Die Story - "Gesunde Betriebe - krankes Land"

08.07.2017 10:56

Am Mittwoch habe ich eine Reportage im TV gesehen, auf die mich meine beiden Mitbewohner aufmerksam gemacht hatten, die ein Thema, dass ich hier schon so oft behandelt hatte, noch einmal eindrucksvoll darstellte: die Entwicklung der Dörfer in Verbindung mit der Entwicklung der Landwirtschaft hier im Osten.

Diese Doku ist ausgesprochen sehenswert!

Man kann sie hier sehen: www.mdr.de/mediathek/fernsehen/sendung743248_date-20170705_inheritancecontext-header_ipgctx-false_numberofelements-1_zc-bdfb5e9e_zs-1638fa4e.html

Oder auch hier:

Im Begleittext heisst es dazu:

Die Entwicklung der ostdeutschen Landwirtschaft ist eine Erfolgsgeschichte. Die Agrarbetriebe, die sich aus den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR entwickelt haben, sind heute in der Mehrzahl moderner und rentabler, als die meist immer noch familiär geführten Bauernhöfe im Westen Deutschlands. Der Grund für den Erfolg liegt in den Strukturen: Meist sind es große Schläge und oft über mehrere 1.000 Hektar Land, die die LPG-Nachfolgebetriebe bewirtschaften können. Es wirkt, wie ein später Sieg der DDR.

Die Schläge sind tatsächlich gigantisch und sie werden von ein paar Mann bewirtschaftet, so dass hier eben mittlerweile eine vollkommen industriealisierte Landwirtschaft entstanden ist. Riesige Schläge und irgendwelche Tierfabriken, in denen Tiere gehalten werden, die keinen Sonnenstrahl mehr in ihrem Leben zu Gesicht bekommen.

Zu DDR-Zeiten war es schon schlimm, aber da konnte man noch Kühe und Schweine in den Ställen und im Offenstall stehen sehen und sogar in die Ställe reingehen. Und man sah riesige Schafherden mit einem Schäfer und zwei Hunden über die Äcker ziehen. Manchmal musste dann auch der Bus anhalten, weil man erstmal die Schafe passieren ließ. Und auf den Bruchwiesen an der Elbe wurden Kühe auf riesigen Weiden gehalten.

Alles vorbei!

Doch was die einen als Vorteil sehen, ist für die anderen eine dramatische Fehlentwicklung. In keinem Bereich hat seit der Wende ein so dramatischer Arbeitskräfteabbau stattgefunden, wie in der Landwirtschaft. Waren die DDR-LPGen noch vertraglich dazu verpflichtet, bestimmte kommunale Infrastrukturen, etwa Sportplätze oder Gemeindesäle bereitzustellen und sogar Straßen zu bauen, haben die neuen Agrarbetriebe diese Verantwortung nicht mehr.

Also in der Doku wird dem Chef einer Agrargenossenschaft, einer wird da ja interviewt, so etwas wie Schuld an der Entwicklung gegeben, aber der sagt doch ganz richtig, dass sie nicht dazu da sind Arbeitsplätze zu schaffen, sondern rentabel zu wirtschaften.

Und da hat er doch Recht!

Solange die Spielregeln so sind, wie sie sind, solange kann man da mit Rummeckern nicht viel ändern.

Der spielt einfach nach den Regeln und hat damit eben Erfolg.

Das das Ganze in Summe zu einem Niedergang des Ostens geführt hat, na gut, dafür kann doch der Bauer nichts. Das sind eben die Begleiterscheinungen der Entwicklung. Wenn man heute durch viele Dörfer fährt oder geht, dann sieht man eigentlich nur noch die Leichen, die Überreste ehemals lebendiger und gesunder Strukturen. Diese massive Industrialisierung der Landwirtschaft in Kombination mit der Deindustrialisierung ab 1990 hat natürlich ganze Regionen so nachhaltig geschädigt, dass es da keine Erholung mehr geben wird.

