Alternative Szene

29.10.2015 14:43

Sonnige Grüsse aus Spanien. Immernoch sehr schönes Wetter, viel Sonne, 24 Grad und gestern waren wir in einem Bioladen, der auch gutes Gemüse hatte. Einzig die Tomaten sind die reine Katastrophe hier. Viel zu unreif geerntet und alle sehr lasch im Geschmack, da wohl im Gewächshaus gezogen. Also das ist schon sehr unbefriedigend. Ansonsten gabs vorgestern auch mal wieder Schwertfisch, der war zwar eingeschweisst, aber erstmal OK. 

Ansonsten bin ich immer wieder erstaunt, wie wirr viele Menschen aus der Alternativen Szene mit zum Beispiel Hautinfektionen umgehen. Hier in Spanien grasiert in der Szene eine Staphylokokken-Infektion. Man kannn die eigentlich recht leicht behandeln, indem man sich eine Antibiotika-Salbe besorgt und nach einer Woche ist der Spuk vorbei. Nicht so in der Alternativen Szene. Da wird es erstmal mit allerlei Zaubertränken behandelt, die alle vor allem eines gemein haben, dass sie bestenfalls nutzlos sind, schlimmstenfalls die Sache noch verschlimmern. 

Staphylokokken sind hochansteckend, ich vermute neben direkten Kontakt Fliegen als Vektoren, da die natürlich die unbedeckten Wunden ansteuern und dann zum Nächsten fliegen. Und so erklärt sich auch die starke Verbreitung dieser Infektion hier vor unserer Ankunft. Zumal das Wetter hier auch begünstigend wirkt. 

Aber klar.. huhhhh... Antibiotika... BÖSE. Dann lieber irgendein quacksalberischer Kram, der nichts bringt und dann noch andere anstecken. Ich bin da JEDESMAL erschrocken, wie man mit sowas umgeht. Unvergessen das Rohkosttreffen 2012, wo eine Französin von einer Wespe gestochen wurde und eine starke allergische Reaktion erlitt. Ich sagte sofort: los, Arzt rufen! Oh weh. Das war aber die falsche Antwort. Nein, man schmierte grüne Tonerde drauf. Natürlich vollkommen nutzlos. Dann wurden Kräuter draufgeschmiert, Zwiebel, Spitzwegerich, Spucke, Zitrone. Nutzlos. Die Frau litt unter Atmenot, Panik, Zittern, Kribbeln. Dann hatte man eine neue Idee! Jetzt aber: man wog sie in den Armen und sang für sie. Sehr nett, aber ebenfalls vollkommen sinnlos. Kann man ja als Idee fürs Totenbett mal bedenken. Ich wiederholte meinen Vorschlag, einen Arzt zu rufen, der Antihistamine spritzen könne. Man lehnte ab. Nicht mal die Frau selber, sondern die Medizinmänner und -frauen vor Ort. Dann kam als letzte Bastion des Unfugs die Homöopathie. Ich will nicht verleugnen, dass das sogar funktioniert, vom Kenner angewendet, aber das war in Frankreich offensichtlich nicht der Fall. Es kam wie es kommen musste: nach langem Leiden, Fummeln und Probieren der Spezialisten vor Ort, kam der Arzt, gab eine Spritze und es war relativ rasch vorbei. 

Und so kann man dann doch recht oft im Grunde sehr skurriles und leider auch unverantwortliches Handeln in der alternativen Szene bewundern. Viel besser wäre es, den Arzt bei Problemen aufzusuchen und kritische Fragen zu stellen und ihn als Partner zu gewinnen. So getan bei meiner Leishmanioseinfektion. Leider wird zu oft die Schulmedizin als Ganzes als böse angesehen. Was natürlich Quatsch ist. Schulmedizin kann auch ein Segen sein. Man muss eben nur wieder verantwortungsvoll damit umgehen und wach bleiben. Mein Vater hat mir mal gezeigt, wie das geht: mit Humor oder auch mit starkem Nachdruck, wenn die gegen den gesunden Menschenverstand verstossen. 

So aber kreuzen hier immer wieder Menschen auf, die Hautinfektionen haben, da man einfach nicht richtig behandelt und es immer wieder zu Neuinfektionen kommt. Immerhin sind dann die meisten doch so bewusst, dass sie sich entsprechend separieren.

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Themawechsel:

Hier noch ein ganz interessantes Interview mit Kathrin Hartmann zum Thema Nachhaltigkeit und Green Economy: www.nachdenkseiten.de/?p=28143#more-28143

Dahinter steckt die Vorstellung, man könne Wachstum und Naturzerstörung voneinander „entkoppeln“. Ein grünes Perpetuum mobile also, und diese Vorstellung gefällt der konsumfreudigen Mittelschicht sehr gut. Denn das hieße, Hyperkonsum und Verschwendung wären gut für die Welt. Diese zynische Mischung aus Anti-Aufklärung und Besitzstandswahrung macht mich wütend. Denn selbstverständlich brauchen Wachstum und Profit Rohstoffe, Energie und billige Arbeitskraft. Naturzerstörung ist daher die Grundlage des grünen Kapitalismus und Armut seine wichtigste nachwachsende Ressource.

„Nachhaltigkeit“ ist ein anderes Wort für „Systemerhalt“. Worum es stattdessen gehen muss, ist ökologische und soziale Gerechtigkeit. Zum Vergleich: „Nachhaltigkeit“ ist, wenn es im Bio-Supermarkt eine Menge überflüssiger Produkte wie Bio-Tütensuppen mit Palmöl oder importierte tropische Bio-Schrimps gibt. Ökologisch und sozial gerecht hingegen ist eine selbstbestimmte kleinbäuerliche Landwirtschaft, regional, ökologisch, ohne Monokulturen, gigantische Aquakulturen, Plantagen für Futterpflanzen und „nachwachsende Rohstoffe“ für den Export – das ist ein Schlüssel für globale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Ressourcen. Das ist das Konzept der Ernährungsunabhängigkeit, für das viele Bewegungen des Südens kämpfen, die Widerstand gegen die mächtige und gewalttätige Agrarindustrie leisten.

Dafür müssen wir kämpfen – nicht dafür, dass jedes noch so absurde Produkt zu jeder Zeit bei uns in Bio-Qualität zu haben ist. Neuerdings gibt es wegen des Smoothie-Trends sogar schon im Sommer Grünkohl im Bio-Supermarkt. Und im Winter Erdbeeren. Was für eine Idiotie! Der imperiale Lebensstil ist eben auch im grünen Kapitalismus nicht verhandelbar.

Dazu zähle ich eigentlich auch das permanente Importieren von Südfrüchten. Erstmal schauen, was vor der eigenen Haustüre wächst und was man da anbauen und halten kann, bevor man sich dem Import zuwendet. 

Übrigens: treffen sich ein Radfahrer, ein Bodybuilder und ein Rohköstler. Fragt der eine: auf was seid ihr denn so? Der Radfahrer: EPO! Der Bodybuilder: Anabolika. Der Rohköstler: Fruktose und Omega 6! :-D

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