefallen sein. Darauf zumindest deuten Meldungen an den Bayerischen Landesbund für Vogelschutz (LBV), einem der Mitinitiatoren des Volksbegehrens, hin.

Der Grund: Die Grundstückseigentümer und Bauern befürchten offenbar, dass das neue Naturschutzgesetz, das jetzt von der Landesregierung auf den Weg gebracht wurde, Streuobstwiesen unter einen allzu strengen Schutz stellt. So streng, dass ihre Eigentümer de facto nichts mehr machen dürfen.

Ich kenne das Gesetz nicht im Detail, aber für Natura 2000 Gebiete gilt zum Beispiel ein grundsätzliches Verschlechterungsverbot. Man hat damals die jeweiligen Biotope aufgenommen, bewertet und klassifiziert. Jetzt dürfen sie sich nicht mehr verschlechtern, was immer wieder kontrolliert wird. Umgesetzt werden solche Schutz- und Erhaltungsmaßnahmen zumeist über Vertragsnaturschutz. Sprich, es werden Verträge mit den Bauern abgeschlossen, dass gegen eine Zahlung die Wiese, oder was auch immer gerade im Fokus steht, so erhalten bleibt, oder sogar Verbesserungsmaßnahmen durchgeführt werden.

Viele Bauern sehen sich hier aber gegängelt und denken, dass sie nun noch weniger machen dürfen als ohnehin schon.

Die Initiative "Rettet die Bienen" dementierte umgehend. Ein bei einer Rechtsanwaltskanzlei in Auftrag gegebenes Gutachten komme zu dem Schluss, dass die übliche Nutzung von Streuobstwiesen durch die Unterschutzstellung nicht behindert werde. Das Fällen bestimmter Bäume sei weiterhin erlaubt. Ebenso wie – unter bestimmten Voraussetzungen – die Anwendung von Pestiziden.

Na ja, unter bestimmten Voraussetzungen. Bisher haben die gemacht, was sie wollten. Und das bestimmte Bäume gefällt werden dürfen, heisst auch, dass bestimmte Bäume eben auch NICHT gefällt werden dürfen. Nämlich alle, die in dem Falle unbestimmt sind.

Im Grunde hat man hier folgenden Konflikt: viele Biotope, die sehr artenreich sind und naturschutzfachlich wertvoll, sind eben keine Naturbiotope, sondern Kulturbiotope, sprich, der Mensch hat durch sein Tun sehr artenreiche Biotope geschaffen. Ändern sich dann die ökonomischen Bedingungen, zwingen diese zu mehr Wettbewerb, zu mehr Effizienz, zu mehr Rationalisierungen, zum Intensiveren des Wirtschaftens, dann setzten die Bauern das um, weil sie sonst nicht überleben.

Mit der Intensivierung gehen aber oft genau diese artenreichen und naturschutzfachlich wertvollen Biotope verloren.

Genau das ist ja DER Konflikt schlechthin. Das, was eigentlich richtig, gut und wertvoll ist, das Leben fördernd, lohnt sich finanziell nicht mehr und zwinget zum Falschen.

Und die Bauern meinen dann, dass sie durch solche Gesetze in ihren ökonomischen Entscheidungen eingeschränkt werden.

"Unser Gesetzentwurf stellt eindeutig klar, dass die Nutzung und Pflege der Streuobstwiesen ausdrücklich gewünscht wird und weiterhin zulässig ist", sagte Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender des Bündnis 90/Die Grünen im bayerischen Landtag. "Wer jetzt aufgrund von Desinformation oder unlauteren Motiven Obstbäume in Streuobstwiesen fällt, begeht Naturfrevel, stellt LBV-Präsident Norbert Schäffer in einer Pressemitteilung klar.

Der LBV sieht den Bayerischen Bauernverband mit in der Verantwortung. "Der Bezirkspräsident von Oberfranken bleibt bei seiner etwas seltsamen Aussage, es sei alles unklar. Dabei saß der Bauernverband mit am Runden Tisch", sagt LBV-Pressesprecher Markus Erlwein. Diese Verunsicherung, so Erlwein, führe offenbar dazu, dass einige Bauern "vorsorglich" ihre Streuobstwiesen roden.

Da sieht man auch wieder, wie verrückt das alles zum Teil ist. Ich habe das ja alles erlebt. Da gibt es vorab oft jahrelange Gespräche zwischen den "Stakeholdern", also den Vertretern verschiedener Interessengruppen, es wird um Kompromisse gerungen und dann kann es auch mal sein, dass sich da wer übervorteilt fühlt und dann wird da auch Panik verbreitet.

Die wichtigsten Fragen werden aber nie gestellt: Wieso brauchen wir heute ein Bienenschutzgesetz? Und wieso brauchten wir es früher nicht?

Was ist zwischen damals und heute schief gelaufen?

Wie kann man das ändern?

Geht das überhaupt noch?

Im Grunde drückt man sich oft um diese Fragen, weil man dann immer wieder die Systemfrage stellen muss.

Was ist die Megamaschine und wie funktioniert sie?

