In Abhängigkeit halten

17.08.2016 20:32

Ich habe ja schon an anderer Stelle geschrieben, dass ich mal lange Jahre eine chinesische Kampfkunst trainiert habe. Irgendwann habe ich aber aufgehört, einfach auch, weil ich zu dieser Zeit irgendwie ausgebrannt war. Aber es kam damals noch etwas hinzu, was mir erst später richtig klar wurde: der ganze Verband hatte irgendwie eine Struktur, die die Menschen bis in alle Ewigkeiten in Abhängigkeit hält und das Geld aus der Tasche zieht. Richtig klar wurde mir das später auch durch die Lektüre von Beiträgen von Leuten aus Köln im Rohkostforum, die der "Anreizkorrigierten Wissenschaft" nahe standen.

Später war es Bernd Senf, der in einem seiner Videos, oder vielleicht auch in mehreren, erklärte, dass sowie man natürliche Selbstregulierungsprozesse unterbindet, Abhängigkeiten entstehen. Und das deswegen der Kapitalismus immer darauf erpicht ist, Selbstregulierung zu unterbinden, um genau diese Abhängigkeiten zu bewahren. Das Gesundheitssystem (was nur euphimistisch gemeint sein kann) kann dazu als Beispiel gelten. Hier würde jeder Arzt, der seine Patienten zur Gesundheit verhelfen würde, sprich zur Selbstregulation, einen finanziellen Nachteil gegenüber dem haben, der sie zwischen Leben und Tod, und somit in Abhängigkeit, hält.

Anders dagegen das chinesische Modell, wo man nur bezahlt, wenn man wieder gesund wird.

Jedenfalls habe ich da immer fleissig trainiert, Lehrgänge besucht, Privatstunden genommen und auch zuhause geübt. Fuhr man dann auf einen der besagten Lehrgänge mit dem Großmeister, so wurde klar, dass selbst seine besten Schüler, mittlerweile manche schon 20 Jahre und mehr trainierend, ihm nicht das Wasser reichen konnten. Das machte mich das erste Mal stutzig, denn wer kennt das nicht aus den Kampfkunstfilmen, wo der Moment kommt, wo der Schüler selber zum Meister wird und der sagt: "Du bist soweit, ich kann dir nichts mehr beibringen!" und ihn ins Leben entlässt, wo er seinen eigenen Weg finden muss. Zumeist ist der Schüler dann im besten Alter.

Nicht so in dem Verband: dort wurden und werden, so vermute ich, die Menschen in permanenter Abhängigkeit gehalten. Natürlich haben das auch andere bemerkt und mit den Jahren gingen viele Meisterschüler (oder wurden gegangen). Übrigens nicht nur Meisterschüler. Auch "kleine" Schulleiter wurden u.U. ohne Begründung und ohne Vorwarnung bei bestimmten Problemen, die man auch hätte klären können, aus dem Verband, und damit in die berufliche Unsicherheit, gestoßen.

Ein sehr sympathischer Lehrer aus Berlin, Schüler der ersten Stunde, immer treu und einer der höchstgraduiertesten Lehrer überhaupt, ist wohl kürzlich auch gegangen worden. 

Was ist passiert?

Bei dieser Kampfkunst handelt es sich um ein komplettes System, das in China entwickelt wurde. Es enthält nur wenige Formen, dafür aber ein spezielles Gefühlstraining, was ständig geübt wird, um reflexartig richtig auf alle Arten von Angriffen zu reagieren. Die Kampfkunst ist im Grunde recht einfach und basiert auf ein paar Prinzipen, die körperlich umgesetzt werden. Nun haben die Chinesen auch ein System entwickelt, wie man dieses System relativ schnell erlernen kann. 3-4 Jahre relativ intensives Training sollten ausreichen, das System zu erlernen, gerade in der Jugend, wo es sowieso schnell geht, Bewegungen zu meistern.

In Europa aber haben viele selbst nach 30 Jahren noch nicht das ganze System erlernt (viele sind regelrecht darüber grau geworden) und dennoch tausende und abertausende Euros und vorher Mark investiert. Der Großmeister hat das aber sehr wort- und einfallsreich begründet (aber natürlich nicht hinzugefügt, dass im Kapitalismus Abhängigkeiten immerwährende Einkünfte bedeuten). 

