Der Lack ist ab

13.02.2017 10:47

Ist euch schonmal aufgefallen, dass wir in einer wirklich hübschen Welt leben? Also alles schön bunt, neu, Glasbauten, neue Dächer, gepflegte Rasen, hell erleuchtet ... also ein Ausdruck von echtem Reichtum. Nur wenn man sich die Menschen anschaut, die da so kreuchen und fleuchen, dann ist man ja oft verwundert, dass die nicht so aussehen, als lebten sie in Saus und Braus, sondern oft verlebt und fertig.

Ich habe gestern mal einen jungen Freund gefragt, wann er das letzte Mal einen Menschen hat singen hören, außerhalb der Familie oder im Radio / TV / Internet. Wann er das letzte Mal jemanden hat pfeiffen hören, oder  laut und herzlich lachen? Dann hat er mich angeschaut und gesagt: noch nie!

Und wahrscheinlich gibts da einen Zusammenhang.

Als ich Kind war, habe ich oft Menschen pfeiffen hören. Auf dem Rad, im Garten, selbst in der Stadt. Oder man hat irgendwo wen laut lachen hören. Da saßen die irgendwo im Garten und haben trotz der Härte des Lebens einfach mal laut gelacht. Und als Kinder und Jugendliche war das Wichtigste überhaupt, bzw. ein Merkmal unserer Sozialstruktur, viel zu lachen. Dazu wurde rumgeblödelt, Witze erzählt, vollkommen absurde Gesichten erzählt. Und jeder war mal dran, quasi als Lachnummer zu dienen.

Wir sind in den 90ern mal zu einem Open Air nach Holland gefahren. Im Zug saßen wir dann auch mit anderen Zugfahrern zusammen, die natürlich stocksteif und mit regungslosem Gesicht dahockten. Dann ging es los mit Rumspinnen. Das war oft eine vollkommen absurde Gesichte, deren einziges Ziel es war, uns zum Lachen zu bringen. Und dann waren wir vollkommen im Fluß und die junge Frau am Fenster gab nach einiger Zeit auf, ihre Maske fiel und sie musste mitlachen. Sie hat lange gekämpft, aber wir waren damals zu talentiert... und sie konnte nicht anders als mitzulachen. Sieht witzig aus, wenn jemand im Zug sitzt, so steif, das Gesicht zur Maske versteinert und dann erst grinsen und dann lachen muss.

Das ist irgendwie alles vorbei. Heute musste eher aufpassen, nicht Opfer von Gewalt zu werden.

Und wahrscheinlich hängt das mit dem Aufwand zusammen, den man hat, um diesen Reichtum zu halten und zu mehren. Das frisst immer mehr Energie, Ressourcen und irgendwann gibts dann nichts mehr zu lachen. Oder das Lachen wird zynisch.

In der letzten Ausgabe von "Positionen" auf KenFM sagt ja der Büntig, dass er beeindruckt war in der Wendezeit, wie vertrauensvoll und lösungsorientiert die ostdeutschen Kollegen in den Besprechungen waren, während er im Westen schon sehr in Konkurrenz mit seinen Kollegen stand, wer nun das größte Haus und das schönste Auto hatte.

Für mich ist es deswegen immer wieder heilsam, ab und an quasi als Vergleich diese alten Zeiten heranzuziehen und zu schauen, was sich verändert hat. Und mir ist eben aufgefallen, dass sich im menschlich-sozialen Bereich extrem vieles zum Negativen geändert hat. Für Menschen, die anders sozialisiert wurden, ist das oft nicht nachzuvollziehen, da sie es ja nie anders erlebt haben.

Aber es gab mal Zeiten, wo die Menschen trotz wirtschaftlicher Armut und Überwachung Lieder pfiffen, laut und herzlich lachten, wenn sie zusammen irgendwo standen und sich nett grüßten, wenn sie sich sahen.

Das gibts jetzt sicherlich auch noch, aber die Masse ist auf Konsum, auf Konkurrenz gebürstet, glotzt auf sein Smartphone und igelt sich in seine vier Wände ein.

Ich dachte eigentlich, dass es nur im Osten so ist, als Folge der Wende, aber auch in den alten Bundesländern, in Österreich und der Schweiz ist mir das aufgefallen. Kaum mal wirklich fröhliche Menschen, fast nie hört man herzliches Lachen, habe auch nie einen gehört, der einfach mal ein Lied pfeifft als Ausdruck von spontaner Lebensfreude.

Den Tag habe ich einen Faschingstrupp in einer süddeutschen Stadt beobachtet. Ein Trupp Männer mittleren Alters, albern verkleidet, es gab Bratwürschte und Bier und aus den Boxen dröhnte es laut. Ballermannmusik quasi. Aber die Jungs waren nicht wirklich fröhlich, sondern standen da irgendwie rum wie bestellt und nicht abgeholt.

Das alles hat nichts mehr mit spontaner Lebensfreunde, spontaner Arbeitsfreude, spontaner Herzlichkeit und spontaner Lust zu tun, sondern ist geplant. Morgen ist Fasching = fröhlich sein.

Das alles ist für Ausdruck und Symptom einer kranken Gesellschaft.

So wie die Flüsse eingefasst, geregelt und "beherrscht" werden, so ist es auch im Menschen. In der Masse zumindest.

Aber Gott sei Dank gibt es wie im Naturschutz auch woanders immer mehr "Renaturierungsprojekte".

Schaut euch mal einen frei fließenden Fluss an, wie kreativ und spontan der unglaublich viele Lebensräume schafft. Sandbänke, Schotterbänke, Abbruchkanten, Steilufer, Raubäume bis hin zu Altarmen und temporären Gewässern. Von unzähligen Vegetaionseinheiten ganz zu schweigen.

Davon kann man nur lernen.

Wenn es frei fließt, dann entsteht Lebendigkeit, dann entsteht Dynamik, dann entsteht eine natürliche Ordnung. Und es entsteht Schönheit. Ein eingefasster Fluß aber wird wild und  zornig und will sich von den Blockaden befreien. Und nur mit viel Aufwand kann man diese Wildheit unterdrücken und eindämmen.

Und genauso gehts auch im Menschen ab.

Nur mit Zwand, Druck, Zuckerbrot und Peitsche sind die Menschen noch bereit, ihren Job zu erledigen.

Das ganze System ist also schrottreif.

Schon innerlich tot, aber die steife Hülle hält es noch am Leben.

Es macht also Sinn, sich auf Alternativen zu konzentrieren und hier verweise ich mal wieder auf die Homepage von Bernd Senf, wo sich einige Projekte finden, die alternativ in die Zukunft weisen.

www.berndsenf.de/Links.htm#alternativen

Und kurioserweise muss ich zumeist den Song hier pfeiffen. Ich habe irgendwie oft gute Laune...

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