Bestätigung Bernd Senf

01.12.2015 11:57

Gestern ist mir auf Facebook etwas passiert, was Bernd Senf in vielen seiner Vorträge immer wieder anspricht: die extremen Abwehrreaktionen gegen bestimmte Informationen, die das eigene Weltbild ins Wanken bringen könnten. Was ist passiert: ich hatte einen Facebookfreund, der sich stark mit Liberalismus beschäftigte. Er postete ab und an Bildchen und Infos zu diesem Thema. Die waren zumeist anti Staat, pro Steuerflucht, anti Sozialismus, pro Kapitalismus, letztens auch pro Waffen a la USA, und vor allem pro Freier Markt, freie Marktwirtschaft. Und ich habe dann zumeist kritische Kommentare dazu gegeben, sachlich und oft auch fundiert und mit Links zu weiterführenden Seiten.

Gestern dann haben wir uns über die Ursachen der Flüchtlingskrisen unterhalten und ich habe gesagt, dass es eben entweder offene oder struturelle Gewalt ist, die die Menschen wegtreibt. Bis dahin waren wir uns dann ja einig. Ich habe dann mal ein Video von Bernd Senf verlinkt, wo er auf die Gewalt als Geburtshelfer des Kapitalismus eingeht. Bernd Senf bezieht sich da auf die Forschungsarbeiten von Karl Marx zur Geburtstunde des Kapitalismus (sehr sehenswertes Video, da es die historische Entstehung des Kapitalismus beleuchtet). 

Und das es hier um Arbeiten von Karl Marx ging, muss solche Abwehrreaktion ausgelöst haben, dass er das Video nicht ansehen konnte, mir vorhielt, dass er Marx genauso wie Hitler für Millionen Tote verantwortlich machte (was natürlich Stuss hoch n ist), das an dessen Theorien absoluts nichts dran sein könne, Bernd Senf war dann nur noch "dieser Typ" der die (heilige) Marktwirtschaft kritisiert (und die neoklassische Theorie auch ziemlich klar zerlegte) und dann hat er mir in einer starken Abwehrreaktion die Freundschaft gekündigt und den Link umgehend gelöscht.

Die Befürworter des Freien Marktes sind ja oft wirklich etwas putzig. So frei ist der Geist dann doch nicht!

Aber interessant waren auch meine Gefühle: erst war ich erstaunt, dass ich die Seite nicht mehr aufrufen konnte. Ich habs das erst gar nicht kapiert, dass der mich da gesperrt, oder den ganzen Kram gelöscht hat, dann wurde ich etwas wütend, weil so kann man mit einem Tiger nicht umspringen. Aber dann kam eine echte Welle von Mitgefühl hoch. Das muss so schlimm für den gewesen sein. Der arme Kerl, da hat er sich so mühsam ein Weltbild aufgebaut, wo der Freie Markt über allem steht, wo der Kapitalismus das Beste aller Systeme ist und dann wird das fundiert hinterfragt und kritisiert. Und schlimmer noch: es wird nachgewiesen, dass es aus blanker Gewalt geboren wurde. Das muss zuviel für ihn gewesen sein. Eine zu große Bedrohung des Weltbildes. Wie gesagt, er musste das Video nach 30 Minuten ausmachen. Die Widerstände waren zu groß, und dann wurde ich ruck zuck "entfreundet", sprich, die Bedrohung wurde eliminiert. Die Quelle, die die Angst auslöste, wurde beseitigt. Aber nicht im eigenen Inneren, nicht durch Hinterfragen des eigenen Weltbildes, sondern im Gegenüber.

Also ich habe das ja schon oft erlebt, dass Menschen in Diskusionen auf Abwehr gestellt haben und ihr Weltbild aufrecht erhalten wollen. Grade wenn man sich zu sehr in etwas reinsteigert.

Aber es bringt ja nichts! Man muss sich, auch wenn es schwerfällt und oft nervt, einfach auch ab und an mit den Argumenten / Ansichten der "Gegenseite" beschäftigen. Was hat man denn zu befürchten? Jede sachlich geführte Diskussion ist doch ein Gewinn und wenn es mein Weltbild erschüttert, na gut, dann war es eh nicht wirklich gut. Wieso sich daran klammern?

In Zeiten von Facebook und Co aber muss man stark aufpassen, dass man nicht in eine "Echokammer" gerät. Was heisst das? Auf den Nachdenkseiten findet sich dazu am Beispiel von Pegida eine interessante Betrachtung.

