Donnerstag

21.04.2016 21:36

Mit meinem Garten bin ich richtig ausgelastet und das Kuriose: es macht unglaublich Spaß! Gestern dachte ich: im Grunde ist es der schönste Arbeitsplatz, den ich je hatte. Ich habe Beete bearbeitet, eingesäht, gegossen und mit einer leichten Mulchschicht etwas überzuckert, damit sich die Feuchtigkeit hält, aber nicht zu stark, so dass die Pflanzen auch hochkommen können. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, die Bienen summten im Kirschbaum und keiner hatte seinen Rasenmäher oder die Kreissäge an. Herrlich! Kreative Arbeit an frischer Luft!

Gras konnte ich mir von Flächen holen, die die Gemeinde gemäht hatte. Man kennt sich ja und für die Gemeinde ist es ja nur biologischer Abfall. Und ich kann keine nackte Erde sehen. Das ist irgendwie nicht richtig. Und das schon garnicht: Klick!

Es fällt richtig auf: Überall grünt es und blüht es in satten Farben. Eine Farbe will aber nicht so recht in dieses Frühlingskonzert passen: Ein leicht nach ocker oder orange gehendes Gelb, das man in diesen Wochen überall sehen kann. Beim näheren Betrachten erkennt man, dass ursprünglich grüne Gräser und Blumen auf einmal gelb geworden sind. Ursache dafür ist das dieser Tage von den Landwirten ausgebrachte Breitbandherbizid Roundup (Handelsname von Monsanto). Hauptbestandteil dieses Herbizids ist das umstrittene Glyphosat.

„Es tötet auf Feldern und in Gärten alles, was grün ist: Roundup. Es ist zuverlässig, effizient und kostengünstig. Glyphosat, der darin enthaltene Wirkstoff, wird so häufig angewendet wie kein anderes Pflanzengift: vor der Saat und nach der Ernte, standardmäßig versprüht bei Raps, Wintergerste und Weizen. Für die Landwirte scheint es nicht ohne zu gehen, doch Kritiker sagen, dieses Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat sei krebserregend“, berichtete unlängst der Nachrichtensender des Bayerischen Rundfunks.

Noch Fragen? Homo sapiens sapiens? Der, lateinisch, verstehende, verständige bzw. weise, gescheite, kluge, vernünftige Mensch? Nichts könnte falscher sein. Mit sehendem Auge werden gigantische Flächen in Deutschland totgespritzt. Und wieso?

Mit dem verstärkten Ausbringen des Breitbandherbizids möchten die Landwirte die (teurere) mechanische Bodenbearbeitung, also eine Unkrautbekämpfung durch Hacken und Lockern des Ackerbodens, reduzieren.

Primär gehts also wieder schlichtweg um Kohle: Pflügen, Grubbern und Eggen (= teuer) oder Gyphosat (billiger).

Damit soll gleichzeitig auch die Gefahr des Abtragens der Humusschicht durch Wind und Regen verringert werden. Diese sogenannte Bodenerosion ist ein unumkehrbarer Prozess und hat in Amerika und Afrika bereits Tausende von Quadratkilometern große landwirtschaftliche Nutzflächen in Wüsten verwandelt.

Und warum? Weil man gigantische Flächen nackt dem Angriff von Wind und Regen ausgesetzt hat. Es wurden Windschutzstreifen entfernt, um mit noch größeren Maschinen, die sich ja rechnen müssen und bei kleinteiliger Landwirtschaft einfach nicht kosteneffektiv sind, zu arbeiten.

Natürlich ist sich die "verrückte Landwirtschaft" (und das muss man sich auf der Zunge zergehen, lassen: das sind DIE, die die Lebensmittel produzieren!!!) sich keiner Schuld bewusst.

Beim Kreisbauernverband Ostalbkreis teilt man diese scharfe Kritik nicht. Glyphosat sei ein „lange erprobtes Mittel“, das in der Landwirtschaft bei korrekter Anwendung gute Dienste leisten kann, sagt Johannes Strauß, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Ostalb. Der große Vorteil von Glyphosat sei dessen schnelle Abbaubarkeit. Aus Sicht des Geschäftsführers des Kreisbauernverbands ist es deshalb vertretbar, Flächen im Frühjahr vor der Aussaat mit Glyphosat unkrautfrei zu spritzen.

Lange erprobt? Man weiß sei den 80ern, dass das Zeug wahrscheinlich Krebs erzeugt. Und jetzt hat man auch wieder an den rummanipuliert, um die Zulassung zu bekommen. Und zwar Industrie und Behörden im Verbund. Noch Fragen? www.tagesspiegel.de/wirtschaft/umstrittenes-monsanto-pestizid-hersteller-und-bundesinstitut-sollen-krebsrisiken-von-glyphosat-verheimlicht-haben/13482526.html

Und wer ist der Gewinner? Die Chemische Industrie. Und wie immer, versucht man sich in Verharmlosungen und Relativierungen. Und zwar überall, blogs.faz.net/bierblog/2016/02/25/wie-schaedlich-ist-glyphosat-im-bier-179/, nicht nur im Fall der Landwirte:

Problematisch sei lediglich das Abspritzen von bestehenden Kulturen vor der Ernte. Das hält auch Strauß für „bedenklich“.