Es trug sich aber zu, dass ein einfacher Schüler aus Italien sich nach Hong Kong aufmachte, um dort direkt vom Großmeister und Schöpfer dieses Stils zu lernen. Anscheinend war der dem Großmeister einfach sympathisch und der unterrichtete ihn auch fleissig und schon hatte der Schüler aus Italien relativ schnell (er hatte ja schon Vorwissen) das ganze System gelernt, sprich alle relevanten Bewegungen und Übungen, und viel wichtiger: auch die dahinterliegenden Prinzipien und Ideen.

Zurück in Europa gab es dann einen Aufschrei, wie das denn sein könne. Hier übe man schon Jahre und zahle kräftig und der wurde, warum auch immer, mal so einfach komplett unterrichtet. Das brachte den europäischen Großmeister, selber Schüler des Meisters aus HK in Bedrängnis. Und so musste der Großmeister aus China, der ja selber gut von den Europäern lebte, erstmal erklären, dass der ja gar nicht alles gelernt hatte, und er wurde auch schnell aus China eingeladen, um in einigen Lehrgängen den Meisterschülern in Europa das ganze System zu zeigen.

Damit wäre eigentlich die Geschichte zu Ende gewesen. Man zeigt den Schülern das Ganze, und die können dann unabhängig üben und sich verbessern. Im Grunde ähnlich dem Erlernen einer Musikrichtung auf der Gitarre. Man zeigt die relevanten Griffe, die Grundrythmen, die relevanten Tonleitern, später ein paar erweiterte Sachen und dann ist man fertig und alles was dann noch kommt, ist der Kreativität des jeweiligen Gitarristen geschuldet, der auf diesem Grundgerüst agiert.

Tja, es kam dann wohl anders: flugs wurde erklärt, dass diese Übungen veraltet seinen, etwas neues wurde kreiert und was passierte? Genau: das musste wieder in neuen Lehrgängen und Seminaren "erkauft" werden.

Besagter hochgraduierter Lehrer aus Berlin hatte aber wohl dazu keine Lust, weil er eigentlich immer nur das Orginalsystem erlernen wollte, wie man in einschlägigen Internetforen lesen kann, und wurde deswegen anscheinend rausgeekelt.

Hier sieht man mal sehr schön, wie es funktioniert.

Wo ist die Verbindung zur Rohkost? Ganz einfach: der Redakteur des Instinctomagazins war gleichzeitig Redakteur der Zeitschrift des Kampfkunstverbandes und besagter europäischer Großmeister war zeitweise sogar an der Rohkost interessiert (oder ist es noch) und einer seiner Meisterschüler, auch nicht mehr dabei, war ganz erstaunt, als ich ihm mal auf einem Lehrgang sagte, dass ich auch im Alltag roh esse. Der war da auch schon auf dem Weg und seine Frau schrieb wohl sogar etwas im Instinctomagazin.

Instincto und diese chinesische Kampfkunst waren zeitweise also durchaus auf Führungsebene eng verbunden. Besagter Chefredakeur in Doppelfunktion war auch oft zu den Instinctotreffen und hat dort diese Kampfkunst unterrichtet.

Es war wohl insgesamt auch kein Wunder, dass es ja auch in der Rohkost diese Abhängigkeiten gibt und gab. Als ich mit Rohkost anfing, war ja theoretisch jeder, der nicht alles von Orkos bezog, nicht wirklich roh (dito wie jeder, der aus dem Verband ausstieg, nicht mehr wirklich "up to date" war). Und auch in der Rohkost wurden viele viele Euros für teilweise sehr teure Produkte investiert, mit der Aussicht auf vollumfängliche Gesundheit (dort: vollumfängliche Verteidigungsfähigkeit). Und man wurde auch da irgendwie in Abhängigkeit gehalten. Vor allem eben auch geistig, indem man suggerierte, dass niemand anderes diese Qualitäten habe und man ohne Orkos eben nicht wirklich roh sein könne. (Bis heute haben die Leute ja teilweise Angst vor Avocados aus dem Bioladen, selbst wenn der Biohändler alle Garantien gibt, dass die OK sind).

Nun hat sich das aber schon etwas geändert und so wie in der Kampfkunstszene gibt es auch in der Rohkostszene mehr Diversität und mehr Unabhängigkeiten.

Gut so!

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