Ergänzung zum gestrigen Beitrag

28.09.2017 13:44

Ich hatte ja gestern in meinem Artikel "Botschaften an Kinder" versucht darzulegen, dass wir in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft im Grunde vom Kleinkindalter bis zur Rente in ein und derselben Struktur leben. Und dass diese frühzeitige Implementierung dieser Struktur eben vor allem dazu dient, dass man sich schon frühzeitig an die damit einhergehenden Probleme gewöhnt und später eben ein leistungsbereites Rädchen im System wird.

Die Struktur lässt sich im Grunde wie folgt zusammenfassen und beschreiben:

1. Es ist ein hierachisches System.

Egal ob im Kindergarten, der Schule, später im Job: es gibt immer mindestens zwei Ebenen. Autoritätspersonen und Untergebene. In der Kindergrippe haben ohne Zweifel die Betreuer die Autorität, später in der Schule die Lehrer, auch wenn das nicht mehr so stark ausgeprägt ist wie früher, im Job dann aber der Chef. Bei der Armee der Offizier, in der Behörde der Vorgesetzte.

Wir leben im Grunde von der Wiege bis zur Bahre in einem hierachischen System, dass auch keine demokratischen Abläufe zulässt. Welches Kind kann eine Mehrheit zusammentrommeln und sagen, dass es nun nicht draussen spielen will? Oder welche Angestellten können ihren Chef überstimmen? Oder welche Soldaten ihren Offizier?

Überall sind die Machstrukturen klar.

Das ist zum Beispiel in matriachalen Gesellschaften ganz anders. Hier gibt es diese hierachischen Strukturen nicht und es ist somit echte Demokratie möglich. Klar hören die Menschen auf den Rat der Alten und Erfahrenen, auf die Schamanen und erfolgreichen Jäger. Aber es ist kein Zwangssystem, dass wie hier am Ende sogar den Existenzverlust beinhaltet, wenn man es genau betrachtet.

2. Es ist ein System der Trennung

Jede Ebene die man betrachtet ist dadurch gekennzeichnet, dass es eine Trennung zwischen Liebenden gibt.

In der Kinderkrippe ist man von der Mutter getrennt, und möchte doch lieber bei ihr sein, man muss aber warten, bis die Zeit der Trennung abgelaufen ist.

Im Kindergarten ist man von der Familie getrennt.

In der Schule ist man von der Familie, von Freunden, vom Naturerlebnis getrennt.

Bei der Armee ist man von Familie, Freunden, Freundin, Kumpels getrennt.

Im Beruf ist man dann von den Kindern, vom Ehepartner, Freund / Freundin und auch von dem, was man eigentlichlieber machen möchte, getrennt.

Auf keiner dieser Ebenen lebt man in einer liebevollen Einheit, sondern in erzwungener Trennung.

Natürlich passen die Menschen sich an, machen das Beste draus, versuchen sich daran zu gewöhnen, aber ich traue mich zu behaupten, dass 90-95% der Menschen, ließe man ihnen die Wahl, ihre Zeit viel lieber und vor allem viel öfters mit denen verbringen würden, die sie lieben. Weil das ist eigentlich der natürliche Zustand. Dass man Zeit mit denen verbringt, die man liebt. Bei Jäger- und Sammlern ist das sowieso der Fall. Und auch bei Bauern ist es so. Man arbeitet zusammen, die Familie ist zusammen, manchmal drei-vier Generationen.

Heute aber gibt es immer diese erzwungene Trennung.

Ich meine, wer hat das noch nicht erlebt, dass er auf der Arbeit, in der Schule, oder wo auch immer hockte und dachte: ich wäre jetzt lieber woanders. Wäre jetzt lieber mit jemand anderem, sprich Mutter, Vater, Oma, Opa, Kumpel, Freundin, Geliebte, Kind. Weil da das Herz Erfüllung findet. Aber aufgrund der starren Strukturen geht es eben nicht.

Es wird heute in Zeiten der Homeofficearbeiten schon besser, und auch Teilzeit macht sich hier positiv bemerkbar, aber grundsätzlich verbringt die Mehrzahl der Menschen doch die meiste Zeit des wachen Tages mit Menschen, die man nicht liebt, statt mit denen, die man liebt und mit denen man zusammen sein möchte.

Und da das in der Arbeitswelt wirklich ein Problem wäre, wenn die Menschen einfach aufstehen und heim gehen, muss man die Menschen auch frühzeitig an diese Bedingungen gewöhnen. Deswegen fängt man damit eben schon so zeitig an.

Aber! Es heisst nicht, dass Kinder nicht gerne in den Kindergarten oder die Schule gehen: nur, da habe ich wirklich mit einigen Kindern gesprochen, sie würden sich gerne die Wahlfreiheit erhalten. Sprich, dann gehen, wenn sie Lust haben und dann zuhause bleiben, wenn sie dort Erfüllung finden, statt in einem Zwangssystem zu stecken.

Was mich zum nächsten Punkt führt:

3. Das System lässt keine Wahlfreiheit - ist also ein Zwangssystem

Es ist ja nicht nur so, dass man seine Zeit (macht euch das klar: der Mensch hat im Schnitt 80 Jahre auf der Welt und dann verbringt man diese kostbare Zeit auch noch die meiste Zeit getrennt von denen, die man liebt, kein Wunder, dass alle so verrückt geworden sind.) wirklich mit denen verbringt, die man liebt und mag. So war es früher bei den Jägern- und Sammlern, aber auch in agrarisch geprägten Kulturen. Man lebt zusammen, arbeitet zusammen, schläft zusammen, hat die Kinder im Tragetuch auf dem Rücken, später arbeiten sie mit den Erwachsenen mit, was ihnen Glücksgefühle vermittelt und lernen dort alles, was sie brauchen, um in der jeweiligen Kultur zu leben. Die restliche Zeit verbringt man mit Freunden in gemischten Altersgruppen.