Er weist abschließend noch darauf hin, dass in der Vergangenheit deutlich leichtfertiger mit der Chemiekeule hantiert worden sei – nicht nur, aber auch in der Landwirtschaft. „Heute wird von den Landwirten nur noch so viel gemacht, wie unbedingt nötig ist“, ist Strauß überzeugt.

Und wie kommt das Zeug dann in Muttermilch und Bier? Und sogar in Tampons? Wenn nur das Nötigste gespritzt wird und alles untersucht wird. Und wer legt die Grenzewerte fest und wie?

Aber natürlich gibt es auch noch gesund denkende Menschen:

Auf der Ostalb stehen Experten, wie Ralf Worm, der Leiter vom Landschaftserhaltungsverband Ostalbkreis (LEV), dem Einsatz von Roundup beziehungsweise Glyphosat dennoch äußerst kritisch gegenüber. Der Einsatz des Unkrautbekämpfungsmittels in der Landwirtschaft sei zwar legal, aber dennoch nicht zu befürworten, sagt Worm: „Jedem denkenden Menschen muss doch klar sein, dass diese Praxis, Äcker mit Gift zu bewirtschaften, keine Zukunft haben kann.“

Ja, und das ist es eben. Und ich sehe das auch bei mir zuhause. Wenn ich im Auto mal loschimpfe, wenn ich solche Flächen sehe, merke ich, dass meine Oldies dies ganz anders sehen. Für die ist das zum Teil normal und man stellt das gar nicht in Frage. (OK, durch mich jetzt schon immer mehr). Mehr noch: es wird logisch begründet. Dann kann man eben gleich wieder draufsäen. Und das sagen sie nicht böswillig, sondern weil es ja so ist! Das ist der Kurzschluss im Gehirn, der das Herz und den Bauch ausgeschlossen hat. Das ist nur noch Gehirn. Kein Herz mehr, kein Bauch mehr. Nur noch Logik.

Und das ist es eben: holistische, sprich ganzheitliche Menschen betreiben holistische Landwirtschaft (und andere Sachen: Schule, Erziehung, Ernährung, Liebe etc.), da ist man mit Herz, Bauch und Verstand dabei. Was man aber da sieht, ist das Spiegelbild der Masse der Menschen, wo offensichtlich das Herz und der Bauch vollkommen verdrängt werden. Das Herz muss doch da aufschreien und sagen: das kann doch nicht "mit Liebe" sein! Und der Bauch muss doch signaliseren: das kann doch nicht richtig sein! 

Und dann stellt man sich die Frage: wie konnte es soweit kommen?

Die Antwort: Zwang und Manipulation. Teilweise werden die Bauern einfach gezwungen, weil der Konsument billige Nahrungsmittel möchte, andernseits werden die Bauern seit Jahrzehnten von der Industrie "manipuliert". Dazu werden ja ausgeklügelste Werbestrategien gefahren, um die Selbstregulierungsprozesse zu verhindern. Denn immer, wenn sich Selbstregulierungsprozesse nicht einpendeln können, entstehen Abhängigkeiten. Und, tata, genau dafür hat dann die Industrie das passende Mittel. Und das geht immer weiter. Bis man alles unter Kontrolle hat und den Landwirt, den Lehrer, den Arzt, den was auch immer, vollkommen abhängig gemacht hat.

In Deutschland werden 40% der Äcker mit dem Zeug bespritzt. Dann weiß man ungefähr, was das für ein Geschäft ist und welches Ausmaß die Vergiftungen angenommen haben. Fast jede zweite Fläche, da entkommt man dem ja auch garnicht mehr. Wie denn?

Aber ist das wirklich notwendig?

Tausende Jahre habe das Pflügen in der Landwirtschaft ganz wunderbar funktioniert, jetzt wolle die Industrie das Rad neu erfinden. „Und mit diesem Rad werden wir alle gegen die Wand fahren“, prophezeit Worm düster. Zwar sei das Arbeiten mit Glyphosat bequem und aktuell auch noch sehr günstig. Langfristig begebe sich die Landwirtschaft aber in die Abhängigkeit von Konzernen wie Monsanto, die damit Geld verdienen wollen. Deshalb werde auch diese Methode, die momentan massiv von der Industrie als kostengünstige „pfluglose Form der Ackerbewirtschaftung“ beworben wird, irgendwann sehr teuer. Trotz aller öffentlicher Kritik ist Worm davon überzeugt, dass sich die Menschen an die orange leuchtenden Glyphosat-Äcker im Frühjahr gewöhnen müssen. Auch auf der Ostalb. „Dieses Phänomen wird uns noch eine ganze Weile erhalten bleiben, bis irgendwann dann doch unzweifelhaft festgestellt worden ist, dass dieses Mittel für Mensch und Natur auf Dauer schädlich ist.“

Guy-Claude Burger hat ja vollkommen recht, wenn er sagt:

Gestatten Sie mir jetzt mal eine Gegenfrage: Wohin führen denn diese Strukturen?     

