Absterbeprozesse und Neuaufbau

14.07.2017 20:51

Als ob die ganzen Probleme, die man in der Vergangenheit verursacht hat, nicht ausgereicht haben, setzt man nun noch einen drauf:

Massenhaftes Artensterben durch Insektizide in der Landwirtschaft

Sie heißen Neonicotinoide und stehen im Verdacht, dass durch ihren Einsatz in der Landwirtschaft massenhaft Insekten vernichtet werden. Giftcocktails für hohe Erträge! Aber warum eigentlich? Der Selbstversorgungsgrad in Deutschland liegt bei Getreide oder Kartoffeln weit über 100 Prozent. Der Überschuss geht in den Export und vernichtet nicht selten die Existenzgrundlage der Bauern in Entwicklungsländern. Warum verzichten wir nicht einfach auf diese gefährlichen Chemikalien und fokussieren uns auf hochwertige und unbedenkliche Produkte?

Weil die Lebensmittel so billig wie nur möglich produziert werden sollen, damit eben noch Geld für den Konsum anderer Produkte übrig bleibt. Deswegen geht man da so hart ran. Und wenn man noch was exportieren kann, umso besser. Noch mehr Gewinn.

Mich wundert es eher, dass man sich da wundert.

"Wir wissen eben, dass es nur noch ein Viertel der Insektenmasse ist, was an vielen Stellen gefunden wird, und das ist schon dramatisch, weil 80 Prozent, 70 Prozent sind verschwunden. Das ist sehr sehr viel, und das innerhalb von einem sehr kurzem Zeitraum, wenn man das ökologisch sieht, nämlich von 15, 20 Jahren, da sind die weggebrochen."

Und jetzt macht euch das mal klar, was da abgeht:

Neonicotinoide – das sind Nervengifte. Seit den 90er Jahren werden sie massenhaft in der Landwirtschaft eingesetzt. Die Wirkung auf Insekten: bis zu 7.000 Mal stärker als das berüchtigte DDT, das längst verboten ist.

Neben dem Spritzen werden auch Samenkörner damit gebeizt. Der Wirkstoff umhüllt dann das Saatgut.

Die Pflanze nimmt den Wirkstoff auf und verteilt ihn von den Wurzeln bis in die Blätter. Insekten, die sich an der Pflanze zu schaffen machen, sterben an dem Gift.

Doch es werden nicht nur Schädlinge getötet. Denn das Gift steckt auch in der Blüte, in den Pollen, im Nektar. So werden auch Schmetterlinge, Bienen und andere nützliche Bestäuber vergiftet.

2008 gab es ein Massensterben im Westen Baden-Württembergs. Fünftausend tote Bienenvölker. Für Berufsimker wie Christoph Koch war das eine Katastrophe

Man weiß das also alles schon lange. Jetzt kommen die entsprechenden Folgen, siehe oben. Aber wieso ändert sich da nichts? Weil es die Masse nicht möchte. Niemand will wirklich gute Preise für Lebensmittel bezahlen, sondern man möchte Flachbildschirme, Computerspiele, Autos, Smartphones, neue Klamotten, Laptops, Waschmaschinen, neue Couchgarnituren alle paar Jahre usw usw...

Und das geht eben nur, wenn irgendwas lebensnotwendiges im System so billig ist, dass genug für den Konsum übrig bleibt. Und Konsum, so haben wir ja nun rausgefunden, ist das Wichtigste, denn nur der Konsum treibt die Megamaschine an.

Und die Folgen?

Werden wieder der Allgemeinheit als Kosten aufgebürdet, statt das man Preise mit ökologischer Wahrheit findet, wo der Anwender solcher Produkte die Folgen für den Imkern, das Wasserwerk, die Bevölkerung auch preislich tragen muss.

Die Verursacher, die Bayer AG, hat sich wieder ein Beispiel an der Argumentation aus dem Film "Thank you for smoking!" genommen.

"Es war kein Bienensterben. Die Frage ist, wie sie ein Bienensterben definieren. Es sind einzelne Bienen gestorben, aber Bienen sterben nach vier Wochen. Die Lebensdauer einer Biene ist vier Wochen, danach stirbt sie, entsprechend können sie jeden Tag millionenfach von Bienensterben sprechen."

