Besiedelung Europas

01.02.2015 12:01

In vielen Diskussionen, die ich in sozialen Netzwerken, Foren und Chats geführt habe, kam oft das Argument, dass wohl das Kochen die Voraussetzung für die Besiedelung kühlerer Gebiete durch den Menschen, bzw. dessen Vorfahren war. Und das wir deswegen eher an tropische Gebiete angepasst sind und wir ja eigentlich garnicht nach Europa gehören. Das ist natürlich erstmal logisch und nicht von der Hand zu weisen. Im Grunde weiss man es aber nicht genau. Was man weiss, auch hinsichtlich der Ernährung generell unserer Vorfahren, habe ich mal hier aus Wikipedia zitiert:

Der Gebrauch von Werkzeugen hat später die Ernährung des Menschen wesentlich beeinflusst und in der Folge auch die Gestalt der Knochenplatten des Kopfes, der Kiefer und der Zähne verändert. Wenn man die Zeitspanne, die Affen täglich für die Nahrungsaufnahme aufwenden, auf die Körpermasse des Menschen umrechnet, würde man erwarten, dass Homo sapiens 48 Prozent der täglichen Aktivität hierfür verwendet; tatsächlich sind es aber nur knapp 5 Prozent. Insbesondere die im Vergleich zu Homo habilis und Homo rudolfensis verkleinerten Backenzähne – vor rund 1,9 Millionen Jahren bei Homo erectus und später beim Neandertaler und bei Homo sapiens – können am ehesten als Folge von „verarbeiteter“ Nahrung interpretiert werden. 1,95 Millionen Jahre alte Knochenfunde aus Kenia bezeugen beispielsweise, dass damals bereits neben Antilopenfleisch auch das Fleisch zahlreicher im Wasser lebender Tiere – darunter Schildkröten, Krokodile und Fische – verzehrt wurde. Australopithecus afarensis hatte sich, vergleichbar den heutigen Pavianen, noch von einer überwiegend pflanzlichen, aber wenig hartfaserigen Kost ernährt, während die Individuen der Gattung Homo bereits vor 2 Millionen Jahren zunehmend proteinreichere Kost verzehrten – was wiederum die allmähliche Vergrößerung des Gehirns begünstigte.

Anm. Verarbeitete Nahrung ist hier im Sinne von Werkzeuggebrauch zu verstehen. 

Als gesichert gilt beim derzeitigen Forschungsstand, dass Homo erectus als erster die Beherrschung des Feuers lernte, was eine unter allen Lebewesen exklusive Fähigkeit der Gattung Homo ist. Die älteste unumstrittene Fundstelle mit verbrannten menschlichen Nahrungsresten ist Gesher Benot Ya´agov im Norden Israels, die etwa 790.000 Jahre alt ist. In Europa hingegen stammt der älteste Nachweis von Feuerstellen aus der Zeit um 400.000 vor heute (Schönigen in Deutschland und Beeches Pit in England), während ältere Fundstellen homininer Fossilien wie die Höhle von Arago in Frankreich oder die Höhlen in der Sierra de Atapuerca (Sima del Elefante, Gran Dolina) keine Spuren von Feuergebrauch aufweisen. 

Es geistern ja immer wieder mal News durch wissenschaftliche Fachblätter, aber wirklich nachgewiesen ist eben die Feuerstelle in Israel. Alles davor ist erstmal reine Spekulation.

Trotz Temperaturen von zeitweise unter Null Grad hat Homo erectus demnach Europa ohne Wärmeerzeugung durch Feuerstellen besiedeln können. Auch das Erhitzen der Nahrung hat Homo erectus demzufolge in Europa erst relativ spät praktiziert, Homo sapiens hingegen vermutlich seit Beginn seiner Existenz als unterscheidbare Art.

Das eine Besiedelung kälterer Klimate auch ohne Kochen bzw. Feuer möglich war, habe ich schon lange vermutet. Das müssen also ziemlich taffe Burschen gewesen sein, die sich hier in Richtung Europa aufmachten und dort roh überlebten. Dass das natürlich nicht unsere direkten Vorfahren sind, die ja später aus afrika einwanderten, sollte klar sein. Dennoch ist es aus meiner Sicht bemerkenswert und lässt eben die nordische Rohkost nicht ganz unmöglich erscheinen.

