Gespaltene Persönlichkeiten

24.08.2018 21:23

Ich hatte heute wieder einen netten Chat mit meinem Rohkostfreund. Wir haben uns darüber unterhalten, dass eine Versorgung mit Importfrüchten oft auch zu einer Sehnsucht führt, dort zu leben, wo diese Früchte wachsen und das man sich innerlich gespalten fühlt, wenn man etwas isst, was von weit her transportiert wird.

Mich persönlich hat das auch immer gestört und deswegen habe ich versucht, meine Rohkosternährung so regional wie möglich zu halten. Eben mit einheimischen Früchten, zur Not eben im Gewächshaus angebaut, mit regionalem Gemüse und Salaten, mit Linsen und Sprossen, die auch hier gedeihen, mit einer (ganz wichtig) ausreichenden Proteinversorgung aus Haselnüssen, Walnüssen, Sonnenblumenkernen, Linsen und natürlich ausreichend Fleisch aus regionaler Erzeugung.

Und das funktioniert recht gut und ich fühle mich da gut versorgt. Als Ergänzungen, auch um eine gewisse Weltoffenheit zu erhalten, gibts eben mal Avokados bevorzugt aus Spanien, Sesam und im Winter mal Bananen und Datteln aus dem Iran.

Mir war es früher immer unangenehm, so abhängig zu sein von anderen, gerade was die Versorgung anbetrifft. Ich habe ja anfangs auch gut bei Orkos bestellt, auch bei Passion4fruit und anderen Versendern. Aber mich hat das nie wirklich gefallen. Auch die ökologische Komponente war mir zu wichtig, um sie da einfach zu verdrängen.

Mir ist das bis heute schleierhaft, wie man mit gutem Gewissen eine Ernährungsweise praktizieren will, deren Grundnahrungsmittel hier nicht gedeihen und die erst um die buchstäblich halbe Welt transportiert werden müssen.

Ich sehe eigentlich das Grundproblem in der Umstellung auf Rohkost. Da fängt diese Fehlvernetzung im Gehirn schon an. Da wird man aus der Kochkost kommend sofort auf die süßen Früchte umgeleitet und das Gehirn wird dann mit diesen Informationen neu verdrahtet.

Aber da das Zeug hier nicht gut wächst, entsteht immer eine gespaltene Persönlichkeit. Von der Genetik, Kultur und Herkunft ist man Normanne, Slawe, Germane oder Kelte, von den neuen Bedürfnissen her dann plötzlich aber Thailänder, Tico oder Kameruner.

Das Ergebnis ist eben eine zerrissene Seele.

Auswandern ist auch wieder schwierig. Weil man eben kulturell und von der Mentalität Unterschiede hat. Man ist eben nicht unter seinesgleichen.

Die Lösung sehe ich eigentlich wieder in der Kreativität und dem Einfallsreichtum der Menschen.

Wir essen ja mittlerweile viele Dinge, die zwar nun hier wachsen, aber bei weitem nicht von hier stammen. Tomaten, Kürbisse, Paprikas, Äpfel ... viele Sachen wurden im Laufe der Zeit hier kultiviert, die nicht von hier stammen. Wieso nicht irgendwann Bananen und Papayas, Feigen und andere Sachen hier anbauen und dazu eben züchterisch tätig werden, bzw. so wie für Tomaten und Gurken einfach entsprechende Gewächshäuser bauen?

Sowas geht alles. Alleine in Köthen stehen riesige ehemalige Werkhallen leer, wo man zumindest theoretisch solche Produkte anbauen könnte. Muss man eben im Winter entsprechend heizen, sollte aber mit ausgeklügelter Technik auch kostengünstig zu machen sein.

Na ja, dann kann man zwar keine 30 Bananen pro Tag essen, aber immerhin kann man seinen Speiseplan damit ergänzen und sie kommen dann auch "von hier". Sprich man nimmt die entsprechende Energie mit auf.

Ich finde ja, man sollte das Paradies da erschaffen, wo man lebt, statt nun auch noch die letzten unberührten Flecken niederzutrampeln, weil man aus der Agrarsteppe flüchtet.

