Das abgetrennte Fühlen

29.08.2016 13:02

Ist euch schonmal aufgefallen, dass es seit einigen Jahren eine sehr subtil wirkende Entfremdung von den eigenen Gefühlen gekommen ist? In einer natürlichen Umwelt und in einer ursprünglichen Gruppe haben die Gefühle immer etwas angezeigt, bzw. waren eine entsprechende Reaktion auf äussere Reize. Man war also im direkten Kontakt damit: man war je nach Umstand glücklich, traurig, zornig, ängstlich, wütend, liebend, oder man fror, man schwitze, man fühlte sich wohl. Diese Gefühle waren da und einfach Teil des Menschens / Vormenschens.

Irgendwann aber kam es zu einer Entfremdung von seinen Gefühlen. Ich glaube, dass hat viel mit Herrschaftsstrukturen zu tun. Es ist ja eigentlich immanent wichtig, dass man dem "Sklaven" (so nenne ich jetzt mal alle Beherrschten), ein Misstrauen gegen seine eigene Gefühle einimpft. Das macht ihn gefügiger und ist ein sehr starkes Kontrollinstrument. Die Religionen haben da wahrscheinlich auch stark gewirkt und wirken bis heute. Wird man angesichts bestimmter Entwicklungen wütend, vielleicht weil der Lehnsherr wieder mehr Abgaben verlangt und die notfalls mit brutaler Gewalt abpresst, so ist es natürlich sehr hilfreich, wenn es gleichzeitig Religionen gibt, die den Menschen von diesen Gefühlen quasi innerlich abtrennt, so dass sie keine Wirkungen entfalten, oder bestenfalls auf die eigene Klasse gerichtet sind. 

In unserer Zeit läuft diese Entfremdung natürlich weiter. So gibt es seit einigen Jahren bei der Temperaturangabe immer auch die Angabe der "gefühlten" Temperatur. Wieso eigentlich? Und was passiert da? Ganz einfach: man macht einen Graben auf zwischen dem, was man empfindet, und dem was angeblich wirklich ist. Somit kommt es bei täglicher Wiederholung schleichend zu einer Entfremdung von der eigenen Gefühlswelt, die aber, dass ist der Gag, ja die eigene Wirklichkeit ist. Bei der Temperatur ist es für den Körper vollkommen unerheblich, wie warm oder kalt es auf dem Thermometer ist, sondern NUR die GEFÜHLTE Temperatur ist ausschlaggebend!! Denn die zeigt an, ob ich mehr anziehen muss oder weniger. Nur die gefühlte Temperatur ist die REALE Temperatur, die die wirkt!

Wenn ich also einmal bei 2°C Sonnenschein und einmal bei 2°C Sturm unterweg bin, dann brauche ich natürlich bei letzteren Umstand mehr Klamotten und mehr Kalorien, da der Wind mir die Körperwärme sehr viel schneller abführt.

Und jetzt kommts: durch diese Objektivierung verliert man natürlich auch sein Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.

Und ich wette, das ist gewollt! 

Denn man nimmt, wenn man aufmerksam ist, in vielen Bereichen plötzlich diese Objektivierung vor, die die Menschen einerseits beruhigt, andernseits von ihrer eigenen Wahrnehmung abtrennt und darüber hinaus werden Leute, die sich nicht einlullen lassen, damit diskreditiert.  

Beispiele: Der "gefühlte" Anstieg der Kriminalität, das "gefühlte" Empfinden, dass man sozial absteigt, die "gefühlte" Preissteigerung, die "gefühlte" Armut, die "gefühlte" Krise. Zumeist werden dann sofort Beruhigungspillen nachgeschoben, die das Empfundene relativieren und somit entschärfen. "Nein, statistisch gesehen...", und schon wird man beruhigt und gleichzeitig belehrt, dass die Gefühle eben täuschen.

In den letzten Jahren wurde ja "die / der / das gefühlte xxx" auch zu einem geflügelten Wort, meist um Andere zu dikreditieren. Vor allem halt die, die sich NICHT so leicht beruhigen lassen.

Der Kaninchenbau reicht wirklich tief!

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