Betreutes Sterben

15.08.2018 21:37

Gestern war ich zur Gemeindeversammlung. Es ging darum, dass die Gemeinde Osternienburger Land, immerhin nun mehr als 20 Ortschaften umfassend, einen Entwicklungsplan erstellen lassen will, der, so habe ich es verstanden, am Ende Maßnahmen festlegt, wie es in den Gemeinden weiter gehen soll. Vom Vereinsleben über Internet bis zur Dorfteichsanierung. Sowas...

Derzeit ist es noch in der Entstehungsphase. Man schaut, was ist und welche Ideen es gibt.

Ich hatte auch einige.

Am Ende sollen dann diese mal geplanten Maßnahmen umgesetzt werden, indem man Fördergelder abfasst.

Für mich mutet das aber alles an betreutes Sterben an. Die Dörfer schrumpfen oder können gerade so ihre Bevölkerungszahlen halten und man hat KEINE Idee, wie man das aufhalten kann. Wie auch. Der Sinn der Dörfer ist einfach hinfällig.

Früher waren Dörfer Selbstversorgergemeinschaften. Mit Bäcker, Kneipe, Schmied, Stellmacher, Schule. Man hat Landwirtschaft betrieben und die Überschüsse verkauft und davon eben die ganzen anderen Berufe finanzieren können. Und so konnten alle mehr oder weniger gut leben und hatten ein Auskommen.

Das hat auch bis zur Wende noch gut geklappt. Da hatte man zwar schon die LPGs, also die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, die schon in Richtung industrielle Landwirtschaft gingen, aber es gab noch viel Selbstversorgung und Kleinanbau, der wieder Einkommen generierte.

Und heute?

Nichts.

Kleinanbau lohnt nicht mehr, die Jobs auf den Kolchosen sind dahin, Kleinbetriebe wie im Westen gibt es kaum ... das ist ein Sterben, den man hier hautnah beobachten kann. Klar, ist nicht alles schlecht und es gibt auch Nachwuchs und es ziehen wieder Leute aufs Dorf, aber das ist kein Vergleich zu dem, was hier noch bis zur Wende los war.

Und so habe ich am Ende die aus meiner Sicht entscheidende Frage gestellt: Wie schaffen wir es, dass wieder Menschen aus der Stadt aufs Land ziehen und hier ein Einkommen generieren können.

Darum gehts. Um das Generieren von Einkommen.

Wieso sollte ich aufs Dorf ziehen, wenn die Jobs in den Städten sind, die Kultur, die größere Auswahl an Sexualpartnern, die Versorgung, die Schulen?

Und da sieht man auch, dass es da einfach keine wirklichen Ideen gibt. Stichwort schnelles Internet, auch so ein Ding. Wir sollen ja nun auch schnelles Internet bekommen. Glasfaser. Und gestern höre ich nun, dass die Telekom das dann bis an den Knotenpunkt am Ortsrand legen wird, es aber dann bis zum Endverbraucher als Kupferkabel weiter geht.

Ich habe da keine Worte mehr, um meine Entrüstung und meine Fassungslosigkeit in Worte zu fassen.

Das wird dann wohl wieder JAHRE dauern, bis es dann vom Knoten bis zum Endverbraucher wirklich schnell ist. Wahrscheinlich ist es dann schon wieder veraltet, wenn es hier endlich ankommt.

Ok, vielleicht habe ich es aber auch nur falsch verstanden, das kann ja auch sein.

Insgesamt bin ich mit der Gesamtsituation aber unzufrieden. Wir machen, und das ist genau das, wo ich mit dem Harald Lesch übereinstimme, seit der Wende genau das Gegenteil von dem, was wir hätten tun müssen.

Heute haben die großen Agrargenossenschaften alles im Beschlag und das war ja politisch so gewollt.

Billigst Nahrungsmittel zu produzieren war das Ziel und das hat man geschafft.

Es wäre viel besser gewesen, die Kleinerzeugerstrukturen zu erhalten und zu fördern. Aber das wollte man nicht. Eine Bäuerin hier im Ort hat mir mal erzählt, was das für eine Tortour war, als die sich nach der Wende als Bauern wiederetabliert haben. Das wollte man politisch garnicht, sondern man wollte diese riesen Agrarbetriebe.

Ich sehe im Grunde nur eine Möglichkeit, die Dörfer wiederzubeleben. Es braucht gute Verkehrsanbindung, schnelles Internet und die Möglichkeit, erschwinglich Land zu kaufen oder zu pachten, entsprechend zu bewirtschaften und die Überschüsse zu verkaufen. Gleichzeitig wäre ein Pestizidverbot dringend notwendig und die Verursacher von Umweltschäden, wie jetzt die großen Landwirtschaftsbetriebe, die das Grundwasser belasten, müssten das selber bezahlen und so ihre Preise entsprechend nach oben anpassen. So kanns vielleicht was werden.

Ansonsten sehe ich da rot:  www.bertelsmann-stiftung.de/typo3temp/GB/csm_697354861Bevoelkerungsentwicklung_D_87d10a9806_5ce3357754.jpg

Meine Schwägerin hat mir heute auch gesagt, wenn du was ändern willst, musste eben politisch aktiv werden. Aber ich glaube eher, dass man am Ende von den Institutionen gefressen wird, statt was zu ändern. Ich erinnere mich da noch an den Spruch vom Reinhold Messner, der sinngemäß nach seinem desillusioniertem Ausscheiden aus dem Europaparlament sagte, es sei nutzlos, von Politikern zu erwarten, dass durch sie etwas besser würde. Man müsse es selber tun.

Aber ich bin meiner Zeit vielleicht einfch auch voraus und es ist noch nicht so weit, dass die Menschen den Wert der ländlichen Räume erkennen und es erst dann wieder entsprechende Entwicklungen gibt.

Man kann nur ab und an mal Denkanstöße geben und etwas vorleben. Und fertig.

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