Ich habe ja schon lange, auch angesichts der Entwicklung der Rohkostszene, die man ja z.B. auf Facebook gut beobachten kann, das Gefühl, dass wir dort roh leben sollten, wo wir "hingehören". Wo das ist muss jeder für sich entscheiden, aber ich finde es irgendwie kurios, dass man als Europäer, Kanadier oder US-Amerikaner extra nach Costa Rica oder Thailand ziehen muss, um eine vegane stark früchtebetonte 80-10-10 Rohkost zu praktizieren. Aus meiner Sicht ist das dann nur eine Exklusivernährung für wenige. 

Eine Rohkost, die quasi als Bedingung einer praktikablen Umsetzung den Umzug in tropische Gebiete voraussetzt, wo diese (Zucht)-Früchte wachsen, ist bestenfalls grotesk zu nennen und eher die Spielwiese für Aussteiger und andere Minderheiten ohne familiäre Bindungen unter Nutzung von technischen Hilfsmitteln wie Fliegerei und Schifffahrt.

Das kommt ja für die meisten Mitteleuropäer, die hier ihr Leben aufgebaut haben, nicht in Frage. Deswegen ist der Hinweis, dass Europa zumindest von nahen Verwandten schon rohköstlich erobert wurde, hier hilfreich, um daraus auch Rückschlüsse auf eine etwaige "europäische Rohkost" zu ziehen.

Waren unsere Vorfahren reine Fleischfresser? Veganer? Allesfresser? Auch das scheint mir wichtig zu klären, um hier Klarheit zu erlangen, wie eine funktionierende Rohkost jenseits aller Voreingenommenheit und Vorurteilen aussehen könnte.

Auch heute noch ist der Mensch weder ein reiner Fleischfresser (Carnivore) noch ein reiner Pflanzenfresser (Herbivore), sondern ein so genannter Allesfresser (Omnivore); umstritten ist allerdings, welcher Anteil der Nahrungsaufnahme auf Fleisch und auf Pflanzenkost entfiel: Während sich die Evenki in Sibirien und die Inuits überwiegend fleischlich ernährten, lebten die Völker in den Anden in erster Linie von pflanzlichen Nahrungsmitteln; bei der Mehrheit der heute noch lebenden Jäger-und-Sammler-Völker stammt allerdings weit über die Hälfte der Kost von Tieren.

Andere Quellen nennen andere Anteile:

Spätestens vor 450.000 Jahren gab es Jagdaktivitäten, wie Funde von Waffenresten von Homo heidelbergensis in Europa eindeutig belegen. Es wird ein stetig wachsender Fleischanteil in der Ernährung vermutet, was in der Fachwelt aber nicht unwidersprochen ist. Zum einen könnten Knollen und Zwiebeln doch einen höheren Anteil an der Nahrung des späten Homo erectus (= Homo heidelbergensis) gehabt haben, zum anderen könnte vor allem das Sammeln und Fangen von Kleintieren, wie Nager oder Schildkröten, zur Deckung des Nahrungsbedarfs gedient haben. Womöglich wird die Bedeutung der Jagd also überschätzt. An Funden aus der Höhle von Arago bei Tautavel in Südfrankreich wurde beispielsweise die Abnutzung der Zähne von Homo heidelbergensis mikroskopisch untersucht. Die Ergebnisse ließen auf eine raue Nahrung schließen, die zu mindestens 80 Prozent aus pflanzlichen Anteilen bestand – dies entspricht ungefähr einer Zusammensetzung der Nahrung, wie sie auch bei heutigen Jägern und Sammlern üblich ist. Zu beachten ist hier, dass aus dem europäischen Homo heidelbergensis zwar der Neanderthaler hervorging, nicht aber der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens). Jedoch wird dem afrikanischen Homo rhodesiensis, der vermutlich zum Formenkreis des sogenannten archaischen Homo sapies gehört, wegen seiner stark abgenutzten Zähne ebenfalls der Verzehr von überwiegend sehr rauer pflanzlicher Nahrung zugeschrieben.