Das ist ja irgendwann eine abwärtsführende Spirale. Keine Arbeit, die Leute gehen weg, Braindrain, denn als erstes gehen die Aktiven und Ideenreichen, dann machen die letzten Tante Emma Läden zu, die Busse fahren weniger, das Ganze wird noch unattraktiver... irgendwann droht die Überalterung, auch weil die Reproduktionskosten so hoch sind, was noch dazu kommt, und in weiterer Folge das Absterben.

Aber das war doch so gewollt!

Eine Kleinbäuerin hier im Ort, die sich gleich nach der Wende privat gemacht hat, hat mir da einige Storys erzählt, welche Steine ihr da in den Weg gelegt worden sind.

Und ich bin ja auch nur hier, weil ich ein Idealist bin.

Waren früher die Bauern die tragende Schicht des ländlichen Raumes, haben die großen Agrarbetriebe heute keinen Bedarf mehr, ihre Waren ortsnah abzusetzen. Sie verkaufen an nationale Großhändler, die die Waren dann an die Supermarktketten vertreiben. Soziologen sprechen von der Entbettung der landwirtschaftlichen Produktion aus den regionalen Kreisläufen. Die Folge: In vielen Dörfern gibt es keinen Lebensmittelladen mehr, keinen Bäcker, keinen Friseur und keinen Arzt. Gesunde Betriebe – krankes Land?

Das Land ist nicht krank, es stirbt ab!

Die haben ja hier genau die richtigen Fragen gestellt und genau die richtigen Dinge benannt. Aber Freunde, wir haben 2017. 27 Jahre geht diese Entwicklung und jetzt kommen die drauf? Wahrscheinlich, weil sie nun merken, dass es mit der Industrie und der Dienstleistungsgesellschaft auch nichts wird und das Parken der jungen Menschen an den Unis auch nur eine Verschnaufpause darstellt. Und das die Menschen sich irgendwann eben nicht mehr nur mit Bullshitjobs abspeisen lassen, sondern Sinn in ihrem Tun finden wollen.

Das hat schon Wilhelm Reich ganz treffend erkannt:

Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Daseins. Sie sollen es auch regieren.
Wilhelm Reich

Die Wichtigkeit erfüllender Tätigkeiten ist also garnicht hoch genug einzuschätzen für das Glück des Menschen. Bullshitjobs zehren die Menschen aber aus, verführen, nein ZWINGEN sie zu Ersatzbefriedigungen und in weiterer Folge zum Kaufen. Somit werden sie wieder selber Motor eines im Grunde süchtigen Systems, dass immer mehr Krisen hervorbringt.

Und eine dieser Krisen ist eben das Bienensterben, die Verödung ganzen Regionen, die Verstädterung, die Massenmigration, die Degeneration in so vielen Bereichen (auch soziale Degeneration: hier im Ort grüßen viele jungen Menschen nicht mehr, die gehen einfach vorbei, und selbst ältere Zugezogene können nicht mehr grüßen, hier degeneriert also auch das Zusammenleben), das geht bis hin zu Kriegen und versklavenden Freihandelsabkommen.

Ich habe das noch erlebt. Ein lebendiges Dorf mit vielen Kindern, einem Konsum, einem Sattler usw usw... mein erstes Moped habe ich mir auf der LPG in den Ferien mit schwerer Arbeit verdient.

Aber es ist natürlich auch falch, nur hier im Osten eine Fehlentwicklung zu beobachten, Guy-Claude Burger hat es doch schon viel früher sehr richtig auf den Punkt gebracht:

Gestatten Sie mir jetzt mal eine Gegenfrage: Wohin führen denn diese Strukturen?     