Ich glaube nicht, daß sie so ›wirtschaftlich‹ sind, wie immer behauptet wird. Man errechnet sich kurzfristig phantastische Erträge. Aber man vergiftet den Boden mit zweifelhaftem Dünger, man stört ein natürliches Gleichgewicht durch einen absolut reglementierten Anbau, man legt ihn frei, die Erosion tut ein Übriges... Unter dem Vorwand, es sei zu unserem Überleben notwendig, zerstört man den Humus, die unersetzliche Quelle allen pflanzlichen und tierischen Lebens.

Um dann was zu bekommen: soundso viele Tonnen Brot oder gekochte Kartoffeln pro Quadratkilometer, um noch länger die Gesundheit der Menschenmassen zu ruinieren, die sich in die Städte geflüchtet haben, angewidert von diesem sich wie toll gebärdenden Gewerbe und von dem, was man sich schon kaum noch Erde zu nennen getraut.    

Ein einziger Mann auf seinem Traktor beackert 50 Hektar im Jahr, während 50 Leute ihre Zeit damit zubringen, diesen Traktor in Fabriken herzustellen, ihn zu verzollen, mit Steuern zu belegen, in den Statistiken zu führen. Wir wundern uns über die Landflucht: Die Liebe zum Diesel hat die Liebe zur Erde ersetzt, die Auspuffgeräusche übertönen den Vogelgesang, und die schädlichen Abgase füllen die Lunge.

Wenn sich wenigstens der Geldbeutel füllen würde! Aber selbst das klappt nicht: Geldentwertung, Steuern, Wucherzinsen belasten das Budget. Was also bleibt denn dann von all diesen Mühen und Plagen.

Wäre es nicht viel schöner, Bäume zu beschneiden, sich ins Gras zu legen, während man seine Tierherde überwacht.

Ich habe festgestellt, wie sich in mir und bei allen, die auf ursprüngliche Nahrung umgestiegen sind, ein tiefer Wandel vollzogen hat: Die Liebe zur Frucht läßt die Liebe zur Erde wieder aufleben, man spürt eine ganz neue Ehrfurcht für natürliche Werte; einen Baum zu fällen empfindet man wie eine Verletzung, Bulldozer und Mähdreschmaschinen  werden  zu  wahren  Monstern.  Wenn alle Menschen sich der Natur gegenüber wenigstens wieder ein bißchen behutsamer, ein bißchen aufmerksamer verhalten würden, ich glaube, dann brächte man es nicht mehr fertig, unseren Planeten so zu zerstören, wie es gegenwärtig geschieht.

Glauben Sie, daß eine veränderte Ernährungsweise reichen würde, um die Situation zu ändern?

Liebe geht durch den Magen. Die Liebe zur Erde ebenfalls! Man müßte sich schon die Augen zuhalten, um nicht zu sehen, daß das heute gültige System mit seiner Flucht nach vorn, zu immer mehr Wachstum, am Ende nur zu einem Sturz führen kann, der sehr schmerzhaft zu werden droht. Und ich glaube, daß man daran nur dann etwas ändern kann, wenn man den Menschen an seiner Basis ändert. Und die Basis des Menschen ist seine Nahrung, ist sein Instinkt.

Das mit dem Gefühl der Verletzung, wenn man Bäume umschneidet, kann ich bestätigen. Es war für mich auch sehr schwer, die Bäume hier auf dem Grundstück zu "killen". Ich habe mich da auch wirklich schwer getan. Und mich vorher wirklich beim Geist des Baumes entschuldigt. Das kommt nicht so vom Kopf her. Ho, ich mach mal einen auf Indianer, sondern das kommt aus dem Bauch, von ganz tief drinnen. Genauso, als ich die Nashornkäfer ausgebuddelt habe. Ich mag das nicht, etwas zu zerstören, zu töten, wenn es nicht sein muss. Natürlich habe ich die auch wieder eingebuddelt, aber ob das reicht? Keine Ahnung.

Wenn man es ißt, ok, dann ist es eben so. Aber nicht einfach so. 

Und wenn es vielleicht der wirkliche Ausdruck der Liebe ist, wie müssen sich dann die ganzen Menschen fühlen, die im Traktor sitzen und alles totspritzten. Kein Wunder, dass ein Teil des Gehalts für Zigaretten, Alkohol und andere Kochkostdrogen drauf geht. Anders hält man das ja garnicht aus. 

Manchmal muss ich lachen, weil ich auch ab und an den Gedanken habe: da versuchst du hier mal etwas anders zu machen und dann frisst Du vielleicht irgendwann einen Parasiten und gehst daran ein, während die anderen alles tot spritzten und alt werden. Lol

Ich bin jedenfalls kein Mensch, der nicht ab und an zweifelt, ob es wirklich richtig ist, was er da macht.

Aber welche Alternative gibts denn?

Na, ich seh schon, wie ich mal enden werde: total abgebrannt und wertlos für den Arbeitsmarkt, aber man wird sagen: "Zumindest einen schönen Garten hatte er!" :-D

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