Und natürlich geht das nicht gleich alles von heute auf morgen und vielleicht muss man dann schlussendlich auch auf bestimmte Sachen mal verzichten, aber es würde schon vieles gehen und man ist überrascht, was man zusammenbringt, wenn Kreativität und Schaffenskraft zusammen kommen.

Aber daran hapert es vielleicht auch oft. Man möchte es wohl gerne bequem haben und sich irgendwo in Thailand ins gemachte Nest setzten, statt erstmal das Land hier quasi wiederzubeleben. Das ist nämlich ziemlich anstrengend und risikobehaftet und man zahlt einiges an Lehrgeld.

Das will wohl auch nicht jeder.

Aber nochmal zu den Importprodukten: Handel kann man ja weiterhin treiben. Wieso nicht auch Datteln gegen technische Erzeugnisse tauschen? Kann man ja alles machen.

Das Problem sehe ich in der Fehlschaltung im Gehirn durch die vielen Tropenfrüchte, die dann eben oft dazu führt, dass die Menschen wie verrückt nach Mangos, Durian und anderen Sachen sind und es hier einfach nur Scheisse finden, weil der Kram nun hier nicht wächst.

Ich meine, wenn ich auf einem Treffen bin und ich sehe blond und blauäugige Menschen mit einer Genetik, die sich in den baumlosen Steppen Innerasiens herausgebildet hat, wo der Anteil tierischer Produkte wahrscheinlich bei 90% lag, die vegane Rohkost praktizieren und Durian in sich reinschaufeln und vom nächsten Thailandurlaub träumen, dann frage ich mich auch: Was zum Henker ist da schief gelaufen? Das kann doch nur eine Fehlschaltung im Gehirn sein!

Und die Probleme kommen ja dann auch zumeist recht schnell. Geldprobleme, um sich die teuren Sachen zu besorgen, Gewichtsprobleme, weil man zuviele Früchte isst, Zahnprobleme wegen des vielen Zuckers, psychische Probleme, eben weil das Selbst gespalten wird und der Zucker ins Gehirn geht, andere Gesundheitsprobleme.

Es wäre besser, wie es die damaligen Rohkostärzte vor dem Krieg getan haben, einheimische Rohkost anzubieten im ersten Jahr. Damit man gleich mal wegkommt vom Kohlenhydratschock und nicht von einem Dilemma ins nächste fällt. Da würde auch bei vielen der Darm schnell ausheilen, das Gewicht würde nicht ins Bodenlose abfallen, die zuckerliebenden Bakterien würden verschwinden, der Geist würde klar werden... und man könnte so die Instinktive Rohkost wunderbar erlernen. Da gäbe es keinen Zweifel mehr, was eine Sperre ist und was nicht. Irgendwelche Sehnsüchte nach fernen Ländern würden garnicht erst aufkommen, sondern man würde da wo man is(s)t, dafür sorgen, dass man gute Produkte anbaut, bzw. Leute unterstützen, die das machen. Und die Zähne blieben in Ordnung.

Wenn man das ein bis zwei Jahre gemacht hat, besser drei oder vier, dann kann man gerne auch die Palette erweitern. Dann ist man aus dem Gröbsten raus und fällt nicht mehr so leicht in diese Fallen. Dann hat man schon eine befriedigende Rohkost erlernt und alles weitere sind dann nur Ergänzungen.

Wenn der Anteil der süßen Früchte durch die natürlichen Beschränkungen (Saisonalität / Anbau / Verfügbarkeit / Konkurrenz - ich teile mir die Melonen auch mit der ganzen Familie, die wollen ja auch was!)  absinkt, wird man sofort nach anderen Kalorienquellen schauen. Und dann wird man schon recht frühzeitig auf Fette und Proteine zurückgreifen. Und recht schnell würde man eine der Umgebung angepasstere Rohkost praktizieren, viel zufriedener sein, keine Sehnsucht haben, gut genährt sein ...

Gegen dieses Vorgehen, was ich schlichtweg vernünftig halte und was aus der Erfahrung herausgewachsen ist, gibt es natürlich überall enorme Widerstände.

Na mal sehen, ob sich irgendwann mal eine auf Vernunft basierte Rohkost herausschält, oder ob erstmal alle Verrücktheiten ausprobiert werden wollen.

Schauen wir mal...

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