Birnenernte

22.09.2017 20:38

Heute waren wir wieder auf Achse. Dieses Mal hauptsächlich, um Birnen zu pflücken. Ja, das ist eben noch das Erbe der Alten, die damals an alle Straßen und Wege Obstbäume gepflanzt haben. Richtig alte Sorten, Hochstamm, zum Teil sind die Bäume mindestens 60 Jahre alt. Die gehen nun langsam ein, einer nach dem anderen, und werden natürlich nicht ersetzt. Die Menschen haben kein Interesse mehr, seitdem es Äpfel und Birnen selbst aus Neuseeland oder Argentinien für 1,99€ das Kilo gibt. Und so vergammelt es zumeist ungenutzt.

Ja, da steht er nun, der Birnbaum. Wie eine schöne Frau, die ihre Liebe freimütig verschenkt! Hier! Nehmt!! Und keiner will es haben, die Früchte fallen runter, Wespen fressen es auf, ab und an frisst ein Reh in der Nacht, aber die Menschen fahren vorbei, in ihren Autos sitzend, auf dem Weg zur Arbeit oder wieder zurück und sie sehen es zwar, aber sie halten nicht an.

Schon erstaunlich... Die Natur ist so freigiebig, produziert so verschwenderische Fülle und die Menschen lassen es zumeist einfach links liegen.

Sogar Gedichte wurden darüber geschrieben...

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit

Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.

Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

hr-vonribbeck personimbett blumenstrauss birnenbaum

 

Früher mussten sich die Dorfgemeinschaften eben selbst versorgen und so wurden eben auch überall an die Wegesränder und Straßen Äpfel, Kirschen, Birnen und Pflaumen gepflanzt und auch genutzt.

Nach der Wende kam dann der große Niedergang. Gärten wurden verlassen, zum Teil wurde wieder Acker draus, wo riesige Agrargenossenschaften Mais und Raps pflanzen, die Bäume wurden hingegen nicht mehr gepflegt und verschwanden nach und nach, um mit Zieräpfeln und Ahorn ersetzt zu werden.

Ich halte auch diese Entwicklung für Degeneration.

War man früher noch bemüht, sich unabhängig zu machen, und vor allem wusste man, wie man überlebt, so begeben sich die Menschen heute mit unerwarteten Elan in die Vollabhängigkeit. Ziehen in die Städte, von der System-Politik noch gefördert, machen sich dort zu 100% von ALDI und Co. in ihrer Versorgung mit Lebensmitteln abhängig und verdienen ihr Geld oft in energieaufwendigen und ressourcenverschwendenden Jobs, welche schlichtweg nicht nachhaltig sind und irgendwann wieder verschwinden werden.

Darüber hinaus haben sich die Menschen so sehr erpressbar gemacht.

Als die große Masse endgültig ihre Gärten aufgegeben, ihren Grund verkauft und ihre Versorgung ausgelagert hatte, schnappte die Falle zu! Zack!! So Freunde, von wegen ab jetzt wirds besser. Jetzt machen wir erstmal Hartz4, denn nun seit ihr so richtig erpressbar! Und da kaum noch jemand etwas hat, worauf er zurückfallen kann, ist er total erpressbar. Ohne Job fällt jeder nach einem Jahr quasi ins Bodenlose.

Das hat natürlich niemand bedacht, als er seinen Garten hat verwildern lassen, seinen Grund verkaufte, um sich ein schickes neues Auto zu leisten, oder als er in der Stadt ankam und nur den Raum zum leben hat, den er sich leisten kann.

Aber diese Entwicklung geht ja schon seit Beginn des Kapitalismus. Damals ging diese Entwicklung ja los.

Ja, und so profitiere ich eben immer mal von den Resten dieser alten Kulturlandschaft. Kann mir aus nun verwilderten Gärten noch Äpfel holen, oder sie von den Bäumen an den Feldwegen pflücken. Und Birnen eben dito.

