Kollektive Selbstzerstörung

31.01.2015 12:34

Seit Kindesbeinen bin ich auf eigentümliche Weise fasziniert am zweiten Weltkrieg. Ich glaube, es hat vor allem damit zu tun, dass mein Großvater dies alles als Soldat erleben musste und man es eben in Gesprächen mitbekam und sich dann fragte, was war damals los. Und wohl auch, weil wir ja bis heute als Deutsche immer noch diese Schuld mit uns rumtragen, obwohl unsere Generation natürlich nichts mehr damit zu tun hat, ausser dem Bewusstsein, was damals geschah.

Den Tag habe ich mir, da bin ich durch Zufall drauf gestossen, mehrere Reden von Adolf Hitler angehört. Diese sind ja auf youtube frei zugänglich. Einmal die Rede zum 01. September 1939 zum Angriff gegen Polen. Und einmal die Rede vom 8. November des selben Jahres.

Und da wurde mir an einem Punkt der Rede bewusst, dass es hier anscheinend einen tiefen Todeswunsch gab, dass die Zerstörung und der Selbstmord als Endpunkt immer vorgesehen waren. Nur war es eben kein stiller Selbstmord im Privaten, sondern der größte Amoklauf der Geschichte. An einer Stelle der Rede, wo es darum geht, dass auch er mit vollem Einsatz und Opferbereitschaft vorangeht und wo quasi seine Nachfolge schon geregelt wird, da hatte ich das Gefühl, dass es das ist, was er wirklich wollte. Sterben. Aber nicht klein und unbedeutend, sondern ähnlich eines Amokläufers wollte er (und hat er auch) viele Menschen mit sich reissen. Wenn ich damals gelebt hätte und diese Rede vielleicht im Radio gehört hätte, an dieser Stelle wäre es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass es hier nie um den "Endsieg" oder was auch immer ging, sondern um vollkommene Selbstzerstörung, um Amoklauf und Destruktion. Und so ist es ja am Ende auch gekommen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/96/Bundesarchiv_Bild_183-Z0309-310,_Zerst%C3%B6rtes_Dresden.jpg

(Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/96/Bundesarchiv_Bild_183-Z0309-310,_Zerst%C3%B6rtes_Dresden.jpg)

Vor dem Hintergrund der Wilhelm Reichschen Forschungen kann man diesen Irrsinn begreifen und erklären. Angestaute Aggressionen, Unterdrückte Gefühle, nicht ausgelebte Sexualität, seelische Verstümmelungen in den Schützengräben des ersten Weltkrieges, der nachfolgenden Verelendung und Massenarbeitslosigkeit usw usw. Das alles hat wieder einen neuen Ausbruch der Destruktion hervorgebracht.

Reich wandte mit seiner Arbeit Massenpsychologie des Faschismus seine klinischen Vorstellungen von der menschlichen Charakterstruktur auf den gesellschaftlich-politischen Bereich an. Es ist seine erste größere, aus psychoanalytisch-gesellschaftskritischer Sicht geschriebene Auseinandersetzung mit dem Faschismus bzw. dem Nationalsozialismus. Er analysiert darin grundlegende Zusammenhänge zwischen autoritärer Triebunterdrückung und faschistischer Ideologie und welche Rolle die autoritäre Familie und die Kirche dabei spielen. Reich vertrat die Ansicht, dass organisierte faschistische Bewegungen durch irrationale Charakterstrukturen des modernen Durchschnittsmenschen hervorgebracht würden, dessen primäre biologische Bedürfnisse und Antriebe seit Generationen unterdrückt worden seien: Die patriarchalische (Zwangs-)Familie als Keimzelle des Staates schaffe die Charaktere, die sich der repressiven Ordnung, trotz Not und Erniedrigung, unterwerfen. Er verneint die Auffassung, Faschismus würde aus der Ideologie oder dem Handeln einzelner Individuen oder irgendwelcher politischen oder ethnischen Gruppe entspringen.

archive.org/details/Reich_1933_Massenpsychologie_k

Wenn man ruft: Nie wieder Faschismus! Muss man auch gleichzeit rufen: All you need is love!!