(...) Und diese Unterstützer haben ihrerseits ihre eigenen Facebook-Freundeskreise, in denen mediale Inhalte geteilt und diskutiert werden. Wobei man jedoch mit dem Begriff „Diskutieren“ vorsichtig sein sollte. Es ist natürlich nicht so, dass abweichende Positionen oder Fakten, die dem eigenen Weltbild zuwiderlaufen, dort im Rahmen eines kritischen Diskurses ergebnisoffen debattiert werden. Ganz im Gegenteil. Der weltanschauliche Konsens ist vielmehr das vereinende Element dieser Gruppen. Man filtert Inhalte, die diesem Konsens widersprechen, bereits vorher aus und ist sich vor allem darin einig, dass man sich einig ist. Kommunikationswissenschaftler bezeichnen diesen Effekt als Echokammer. Mit Echokammer wird dabei das Phänomen beschrieben, dass viele Menschen in den sozialen Netzwerken dazu neigen, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben und sich dabei gegenseitig in der eigenen Position zu verstärken. In den Netzwerken selbst bildet sich dadurch eine fatale Dynamik. Befeuert durch die Echokammer verbreiten sich nicht nur konsensfähige Inhalte, sondern auch Kommentare innerhalb der Netzwerke wie ein Lauffeuer. Wer den Konsens der Gruppe am Besten trifft, wird „geteilt“ und „gelikt“ und kriegt aus anderen, harmonierenden Kreisen Freundschaftsanfragen. Die Echokammer wächst und damit auch der Eindruck, man sei selbst keine Minderheit, sondern eine gesellschaftlich relevante Mehrheit.

www.nachdenkseiten.de/?p=28235

Ich persönliche habe Gruppen, wo es nur um ominvore Rohkost ging, oft als total langweilig empfunden. Erst der Dissens, die Diskusion, der Austausch mit dem Gegenüber schärfte den Geist und man wird auch gewahr, wo man selber noch Unsicherheiten und Längen hat.

Das Leben in der Echokammer ist bequem, da man plötzlich nur noch von Gleichgesinnten umgeben ist und keine ernsthaften Debatten mehr führen muss. Dummerweise ist die Außenwirkung dieses internen Schulterschlusses gleich null. Die Welt nimmt es vielmehr überhaupt nicht zur Kenntnis, wenn diese oder jene Echokammer wieder einmal einer Meinung ist.

Echte politische Debatten finden innerhalb dieser Netzwerke gar nicht mehr statt; ja sie können überhaupt nicht stattfinden, da Debatten mit Personen, die ohnehin einer Meinung sind, per se fruchtlos sind. Wer überzeugen will, der darf nicht das dünnste Brett bohren, sondern sollte sich wenn möglich das dickste Brett heraussuchen. Raus aus der Echokammer! Raus aus der Filterblase! „Entfreunden“ Sie Pegidisten nicht, sondern überzeugen Sie sie. Bombardieren Sie sie mit den Informationen, Positionen und Deutungen, die sie ansonsten herausfiltern und gar nicht an sich heranlassen. Das wäre ein echter politischer Diskurs. Wer sich diesem Diskurs versagt, muss sich nicht wundern, wenn Pegida vor allem virtuell immer mehr Zulauf bekommt.

So habe ich das in Diskussionen immer gehandhabt. Links, Fotos, Artikel, also Informationen zum jeweiligen Thema, dass dem anderen zeigt, dass die Welt größer ist als nur dass, was man durch seine Filter zulässst. In der Vergangenheit waren das oft Diskussionen zum Thema roh vs. gekocht, vegan vs. omnivor, pro vs. contra Früchte / Tropen / Gentechnik / Pestizide / Biolandwirtschaft / aktuelles Geldsystem. Und sehr oft ist der gegenüber dann irgendwann auch virtuell weggelaufen. Sprich man wurde entfreundet, blockiert, Gruppen wurden verlassen usw. Manchmal bin ich auch fast ausgerastet, aber es ist wurscht: die sachliche Diskussion ist es allemal wert, geführt zu werden. Man kann nur das verlieren, was eh zu schwach war und ansonsten war es immer ein Gewinn.

Hier noch abschließend das besagte Video, das den Liberalen so Angst gemacht hat. Ja, ein Gespenst geht um...

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