So einfach ist das also.

Man hat das dann zwar doch eingeschränkt, aber das Problem hat man nicht in den Griff bekommen:

Die Statistik aber zeigt: Trotz dieses Teilverbots ging der Absatz von Neonicotinoiden insgesamt sogar nach oben. Die EU zog 2013 nach und weitete das Beizverbot auf weitere Pflanzen aus. Danach gab es zwar einen Rückgang. Aber: Noch immer landen jährlich 200 Tonnen des Gifts auf deutschen Feldern.

(...)

Und: Weil etwa beim Raps das Beizen nicht mehr erlaubt sei, würden die Mittel jetzt eben gespritzt.

Das sehe ich jedes Jahr auf den Feldern. Es ist einfach nur noch abartig und krank.

Auch die Widerstandskraft der Bienen gegen Parasiten wie die gefährliche Varroa-Milbe nimmt ab. Solche Effekte aber wurden aber bei der Zulassung der Neonicotinoide überhaupt nicht berücksichtigt. Studien zu Wildbienen und Hummeln zeigen, dass diese sogar noch empfindlicher auf die Nervengifte reagieren. Zu anderen Insekten gibt es kaum Forschung, Fakt aber ist: Die Populationen gehen massiv zurück.

Man weiß eigentlich nie, was man da macht. Das ist alles auf dem Level "Zauberlehrling". Aber solange es Geld bringt, Umsatz, Konsum, solange wird das auch immer so weiter gehen, solange das System so aufgebaut ist, wie es aufgebaut ist. Es ist unausweichlich. Wenn man das einmal begriffen hat, dann spürt man erstmal die Monstrosität des Systems.

Dieses System ist in seinem Kern destruktiv.

Egal wo man hinschaut. Wir haben zwar Smartphones, hochmoderne Autos mit GPS, ABS, EAS und weiß der Teufel noch was alles, bunte TV-Shows, die man auf überdimensionalen Flachbildschirmen anschauen kann, und spottbillige Nahrungsmittel, aber keine Bienen mehr, keine Insekten, dem nachfolgend keinen Vogelgesang, keine Mücken (tatsächlich habe ich erst zwei dieses Jahr summen gehört!), wir haben Migrationskrisen, plötzlich rennen Fremde durch die Städte, die fremde Sprachen sprechen und aus wirtschaftlichen Gründen, oder weil sie vor Krieg und Gewalt abgehauen sind, hier nun herkommen. Wir haben Länder wie Griechenland in die Steinzeit zurückgestoßen, in Südeuropa grasiert eine nie dagewesene Arbeitslosigkeit...die Krisen sind ja nicht mehr zu zählen.

Wohin das führen kann, zeigt sich in China. Wegen fehlender Insekten gibt es enorme Ernteausfälle, Landarbeiter müssen die Arbeit der Bestäuber übernehmen.

So ist das eben. Ich sehe das ja im Garten, was die Natur da für Arbeit leistet. Der Regenwurm, die Bienen, die Hummeln, der Marienkäfer, die Vögel, die Sonne, der Regen, der Marder, der Igel ... alle sind sie Teil eines kleinen Ökosystems und erledigen wertvolle Dinge. Graben die Erde um, machen guten Humus, fressen Schädlinge, bestäuben Obst- und Gemüsepflanzen, strahlen ihre Energie auf die Erde, bewässern alles.

Sowie man da zuviel rumpfuscht und eingreift, schon hat man mehr Arbeit. Dann muss man alles selber machen.

Das Problem: da das System von Konsum lebt, gibt es eine unterbewusste Hinwendung zur Arbeitsplatzbeschaffung durch Natur- und auch Menschzerstörung. Weil das wieder Menschen in Arbeit bringt, die dann wiederum konsumieren. Eine Biene konsumiert nichts, was wir herstellen, oder nicht viel. Der Arbeiter in China aber macht das. Er bekommt Geld für seine Arbeit und damit kann er im Wirtschaftskreislauf teilnehmen und die Megamaschine weiter antreiben. Nachfrage entfalten.

DAS sehe ich als immense Gefahr für uns alle: das wir unterbewusst genau diese Entwicklungen wollen, eben weil es wieder Arbeitsplätze bringt und somit die Megamaschine am Laufen hält, von er wir alle existenziell abhängen.