Mit der Implementierung des aktuellen Systems wurde diese Struktur zerschlagen. Wenn man in den Kindergarten geht, später Schule, dann auch Armee und Job, dann wird man in aller Regel mit anderen zusammengesteckt, oft auch durch Zwang, oft auch noch aus der gleichen Altersklasse, ohne dass gefragt wird, ob man das überhaupt möchte und ohne die Möglichkeit der Flucht. Oder der späteren Wahlfreiheit.

Man muss nun seine Zeit zum Teil mit Menschen verbringen die man nicht mag, deren Gewohnheiten einen stören, die vielleicht aggressiv sind, oder irgendwas an sich haben, womit man nicht klar kommt. Man kann zwar zuhause seinen Unmut darüber äussern, aber in der Regel wird man nicht erreichen, dass man aus dieser belastenden Situation raus kommt. Schulwechsel, Wechsel des Ausbildungsplatzes... immer wieder geht es von neuem los. Wenn man Glück hat, passt es dann besser, aber grundsätzlich bleibt der Fakt bestehen, dass man unter Zwang nun mit anderen auskommen muss, obwohl man das so vielleicht garnicht möchte.

Statt Zeit mit Menschen zu verbringen, die man liebt, muss man Zeit mit Menschen verbringen, die man zum Teil schlichtweg nicht mag. Oder die einen selber nicht mögen, dass gibts ja auch.

Auf der Arbeit dann hat man sich aber wohl schon so an diese ganzen Umstände gewöhnt, dass man nun eben gelernt hat, mit anderen produktiv zusammen zu arbeiten. Auch wenn man sie nicht mag.

Dennoch bleibt auch hier immer ein Stress vorhanden. Aber selbst wenn man den Arbeitsplatz wechselt ist es das Selbe in Grün. Wieder kommt man mit Menschen zuammen, die man sich nicht ausgesucht hat als Gesellschaft, sondern es ist eine Notwendigkeit, die aus dem Zwang, Geld zu verdienen, resultiert.

Fazit: Wir haben es hier mit einem System zu tun, dass von den Eltern an die Kinder weitergegeben wird, und das darauf beruht, sich so früh wie möglich an die arbeitsteilige Industriegesellschaft anzupassen. Belohnung sind dann Geld und Sachwerte.

Diese arbeitsteilige Industriegesellschaft, ist sie nun sozialistisch oder kapitalistisch (beides Seiten der gleichen Medaille) organisiert, zerstört auch noch die letzten Reste der noch intakten Strukturen. Erst wurden im Osten die Kinder frühzeitig in solch ein System gegeben, nun folgt dem auch der Westen. Waren hier bisher noch Familienstrukturen vorhanden, so kommen die nun auch immer mehr unter die Räder. Ab sechs Jahren gilt dann eh die Schulpflicht, so dass hier ebenfalls die unweigerliche Trennung innerhalb der Familie stattfindet. Oft sogar innerhalb der Geschwister, die, zuhause noch ein Herz und eine Seele, später in der Schule plötzlich in Gruppenstrukturen eingebuden sind, wo plötzlich der eigene Bruder oder die eigene Schwester als Mitglied einer anderen Gruppe (Klasse / Alterstufe) wahrgenommen wird und es hier zu Trennungen kommt. Von der zunehmen räumlichen Trennung ganz zu schweigen.

Es geht anscheinend nicht beides: wirkliche menschliche Erfüllung und materieller Wohlstand, so wie wir ihn kennen.

Um diesen Wohlstand immer wieder zu erarbeiten, und vor allem, um die Reichen immer und immer und immer und immer reicher zu machen, müssen die Menschen eben auf bestimmte emotional ausserordentlich wichtige, weil zutiefst menschliche Erfüllungen verzichten.

Sie mehren den Reichtum Weniger mit der Energie ihrer Herzen.

Es geht nicht anders.

Die so entstandenen Löcher wiederum treiben die Megamaschine noch mehr an (Kaufen), und da alle vom Funktionieren dieser Maschine abhängen, gibt es ein reges Interesse, dass diese Strukturen auch erhalten bleiben und ausgebaut werden. Kritiker werden zunehmend aggressiv angegangen.

Der Mensch ist dazu geboren worden, glücklich zu sein. Es braucht dazu aber entsprechende Strukturen. Jean Liedloff hat diese Strukturen in ihrem Buch beschrieben (zum Buch auf das Cover klicken):

Wir Menschen im Westen haben das Glück schlichtweg verloren. Depressionen, Alkoholismus, Drogen, Tabletten, Überessen, Sexsucht, Kaufsucht sind Massenphänomene. Ich nehme mich da, bei dieser Vergangenheit, nicht aus.

Schlussendlich müssen wir uns als Gesellschaft entscheiden, was wir wollen. Glücklich sein, oder weiter in diesen zutiefst ungesunden Strukturen bleiben.

Wie Alternativen dazu aussehen könnten und wie man einen Übergang (was für eine Mammutaufgabe!!!) realisiert, kann ich alleine nicht beantworten, da braucht es die Schwarmintelligenz. Aber so kann es auch nicht weiter gehen.

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