Ich glaube nicht, daß sie so ›wirtschaftlich‹ sind, wie immer behauptet wird. Man errechnet sich kurzfristig phantastische Erträge. Aber man vergiftet den Boden mit zweifelhaftem Dünger, man stört ein natürliches Gleichgewicht durch einen absolut reglementierten Anbau, man legt ihn frei, die Erosion tut ein Übriges... Unter dem Vorwand, es sei zu unserem Überleben notwendig, zerstört man den Humus, die unersetzliche Quelle allen pflanzlichen und tierischen Lebens...Um dann was zu bekommen: soundso viele Tonnen Brot oder gekochte Kartoffeln pro Quadratkilometer, um noch länger die Gesundheit der Menschenmassen zu ruinieren, die sich in die Städte geflüchtet haben, angewidert von diesem sich wie toll gebärdenden Gewerbe und von dem, was man sich schon kaum noch Erde zu nennen getraut...Ein einziger Mann auf seinem Traktor beackert 50 Hektar im Jahr, während 50 Leute ihre Zeit damit zubringen, diesen Traktor in Fabriken herzustellen, ihn zu verzollen, mit Steuern zu belegen, in den Statistiken zu führen. Wir wundern uns über die Landflucht: Die Liebe zum Diesel hat die Liebe zur Erde ersetzt, die Auspuffgeräusche übertönen den Vogelgesang, und die schädlichen Abgase füllen die Lunge... Wenn sich wenigstens der Geldbeutel füllen würde! Aber selbst das klappt nicht: Geldentwertung, Steuern, Wucherzinsen belasten das Budget. Was also bleibt denn dann von all diesen Mühen und Plagen...

Im Westen gibt es doch ähnliche Probleme, Guy Claude Burger beschreibt hier ja nicht den Osten Deutschlands, sondern den Zustand in Westeuropa. Im Westen haben die Menschen einfach andere Arbeitsplätze, die viele Probleme noch überdecken, die hier im Osten nun viel stärker ans Tageslicht kommen.

Aber man muss natürlich auch bedenken: natürlich sind diese Großbetriebe hier im Osten renatbler im derzeitigen kapitalistischen System, aber zu welchen Preis?

Ich fordere ja schon lange "Preise mit ökologischer Wahrheit", sprich Preise, die die Folgekosten wie Bienesterben, Erosion, Wasserreinigung (Belastung mit Nitraten zum Beispiel) bis hin zu Krankenhauskosten für durch Glyphosat krebskrank gewordenen Menschen mit einrechnet. Mal sehen, wie rentabel die Betriebe dann wären. Das geht doch nur, weil das System so widerlich und krank ist, Gewinne privatisiert und Kosten sozialisiert werden und die Menschen sich dessen noch nicht wirklich bewusst geworden sind. 

"Exakt - die Story" fragt nach: bei den betroffenen Großagrariern, bei den Bürgermeistern der betroffenen Orte, ebenso wie bei Politikern auf Landes- und Bundesebene. Welche Möglichkeiten gibt es, die negativen Folgen der Agrarindustrialisierung im Osten Deutschlands zu mildern? Mit welchen Mitteln kann die Politik Einfluss nehmen? Ein Film über Zustand und Zukunft der Landwirtschaft in den ostdeutschen Bundesländern. Die Frage, in welche Richtung sich die Landwirtschaft entwickelt – und entwickeln soll, wird virulent bleiben.

Damit fangen die nun 27 Jahre nach der Wende an.

Der Hubert Krimbauer hat es doch in seinem Interview mit Robert Stein glasklar benannt: diese Entwicklung war und ist staatlich so gewollt. Das macht man ja über die flächenbezigenen Förderungen. Und das ist so gewollt, weil die Lebensmittel eben so billig wie möglich sein sollen, damit eben mehr Geld für andere Konsumprodukte übrig bleibt. Und wenn die Menschen davon krank werden, verdient man damit Geld und generiert Wirtschaftswachstum.