Die Entwicklung geht, wenn man es mal zurückblickend betrachtet, immer mehr in Richtung "noch mehr Wachstum". Egal wie. Und gibt es mal kein Wachstum, ist Krise angesagt.

Frankreich hat deshalb ein Totalverbot der Neonicotinoide beschlossen. Auch in der EU-Kommission gibt es solche Pläne.

Tja, nur mit was kommen sie dann an?

Der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt aber wartet ab, sieht derzeit keinen Handlungsbedarf. Währenddessen sperren sich auf EU-Ebene deutsche Abgeordnete gegen eine Ausweitung des Verbots.

Das sind keine Abgeordnete, das sind Industriegesandte. Die haben mit den Menschen nichts mehr zu tun. Die vertreten dort die Interessen von Industrie und Agrarverbänden. Kein Mensch mit einigermassen Verstand und Verantwortungsgefühl würde sich da gegen ein Verbot sperren. Aber auch hier: die Megamaschine muss laufen!

Peter Jahr (CDU), EU-Parlament, Ausschuss für Landwirtschaft  

"Man hat ja Pflanzenschutzmittel auch entwickelt, um die Erträge zu steigern. Wir müssen die Menschen ernähren, wir brauchen Erträge. Und dass wir eine Minimierungsstrategie fahren, ist richtig, und dass wir zunehmend auf die Umweltwirkung achten auch im Genehmigungsverfahren, ist auch richtig, aber ein Totalverbot halte ich für realitätsfern."

Der Burger hat das ja ganz klar angesprochen:

Man wagt gar nicht daran zu denken; es würde unsere gesamte Agroökostruktur völlig umkrempeln...

Gestatten Sie mir jetzt mal eine Gegenfrage: Wohin führen denn diese Strukturen?     

Ich glaube nicht, daß sie so ›wirtschaftlich‹ sind, wie immer behauptet wird. Man errechnet sich kurzfristig phantastische Erträge. Aber man vergiftet den Boden mit zweifelhaftem Dünger, man stört ein natürliches Gleichgewicht durch einen absolut reglementierten Anbau, man legt ihn frei, die Erosion tut ein Übriges...

Unter dem Vorwand, es sei zu unserem Überleben notwendig, zerstört man den Humus, die unersetzliche Quelle allen pflanzlichen und tierischen Lebens. Um dann was zu bekommen: soundso viele Tonnen Brot oder gekochte Kartoffeln pro Quadratkilometer, um noch länger die Gesundheit der Menschenmassen zu ruinieren, die sich in die Städte geflüchtet haben, angewidert von diesem sich wie toll gebärdenden Gewerbe und von dem, was man sich schon kaum noch Erde zu nennen getraut. Ein einziger Mann auf seinem Traktor beackert 50 Hektar im Jahr, während 50 Leute ihre Zeit damit zubringen, diesen Traktor in Fabriken herzustellen, ihn zu verzollen, mit Steuern zu belegen, in den Statistiken zu führen.

Wir wundern uns über die Landflucht: Die Liebe zum Diesel hat die Liebe zur Erde ersetzt, die Auspuffgeräusche übertönen den Vogelgesang, und die schädlichen Abgase füllen die Lunge. Wenn sich wenigstens der Geldbeutel füllen würde! Aber selbst das klappt nicht: Geldentwertung, Steuern, Wucherzinsen belasten das Budget. Was also bleibt denn dann von all diesen Mühen und Plagen. Wäre es nicht viel schöner, Bäume zu beschneiden, sich ins Gras zu legen, während man seine Tierherde überwacht.

Ich habe festgestellt, wie sich in mir und bei allen, die auf ursprüngliche Nahrung umgestiegen sind, ein tiefer Wandel vollzogen hat: Die Liebe zur Frucht läßt die Liebe zur Erde wieder aufleben, man spürt eine ganz neue Ehrfurcht für natürliche Werte; einen Baum zu fällen empfindet man wie eine Verletzung, Bulldozer und Mähdreschmaschinen werden zu wahren Monstern. Wenn alle Menschen sich der Natur gegenüber wenigstens wieder ein bißchen behutsamer, ein bißchen aufmerksamer verhalten würden, ich glaube, dann brächte man es nicht mehr fertig, unseren Planeten so zu zerstören, wie es gegenwärtig geschieht.