Die Masse der Menschen ist nun mit Haribo, Nutella und Werthers Echten abgefüttert. Dazu gibts für die Jungen Milchschnitte, Kinderschokolade und später dann McDonalds. Und Menschen, die erstmal so verführt worden sind, deren Lustzentrum erstmal so gehackt wurde, die verlieren die Liebe zur Natur, für die werden Gärten und Streuobstwiesen fremd. Das System hat sie vollkommen abhängig gemacht, hat quasi die System-Geschmäcker direkt ins Gehirn implementiert und die Menschen können nun ohne diese Sachen nicht mehr leben. Wer eine Büro-Revolte anzetteln will, muss nur den Kaffee verstecken.

Alles natürliche schmeckt nicht mehr wirklich, also MUSS man, um das Lustzentrum im Gehirn zu befriedigen, wieder auf diese Konsumprodukte zurückgreifen und einen nicht unerheblichen Teil des Einkommens darauf verwenden.

Es ist einfach nur noch tragisch.

Und das geht ja in der Rohkostszene weiter. Die ist ja bisher auch eine Art System-Rohkost. Überwiegend politisch korrekt vegan, Chiasamen, Tropenfrüchte, Superfoods aus fernen Ländern. Das ist alles schön systemkonform. Da gehts um Buisness, um Geld verdienen, um das Verlagern von Abhänigkeiten. Äpfel? Birnen? Pflaumen? Ihhhh... lieber Durian, Mangos und Papays aus fernen, tropischen Ländern. Und gleichzeit vergammeln in halb Baden-Würtemberg die Streuobstwiesen, hören sie Schäfer auf, weil es sich nicht mehr lohnt und im Osten wachsen die Gärten zu.

Ob das alles der richtige Weg ist?

Es ist wie es ist.

Zum Glück gibt es ja auch wieder Gegenbewegungen. Und in vielen YouTube-Videos sieht man ja schon, dass die Menschen wieder mehr Richtung Gemüse, Grünzeug, Äpfel und Sprossen gehen. Im Grunde ist ja das Ziel: einfache, nachhaltige Rohkost und dafür mehr Gemeinschaft, mehr Kuscheln, mehr Liebe. :-)

Darum gehts doch eigentlich, oder?

1. Birnenernte. Habe mir gestern im Baumarkt eine 4m Verlängerung gekauft... da kommt man auch gut an die Birnen der Hochstämme ran.

2. Ich habe keine Ahnung, was das für eine Sorte ist. Ist aber offensichtlich eine Lagerbirne, die irgendwann in den nächsten Wochen reif sein wird.

Das ist auch so was: man hat da echt welche zum gleich Essen gezüchtet und welche zum Einlagern. Die waren schon genial, die Alten! Die haben sich echt Gedanken gemacht und aus Mangel eigentlich Vielfalt, Fülle und Reichtum erschaffen. Da muss man wirklich mal sagen: Respekt!!

Die Birnen essen zumeist mein Oldies. Ich esse lieber Äpfel. Aber ab und an ist es schon OK.

2. Hier noch bei der Apfelernte. Auch so ein uralter Hochstamm-Apfelbaum. Ich denke, es ist Cox Orange. Das ist ja ein richtig guter Apfel. Meine Mutter mag den besonders. Auch hier: was für eine Vielfalt die Alten erschaffen haben! Für jeden ist was dabei. Vom saftig süßen Augustapfel bis zum würzigen Lagerapfel. Auch hier: Respekt Leute!!!

3. Die Gärten sind hier auch zum Teil aufgegeben worden. Die Menschen sind entweder zu alt geworden, um die Gärten noch zu pflegen, oder sie haben dafür keine Zeit mehr, weil sie arbeitsmäßig massiv eingespannt sind. Viele müssen ja heute ewig weit pendeln, um zur Arbeit zu gelangen, oder sind eh schon weggezogen. Oder es fehlt schlussendlich das Interesse, weil man das was man braucht, eben bei Aldi, Kaufland oder einem anderen Discounter bekommt.

4. So bleibt eben mehr als wir überhaupt verbrauchen können übrig.

5. Der Rest vergammelt eben.

6. Eine "homegrown"- Melone. Die war perfekt! Es ist schon erstaunlich, wieviel so ein kleiner Garten eigentlich auch abwirft.

Ansonsten war ich noch eine Stunde zum Sport und höre gerade öftes dieses Album: www.youtube.com/watch?v=IwbhPJsnE6U&t=475s

Einfach nur genial! Richtig gute Musik.

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