Die mehr als 150.000 Jahre alten Hinterlassenschaften der afrikanischen Pinnacle-Point-Menschen verweisen auf eine intensive Nutzung von Meeresfrüchten. Der älteste Beleg für Fischfang auf dem offenen Meer stammt aus Osttimor und wurde auf ein Alter von 42.000 Jahren datiert.

Wenn man sich mal anschaut, wie z.b. die Urkost von Brigitte Rondholz aussieht, so kann man auch hier einen relativ großen Anteil von importierten tropischen Früchten erkennen. Selbiges gilt für die 80-10-10er, die Rohkost in Deutschland praktizieren und hier auf den Import von z.B. großer Mengen an Bananen, Mangos und Papayas angewiesen sind.

Das hat aber alles erstmal nichts mit einer natürlichen Rohkost zu tun, sondern ist nur durch klimaschädliches Verhalten möglich.

Worauf ich hier nicht eingehen möchte ist die Phase des Ackerbaues und der Viehzucht, die relativ kurz ist im Vergleich zur Zeit davor und die geprägt ist von Kriegen, Gewalt, Aggressionen und Herrschaftsdenken.

Vielleicht nur kurz, welchen Einfluss diese "Revolution" auf den Menschen hatte:

Für die vor 30.000 Jahren in Europa lebenden Männer wurde die Körpergröße auf im Mittel 1,72 Meter geschätzt; später – offenbar infolge der Ausweitung der Landwirtschaft – verschlechterte sich die Ernährungslage, so dass die Körpergröße bis vor 4000 Jahren stetig abnahm. Eine weitere Größenabnahme ereignete sich im Mittelalter. Erst seit etwa 100 Jahren hat die Körpergröße der männlichen Europäer wieder den Ausgangswert erreicht und ihn in jüngster Zeit überschritten. (...)

Vor rund 10.000 Jahren führte die Verbreitung des Ackerbaus zur sogenannten neolithischen Revolution. Diese kulturell äußerst bedeutsame Entwicklung ermöglichte dem Menschen die Sesshaftigkeit und führte durch die planvolle Nutzung der Natur zu einer größeren Unabhängigkeit von äußeren Bedingungen. Teilweise verschlechterte dies allerdings die Ernährungslage der Menschen durch eine drastischen Verengung des Nahrungsangebots auf wenige Feldfrüchte.

Ich kann nur jedem empfehlen, mal ins Museum für Vorgeschichte in Halle/Saale zu gehen und sich die eingeschlagenen Schädel anzuschauen, die mit der Einführung von Ackerbau und Viehzucht begannen. Was ja bis heute nachwirkt.

Diese Ausführungen decken sich auch mit meinen persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen:

Nach heutigem Kenntnisstand des Verlaufs der Hominisation ist der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens) demnach „von Natur aus“ weder ein reiner Fleischfresser (Carnivore) noch ein reiner Pflanzenfresser (Herbivore), sondern ein Allesfresser (Omnivore). Die omnivore Lebensweise erleichterte es dem modernen Menschen, sich nahezu jedes Ökosystem der Erde als Lebensraum zu erschließen.

Was sagt uns das alles? Nun zum einen, dass man nicht dogmatisch rangehen sollte, sondern das die Menschen je nach Typ unterschiedlich sind und unterschiedliche Ernährungsbedürfnisse haben. Einen Menschen, der vielleicht eher zum Fleischessen neigt eine vegane Rohkost aufzuzwingen ist genauso unsinnig und zum Scheitern verurteilt wie umgekehrt einem Menschen, der sich mehr zu pflanzlicher Nahrung angezogen fühlt, eine auf tierische Produkte basierende Ernährungsweise aufzuzwingen.

Des weiteren ist das Proklamieren von Extremen (rein tierische vs. rein pflanzliche Ernährung) als "einzig wahre Kostform" vor diesem Hintergrund schlicht und ergreifend unhaltbar.

Wenn man von Urkost spricht, muss man eben auch tierische Produkte sagen. Und wer Paleo sagt, muss auch 50-80% pflanzliche Kost einbeziehen.

de.wikipedia.org/wiki/Ern%C3%A4hrung_des_Menschen

de.wikipedia.org/wiki/Hominisation#Ern.C3.A4hrung

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