Die Deutschen werden immer kränker

15.10.2018 19:15

Eine gesunde Wirtschaft ist nur zum Preis kranker Menschen zu haben.

Erich Fromm

Heute bei Telepolis gefunden:

www.heise.de/tp/features/Die-Deutschen-sind-kraenker-denn-je-4190389.html

Die Krankenkassen erheben nämlich auch die Arbeitsunfähigkeitstage für verschiedene Störungsbilder und Krankheiten. Und diese zeigen unmissverständlich einen dramatischen Anstieg: Laut DAK Gesundheitsreport stieg der Wert für die psychischen Störungen von 0,8 pro Versichertem im Jahr 1997 auf 2,5 im Jahr 2017, also auf das mehr als Dreifache innerhalb der letzten 21 Jahre!

Tja, wieso wundert mich das nicht? Und wieso wundert es mich auch nicht, dass gerade Fälle von Muskel-Skelett-Erkrankungen (also Rückenschmerzen) und psychische Probleme zunehmen?

Der Rücken ist dauerangespannt und überlastet, die Psyche zunehmend überfordert. Ergebnis: Anstieg der Erkrankungen gerade in diesem Bereich.

Man sieht sehr deutlich, dass die Arbeitsunfähigkeitstage wegen Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems in den letzten elf Jahren nicht nur nicht abgenommen, sondern sogar sehr deutlich zugenommen haben. Das gilt in noch größerem Maße für die psychischen Störungen. Insgesamt gilt: Die deutschen Arbeitnehmer werden seit vielen Jahren kränker.

Na gut, dass sieht man den Menschen ja auch an. Ich bring ja immer an dieser Stelle den Klassiker: stellt euch mal eine halbe Stunde bei Kaufland an die Kasse und schaut, was da kreucht und fleucht. Da kann es einem Angst und Bange werden.

Und mit zunehmendem Druck im System, wird eben auch der Mensch immer mehr belastet. Und das zeigt sich eben vor allem im Bereich des Rückens, an dem ja alles andere hängt und im Bereich der Psyche. 2013 war ich ja auch fertig und das geht dann auch wirklich auf die Seele und man kriegt dann Depressionen und Angstzustände.

Ähnlich kann man auch mit Blick auf Krankenhausdiagnosen wegen psychischer Störungen argumentieren, die von 2000 bis 2016 von rund 911.000 auf 1,2 Millionen stiegen, also um 33%. Es ist nicht anzunehmen, dass Menschen jetzt massenweise ins Krankenhaus rennen, bloß weil sie sich ein bisschen müde oder gestresst fühlen.

Das geht ja heute schon in der Jugend los!

www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/stresslevel-bei-studierenden-steigt-weiter-an-15830521.html

Besonders bei Studentinnen ist die psychische Belastung den Angaben zufolge hoch: Jede Fünfte habe Symptome einer generalisierten Angststörung aufgewiesen.

Jede sechste Studentin zeigte Anzeichen eines depressiven Syndroms, habe sich also oft niedergeschlagen, schwermütig oder hoffnungslos gefühlt und Interesse und Freude verloren.

Mögliche Ursachen seien etwa Orientierungslosigkeit und Überforderung durch den Beginn eines neuen Lebensabschnitts, aber auch Prüfungsdruck und Zukunftsängste, erklärte einer der Studienleiter, Burkhard Gusy.

Also ich sehe hier zwei Ursachen:

1. Früher war das Leben einfach sicherer und man wusste, wer studiert, kriegt auch einen Job und insgesamt war das Leben ruhiger und überschaubarer. Dadurch sind natürlich mehr Energien frei und man kann Stress besser ab, als wenn man in einer unsicheren und immer unübersichtlicheren Welt lebt.

2. Die Jugendlichen sind nicht mehr so robust wie früher. Hat man ja an den Kindern gesehen, die einen Schock und Notarztbehandlung bekamen, nur weil irgendeine Olle nackig rumgerannt ist. Da fehlt es einfach auch an Nervenkraft.

Die Rückenprobleme und die psychischen Probleme nehmen also zu.

Dass sie dort [imKrankenhaus] durchschnittlich 25 Tage lang behandelt werden, spricht auch für die Ernsthaftigkeit der Probleme. Der Durchschnittswert blieb trotz des Anstiegs der Fälle von 2000 bis 2016 übrigens relativ konstant. Auch dies widerspricht der alternativen Erklärung, dass es beim Anstieg bloß um immer leichtere Fälle geht. (Für die Muskel-Skelett-Erkrankungen stieg die Zahl übrigens im selben Zeitraum von rund 1,2 auf 1,8 Millionen, also um 45%, die durchschnittlich elf Tage lang im Krankenhaus behandelt werden.)

Rücken und Psyche ... da schlägt sich der Stress nieder. Verspannungen und psychische Überlastungen. Für mich ist das keine überraschende Nachricht. Je schneller sich die Megamaschine dreht, desto mehr Probleme werden hochpoppen. Auch in diesem Bereich.

Dazu passt dann auch folgende Aussage:

Der Stressreport Deutschland 2012 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bietet zumindest einige Indizien für eine Antwort - mit Dank an einen Leser des ersten Teils. Der Bericht ergab nämlich deutlich, dass die psychischen Anforderungen bei der Arbeit in Deutschland sehr hoch sind, insbesondere in den Bereichen "verschiedenartige Arbeiten gleichzeitig betreuen" (Multitasking), "starker Termin- und Leistungsdruck", "bei der Arbeit gestört, unterbrochen" werden, "sehr schnell arbeiten müssen" (...).