Guy-Claude hat sich ja mit der Meta doch etwas verrannt, aber hier hat er den Kern der Sache erwischt.

Aber ich sehe es ja schon in der Verwandschaft, da werden die Kinder ja mittlerweile vollkommen zu Industriemenschen. Da wird aus dem Garten nichts mehr angeührt, was ich erstaunlich finde. Man denkt ja eigentlich, dass Menschen so eine Art genetischen Impuls haben, zumindest mal zu kosten, wenn sie reife Beeren, reife Pfirsiche oder Aprikosen sehen. Aber überhaupt nicht! Lieber Schokolade!

Ein Sportfreund von mir hat erzählt, dass sein Enkel absolut nichts aus dem Garten will, nur Supermarktzeugx. Dem schmeckt das einfach nicht, was da selbst angebaut wurde.

Also hier muss man Haller einfach Recht geben, wenn er von einer gefährdeten Menschheit spricht.

Denn die jungen Menschen haben heute oft auch Angst vor Insekten, vor Spinnen, Grashüpfer und was da nicht alles kreucht und fleucht. Das habe ich jetzt schon oft beobachtet.

Wir sind damals noch im Garten aufgewachsen, zwischen Hühnern, Schweinen, Enten, Hunden und Katzen, mit Kühen auf der Weide, Schwalben im Stall, Möhren, Kirschen, Eierpflaumen und geklauten Kohlrabies und Birnen und Rosenkohl direkt vom Feld.

Das macht heute kein Mensch mehr.

Aber so wird das natürlich nüscht mit der Liebe zur Natur! Im Gegenteil, so wird man zu einem neuen Motor der Systems. Zu genau so einen Mensch, der entweder den Diesel liebt, oder in die Stadt flüchtet, wo er unter abertausend anderen anonym sein Dasein fristet.

GCB: Man müßte sich schon die Augen zuhalten, um nicht zu sehen, daß das heute gültige System mit seiner Flucht nach vorn, zu immer mehr Wachstum, am Ende nur zu einem Sturz führen kann, der sehr schmerzhaft zu werden droht. Und ich glaube, daß man daran nur dann etwas ändern kann, wenn man den Menschen an seiner Basis ändert. Und die Basis des Menschen ist seine Nahrung, ist sein Instinkt.

Da bin ich ja das beste Beispiel. Als Jugendlicher, vor allem nach der Wende, war mir ein Garten echt zuviel. Da hatte ich absolut Null Interesse. Futter gabs beim Aldi, Kaufland, McDonalds, Pizzeria Italia und Ali Döner Kebab. Wozu sich da irgendwelche Arbeit machen?

Erst mit der Rohkost habe ich das wiederentdeckt und ein echtes, ein lebendiges Interesse entwickelt.

Und wenn ich das so durchgemacht habe, können andere das auch, ich bin ja absolut nichts besonderes.

Dieser ganzen Fehlentwicklung kann man eigenlich nur eine echte Vision entgegensetzten, die es zu verbreiten gilt:

Wenn man sich in der Welt auf das Obst rückbesinnen würde,  könnten wir sehen, wie auf den  Flächen, mit denen durch unsere intensive Landwirtschaft Raubbau getrieben worden war, wieder tausenderlei Arten von Obstbäumen gepflanzt würden, so daß sich im Frühling ein einziger Garten vor uns ausbreitet, voller Blumen und Düfte, und die Bienen könnten uns Berge von Honig liefern ...

Man könnte riesige Flächen für die Viehzucht retten, denn man könnte ohne weiteres alle möglichen Tiere unter den Bäumen weiden lassen: Das Gras würde automatisch gemäht, das Fallobst weiterverwertet, der Mist würde ganz automatisch verteilt und die Bäume düngen, die Hühner pickten die Insekten auf, die sich in dem Kot entwickeln; sie würden die Larven und Raupen vernichten und mit ihrer Hilfe köstliche Eier produzieren! Man brauchte keine Kühe mehr zu melken, sondern ließe die Kälber einfach bei der Mutter.

Es wird Zeit für ein Umdenken und einen Neuanfang.

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