Afrika als Spiegel

13.03.2017 20:54

Habe heute folgendes Interview gelesen: www.heise.de/tp/features/Es-braucht-Billionen-fuer-nachhaltige-Entwicklung-weltweit-3650126.html

Es heisst im Text:

Uns Grünen geht es darum, dass die Menschen vor Ort genügend Geld verdienen, um sich selbst ernähren zu können. Denn diejenigen, die selbst produzieren, kommen schnell in die Lage, etwaige Überschüsse am Markt zu verkaufen.

Ja aber das haben wir ja nicht mal mehr in Deutschland! Dort haben wir doch das gleiche Problem: hier sterben die Dörfer auch, weil der Sinn der Dörfer, nämlich Selbstversorgergemeinschaften zu sein, durch die zunehmend industrialisierte Landwirtschaft kaputt gemacht wurde, was zum einen die Menschen in die Städte treibt (wenn auch nur als Pendler zum Arbeiten) und zum anderen den Dörflern eines Einkommens beraubt.

Zu DDR Zeiten hatten wir genau das oben beschriebene System: Menschen, die sich auf den Dörfern selber versorgen konnten UND noch Überschüsse verkauften. Die hatten dann echt alle gut verdient! Nach der Wende wurde das durch billige Lebensmittel aus dem Westen sofort zerstört. Über Nacht quasi. Gleichzeitig hat man die Industrien abgewickelt. Ergebnis war ein Schock, von dem sich der Osten bis heute nicht erholt hat. Es wurden also die Arbeitsplätze abgebaut UND die Selbstversorger- und Überschussstrukturen zerstört. Folge waren Massenarbeitslosigkeit und Abwanderung.

Heute haben kaum noch Menschen solche Strukturen wie damals. Als Hobby... klar...aber nicht mehr, um etwas zu verdienen. Und so sehen die Dörfer im Osten auch aus....und jetzt wollen wir das Problem in Afrika lösen, wo wir es nicht mal HIER schaffen, vernünftige Strukturen zu erhalten und zu etablieren, um die Dörfer zu erhalten.

Wir haben in Deutschland also die selben Probleme wie in Afrika, nur dass wir hier das Geld und die Infrastruktur haben, um eben nicht zu hungern. Das überdeckt das alles etwas.
Aber grundsätzlich hat die industrielle Landwirtschaft auch hier die ganzen Strukturen zerstört. Es wird als Bauer ja immer schwieriger zu überleben und deswegen müssen die immer mehr wachsen.
Und die ganz "Kleinen", wie zu DDR Zeiten? Der eigene Anbau lohnt einfach nicht mehr, nur noch als Hobby, wenn die Industrieprodukte so billig bei Aldi zu haben sind...

Uwe Kekeritz: Ebenjene Abkommen sorgen dafür, dass wir unsere Überschüsse an Milch, Tomaten, Hähnchen, um nur einige Lebensmittel zu nennen, nach Afrika exportieren - und damit deren eigene Produktion zerstören.

Genau das Selbe ist ja hier auch passiert!
Wer produziert denn noch selber Milch, Tomaten und Hähnchen? Oder Tabak, Rhabarber, Sellerie oder was die hier nicht alles in Kleinststrukturen nebenher produziert haben?
Das haben die Menschen doch gleich nach der Wende aufgegeben, weil sie nicht gegen die Preise von Aldi und Lidl ankommen, vom Zeitfaktor ganz abgesehen. Man hat auch hier die ganzen Kleinstrukturen zerstört, nur dass wir hier die Menschen in Hartz4 und Bullshitjobs stecken können, so dass sie eben nicht verhungern müssen. Aber die Strukturen, eigene Lebensmittel zu produzieren und Überschüsse zu verkaufen, wurden auch hier zerstört.

Es mag sein, dass manche Menschen dort kurzfristig davon profitieren, wenn die Produkte im eigenen Land billiger werden. Aber mittelfristig zerstören wir so die Möglichkeiten der Menschen auf ein auskömmliches Einkommen.

Wie gesagt, ist hier ja auch passiert. Nur dass das mit anderen Sachen ausgeglichen wurde. Nur ist mittlerweile die Produktivität so hoch, dass immer weniger gebraucht werden, also muss man Schwafel- und Bullshitjobs erfinden, um die Menschen ein Einkommen zu ermöglichen.

Der einzige Unterschied ist, dass die DAS ist Afrika eben nicht haben. Hunger ist die Folge.

Und wir fördern die Fragilität dieser Staaten. Kurz: Ein Teufelskreis.

Auch hier trifft das für die entwickelten Industriestaaten auch zu. Nachdem die ganzen Kleinstrukturen zerstört wurden, die nach dem Krieg noch die Hungernden haben sättigen können, wäre heute bei vergleichbaren Katastrophen keiner mehr auf dem Dorf, der noch etwas tauschen könnte. Die fahren doch auch alle in die Kreisstädte am Samstag und kaufen da bei Kaufland und Aldi ein, eben weil es billiger ist, als selber was anzubauen. Und auf den frei gewordenen Platz hat man Fichten gepflanzt.

Sollte morgen irgendwas passieren, was eine Krise auslösen würde, wären übermorgen die Supermärkte leer und eine Woche drauf würden die Menschen aus Hunger ins Umland schwärmen. Und dort auf Dörfler treffen, die nur mit den Schultern zucken und sagen: wir haben auch nichts, Aldi war immer so billig, da hat sich das alles hier auch nicht mehr gelohnt und jetzt haben wir auch nichts mehr.

Also auch wir sind sehr viel fragiler geworden...

In Afrika schauen wir also mehr oder weniger in einen Spiegel. Nur erkennen wir das noch nicht wirklich.

Aber es gibt auch keinen Weg zurück! Sowie man hier Lebensmittel wieder so produzieren würde, wie es richtig wäre, also im Einklang mit der Natur und in solchen Strukturen, die mehr Menschen ein Zusatzeinkommen ermöglichen würde, wäre weitaus weniger Geld für große Autos und schöne große Häuser vorhanden.
Alles weitere in diesem sehr informativen Interview:
www.youtube.com/watch?v=vgaePViZv8Y&t=8s

Zur Entwicklung der Situation in Somalia empfehle ich dringend die Dokumentation: "Freiheit verboten - Somalia 1978" von Gordian Tröller.
www.youtube.com/watch?v=_raHOtUFoIc
cpmediaload.com/movies/producer/Gordian_Troeller.html#.WMby8sm_XIU

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