Genau das, was ich auf der Arbeit massiv hatte. Zum Teil habe ich 23 verschiedene (Groß-) Projekte betreut, alle in unterschiedlichen Projektstadien. Und immer hatte ich das Gefühl, dem Zeitplan hinterherzulaufen und hätte mich am liebsten geteilt, damit alles zur Zufriedenheit der Kunden und der Firma abgearbeitet werden kann. Ich bin manchmal zum Termin regelrecht gerast, dann Anrufe noch dazwischen usw... das kann auch Spaß machen, so im Auge des Sturms zu stehen, aber wehe, man lebt so kontinuierlich im energetischen Minusbereich, sprich, man erholt sich nicht wirklich zu 100%. Dann ist das auf Dauer wirklich ein Todesurteil.

Die hier beschrieben Zustände habe ich alle selber erlebt und es stresst so ungemein und ist in vielen Büros auch der Hauptgrund, wieso die Leute, zumeist wirklich mit Burn Out, aufhören (mussten).

Man kann da aber auch niemanden Vorwürfe machen, weil es eben unweigerlich aus dem System heraus als Druck generiert wird. Wenn es immer wachsen muss, dann ist es nur logisch, dass sich der Stresslevel immer weiter erhöht, weil eben der Druckim System (mach mir aus meinem Geld mehr Geld!) immer größer wird.

Und ich habe ja schon oft geschrieben, dass man dazu eben vor allem auch die Frauen in die Arbeitswelt gedrückt und mit Systemmemen manipuliert hat (Karriere statt Kinder), damit die eben wie die Stuten auf dem Acker mehr Wachstum generieren.

Und siehe da:

Man sollte aber auch bedenken, dass wir inzwischen schon Jahrzehnte der Frauenförderung und Gleichstellungspolitik hinter uns haben. Dann sollte man doch - "Uns geht es so gut wie nie" - meinen, dass es den Frauen im Schnitt psychisch besser gehen müsste als vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren. Das Gegenteil ist aber der Fall: Es scheint Frauen psychologisch immer schlechter zu gehen, je mehr Gleichstellungspolitik wir haben.

Ja, weil es eben gewollt war, dass die Frauen gefälligst arbeiten gehen und somit ihren Platz in der Megamaschine einnehmen.

Der bereits erwähnte Stressreport fügt auch zu dieser Frage eine interessante Ergänzung zu. Demnach sind es nämlich vor allem die Frauen in Führungspositionen, also Frauen, die den Idealen der Gleichstellungspolitik folgen, die unter Überforderung und Stress im Zusammenhang mit der Arbeit leiden: "Am meisten geben vollzeitbeschäftigte Frauen - insbesondere diejenigen mit Führungsverantwortung - Pausenausfall, Stresszunahme und Überforderung an" (S. 166).

Ich vertrat vor Jahren schon einmal die These, dass das, was uns heute als Frauenpolitik verkauft wird, vielmehr eine verdeckte Arbeitsmarktpolitik ist (Wem nutzt die Frauenquote?). Warum machen wir die Güte der Politik eigentlich nicht an der psychischen Gesundheit der Bevölkerung fest, und insbesondere die Güte der Frauenpolitik an der psychischen Gesundheit von Frauen? Das Ergebnis für die Politiker wäre in jedem Fall: mangelhaft.

Diese ganze Verarsche in Richtung "Karriere" war eben nur dazu da, die Megamaschine noch weiter anzutreiben. Mehr, mehr MEHR... diese süchtige und gierige und niemals zufriedene Struktur zu erhalten. Deswegen hat man die Frauen massiv in die Arbeitswelt gedrückt, begleitet mit entsprechenden Medienkampagnenn und nun haben wir den Salat.

Die ganze Entwicklung hier im Land wundert mich keine Sekunde mehr, wenn man das System einmal verstanden hat. Da kommen nur immer wieder die Bestätigungen angeflattert.

Das ist ein Hamsterrad und das dreht sich immer schneller, je schneller man versucht vorwärts zu kommen. Der einzige (!!!!) Ausweg ist es eben, langsamer zu werden und wieder mehr zu LEBEN.

Nur schwimmt man damit natürlich gegen den Strom. Also wie man sich dreht und wendet, die Lage ist beschissen.

Aber zur Theorie der beschleunigung der Megamaschine passt auch das:

In den USA ist die Produktion der Psychostimulanzien in den jüngsten Jahren nach jahrzehntelangem Anstieg erstmals zurückgegangen. Wer will, kann darin einen Zusammenhang mit der Finanzkrise sehen. In jedem Fall ist hinreichend belegt, wie Psychopharmaka in verschiedenen Zeiten bestimmte psychosoziale Bedürfnisse befriedigen.

Der unstrittige Befund, dass man etwa in den USA in den frühen 1990ern noch mit jährlich 140 Tonnen(!) weniger Amphetamin und Methylphenidat ("Ritalin") auskam als etwa 2014, ist eine Anomalie, die man erst einmal erklären muss. Der Hinweis auf epidemiologische Studien, die keine Veränderung feststellen, macht diese nur unglaubwürdiger. Beim Anstieg der Antidepressiva handelt es sich um ein ähnliches Muster.

Grafik hier: www.heise.de/tp/imgs/89/2/5/1/9/7/2/1/4cb9528bac95d0d8.jpg

Ich habe das ja schon mehrfach im Blog thematisiert, dass die ganze Choose nüchtern nicht mehr zu bewältigen ist. Das geht mit dem Kaffee und den Plätzchen los und endet bei Amphetaminen, Alkohol, Antidepressivas, Hanf und was es nicht alles für Drogen gibt, um sich aufzuputschen und dann wieder runter zu kommen.

Total krank alles!

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