Und dann schauen sich alle groß an und man merkt: es ist schon so weit fortgeschritten, dass es kein Zurück mehr gibt. Man müsste ALLE Bereiche des Lebens angreifen und ändern, damit sich dann auch im Außen wieder das Gro zum Besseren ändert.

Da man das nicht kann, weil es eben eine so gewaltige Aufgabe ist, versucht man es eben über solche Gesetze zu regeln.

Der Gesetzesentwurf der Initiative sieht unter anderem vor, dass Streuobstwiesen von mehr als 2500 Quadratmetern als „gesetzlich geschützte Biotope“ gelten sollen (...) "Wer jetzt seine Streuobstwiese rodet, nur um unter 2500 Quadratmeter zu kommen, handelt eindeutig verwerflich", wird Schäffer in der Pressemitteilung weiter zitiert.

Verwerflich. Das sind doch hilflose Zuckungen von Leuten, die schlichtweg ausgetrickst wurden. Da werden eiskalt Lücken ausgenutzt. Und man erreicht mal wieder das Gegenteil von dem, was man haben wollte.

Die Wahrheit ist schlichtweg die: Streuobstwiesen lohnen nicht. Roden, Biomais anbauen, das lohnt sich. Aber im Vergleich zur Intensivobstplantage sind Streuobstwiesen mittlerweile vollkommen unrentabel.

Und jetzt kommen da auch noch die Grünen. Das hat jetzt so mancher Bauer genutzt und hat sich von dem alten Baumbestand getrennt.

Jetzt legte der LBV mit einer Strafanzeige gegen unbekannt nach. Denn die ökologisch wertvollen Bäume seien von "einigen wenigen Landwirten" der fränkischen Schweiz auch noch während der Brutzeit gefällt worden.

Ich habe das im Job erlebt: viele Bauern fühlen sich einfach nur gegängelt...

Laut Initiative "Rettet die Bienen" sind Streuobstwiesen der Lebensraum von über 5000 Tier- und Pflanzenarten – und zählen damit zu den artenreichsten Lebensräumen Europas. Zugleich fallen immer mehr von ihnen Neubaugebieten oder intensiver Landwirtschaftlicher Nutzung zum Opfer. Nach Erhebungen der Landesanstalt für Landwirtschaft sind in Bayern von 1965 bis 2012 rund 70 Prozent der Streuobstbäume verschwunden. 

Lohnt sich nicht mehr! Das ist der einzige Grund. Würden sich Streuobstwiesen lohnen, würden 40 Millionen Bäume stehen. Ich war ja vor einiger Zeit am Kyffhäuser-Denkmal. Dort gibt es aufgrund der milden Lage auch viele Streuobstwiesen. Aber viele mittlerweile überaltert, ungepflegt und ungenutzt.

Lohnt sich nicht mehr.

Wer diese alten artenreichen Kulturbiotope erhalten will, muss das System in Frage stellen. Wieso verschwinden immer mehr Wiesen, Weiden, Streuobstwiesen, Feuchtwiesen? Wieso verbuschen immer mehr Trockenrasen und Halbtrockenrasen?

Weil sich die bisherige Nutzung nicht mehr lohnt!

Diese artenreichen Biotope entstanden ja nicht, weil man das so haben wollte, sondern waren Begleitprodukt der damaligen Wirtschaftsweise. Die Wirtschafterei hat sich nun verändert, globale Märkte, Zwang zur Produktivitätssteigerung, Effizienz und Intensivierung. Und schon war es wieder Schluss mit den Naturreichtum.

Vielleicht muss man sich da entscheiden, welche Form von Reichtum man haben will: rein materieller Reichtum, oder eben auch eine reiche Natur, eine lebendige und gesunde Biosphäre, in der der Mensch auch seinen Platz und sein Auskommen hat.

Aber dann sind eben die Autos kleiner, die Einkommen geringer, die Arbeit wieder händischer, die Tage länger. Auch muss man dann wahrscheinlich wieder Zölle einführen, damit die Menschen statt Billigbananen wieder Streuobstwiesenäpfel konsumieren.

Also man sieht hier recht deutlich, dass das wirklich sehr tiefgreifende Veränderungen voraussetzt.

Im Grunde sehen wir hier aber genau das, was man immer bei Krankheiten sieht: wenn man die Ursachen bekämpfen und abstellen will, muss man oft sehr tiefgreifende Veränderungen vornehmen. Oder aber man bleibt an der Oberfläche und beim Symptompfusch.

Heilung kommt nicht aus dem, was krank gemacht hat. Es kommt aus anderen Quellen, die man sich aber erst erschließen muss. Und dazu bedarf es eben oft tiefgreifender Änderungen des bisherigen Lebens.

Jetzt sind erstmal einige Streuobstwiesen verschwunden.

Man hat also mal wieder genau das Gegenteil von dem erreicht, was man erreichen wollte.

Eben weil es nicht von Innen heraus kommt, sondern wieder so ein Zwang und Druck war.

Genau das funktioniert halt oft nicht.

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