Und jetzt kommts! Mir ist klar geworden, das die Menschen das genau auch so wollen. Die Masse der Menschen hat irgendwo einen Arbeitsplatz, der auf die Kaufentscheidungen eines anderen beruht. Also ist es im ureigensten Interesse der Menschen, dass alles so bleibt wie es ist, eben weil heute ca. 99% aller Menschen zu 100% in ihrer Existenz vom reibungslosen Funktionieren dieses Systems abhängen. 

Eine Agrarwende, wie soll die denn aussehen?

Demeter für alle? Dann verteuern sich doch die Lebensmittel sofort um ein Vielfaches! Das würde ganze Heere an Arbeitslosen produzieren, weil die Betriebe die nun ihre produzierten Waren nicht mehr loswerden würden, eben weil die Menschen einen erheblichen Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssten. Und sie würden einfach nur mehr bezahlen, auf den ersten Blick ja nicht mehr bekommen!! Macht euch das klar: man würde keinen einzigen Apfel mehr bekommen, sondern einfach nur erheblich mehr bezahlen müssen.

Eine solche Entwicklung hieße: die gleichen Lebensmittel auf dem Tisch, nur aus gesunder Erzeugung, aber kleineres Haus, kleineres Auto, keinen Fernurlaub mehr, weniger Konsum und Luxusprodukte und wahrscheinlich ein Job in der Landwirtschaft.

Und das in unserem auf ewiges Wachstum getrimmten System? Im Zinseszinssystem?

Das ist unmöglich!!!

Vor diesem Hintergrund ist es nur logisch, dass Bio, was ja oft auch nur Industrie-Bio ist, immer noch keine wirklichen Durchbruch hat und Demeter und Bioland nur von einer gut betuchten Schicht oder Idealisten getragen wird.

Wir können diese Welt nicht retten, ohne die Systemfrage zu stellen! Wir können keine Gesundung erreichen, wenn man im gleichen kranken System bleibt und so denkt.

Hier braucht es also einen so tiefgreifenden Wandel, dass man erschauert vor der Größe dieser Aufgabe. Nur, was wenn wir das nicht hinbekommen? Die Krisen werden ja mehr und mehr!

Und wo sind die Politiker, die das anpacken? Ich will hier garnicht mal von Rohkost reden, sondern einzig mal von gesunder Landwirtschaft, die eben auch Platz für viele Tiere als Kulturfolger lässt und Wiesen, Weiden und Trockenrasen erhält. Das ich der Rohkost hier einen wichtigen Platz einräume, eben weil zum Beispiel Fleisch von kräuterreichen Wiesen schlichtweg besser ist als welches von der Löwenzahnwiese, sei mal dahingestellt, aber wo sind die Politiker, die das anpacken?

Es gibt sie nicht!

Alle bewegen sich mittlerweile im System "Neoliberalismus / Kapitalismus" und keiner stellt mehr die Systemfrage. Und wenn, dann ist es gleich wieder der Kommunismus / Sozialismus, den ich erlebt habe und Leute, es war Scheiße!

Es braucht also ganz neue Ansätze, neue Denkweisen, neue Ideen, Kreativität, Inspiration, Spontanität, um wieder etwas Neues, bisher nicht Dagewesenes, etwas Lebendigeres zu erschaffen. Ist es also ein Wunder, dass das System genau diese Sachen bei Kindern abtötet in den Kindergärten und Schulen, eben weil genau das der Tod des Systems wäre? Systeme scheinen sich auch immer selber zu beschützen, das habe ich schon bei einigen Systemen beobachtet (Religionen, Glaubenssysteme, politische Systeme etc.).

Was bleibt?

Man kann nur selber Anternativen leben soweit das möglich ist. Gesunde Strukturen unterstützen, selber schaffen, dem Rest die Energie entziehen, indem man es einfach links liegen lässt und seine Energie auf Neues konzentriert, nichts bekämpft und etwas Aufklärungsarbeit leistet.

Ein bisschen Krisenvorsorge scheint mir auch nicht verkehrt.

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