Und diese Massendestruktion erleben wir ja heute noch genauso. Nur anders. Man muss sich nur mal bei Kaufland hinstellen und die Leute beobachten. Man sieht Massen an zerstörten und verunstalteten Körpern. Erschreckend. Und auch da scheint mir ein tief liegender Wunsch nach Selbstmord, nach Zerstörung, oft dem Gewahrsein des Betreffenden entzogen, die Ursache zu sein. Man zerstört sich selber, weil die eigene Existenz unerträglich, als Last und als Mühsal empfunden wird, abgetrennt von den lebendigen Energien, gegen die man nicht selten sogar Hass empfindet. Ein alltägliches und allumfängliches Leiden offenbart sich mir alleine durch den Anblick der Massen, die an den Kassen vorbeistürmen und ein Blick in ihre Einkaufskörbe verrät mir die Mittel ihrer Selbstzerstörung: billige Lebensmittel, Alkohol, Süssigkeiten, wertlose Weizenprodukte, künstlich wirkendendes Obst und Gemüse, Fleisch aus Tierfabriken. 

Wenn man nun selber diesen Kreislauf analysiert, sich seiner eigenen Traumata bewusst wird, diese ans Licht zerrt und ihnen die Energie entzieht, wenn man also diese Starrheit überwindet und das Lebendige wieder anfängt zu strömen, dann wird man nicht selten zum Aussenseiter, zum Träumer und Spinner erklärt. Hier muss man immer etwas aufpassen und darf nicht naiv sein. Solange es diese "emotionale Pest" gibt, solange wird es zertörerische Impulse gegen die Lebensfreude, Kreativität, Freiheit und das Lebendige geben. Daran sind schon einige Gemeinschaften und Gruppen zugrunde gegangen. Man war zu naiv, hat nicht erkannt, dass so ziemlich jeder Mensch schon mit der emotionalen Pest beladen ist und kann dann nicht verstehen, wieso alles wieder ein Ende nahm. Meist auf unschöne Art und Weise.

Diese Gruppen sind die Keimzellen des Neuen, das Besseren, müssen sich aber gewahr werden, dass diese zerstörerischen Impulse in jeden schlummern. Wie oft erlebte ich auf Rohkosttreffen, wie Menschen, oft ohne das sie sich dessen gewahr wurden, sich ablehnend und sogar feindselig gegen diese Ernährungsweise verhielten. Eine Ernährungsweise, die sie selber ja just in diesem Augenblick praktizierten. Sie konnten das Lebendige unterbewusst nicht ertragen.

Das destruktive Verhalten beginnt mit nur einer Person, die wie ein Katalysator wirkt. Der befallene Mensch fühlt sich gezwungen, jene Menschen oder Dinge in seiner Umgebung zu unterdrücken oder zu zerstören, welche Gefühle bei ihm provozieren, die er nicht ertragen kann. Zu diesen Gefühlen gehören unerfüllte Sehnsüchte und Begierden, die wiederum zu unerträglicher Angst, Frustration und schließlich mörderischem Haß auf jene führen, die sie hervorgerufen haben. Dieser Zerstörungszwang, der der emotionalen Abwehr des Betroffenen dient, macht das Wesen der Emotionellen Pest aus.

Das wir heute in relativ friedlichen Zeiten leben, verdanken wir vor allem auch der Generation vor uns, die sich aus der restritiven Sexualmoral befreiht hat. Somit konnte es gesamtgesellschaftlich zumindest teilweise zu mehr Lebendigkeit und Fließprozessen kommen. Nur muss man sich eben immer bewusst werden, dass es immer noch irgendwo einen "Sith-Lord" gibt, der die dunkle Seite repräsentiert und der diese Lebendigkeit wieder zerstören will. Sie zu kontrollieren und zu beherrschen sucht. Egal ob NSA-Abhörskandal, der ja jetzt in diesem Augenblick weiterhin stattfindet, egal ob Wirtschaftskriege oder Kriege gegen religiöse Minderheiten, egal ob zunehmende De-Demokratisierung oder zunehmende Aggressionen gegen nun z.B. Ländern wie Griechenland (als Ausdruck einer lebendigen Demokratie). Dem allen liegt diese emotionale Pest zugrunde. Dieser Zerstörungs- und Kontrollzwang, der nur dadurch zum Massenphänomen wird, weil Millionen ihn in sich tragen. 

Deswegen sollte man sich hier nichts vormachen.

Man muß wissen, daß emotionell pestkranke Reaktionen allgegenwärtig sind und sie jedem widerfahren können. Sie können von leichten bis schweren Reaktionen reichen. Beispielsweise wenn Sie eine besonders schlechten Tag haben, wollten Sie noch nie den Menschen, der glücklich und fröhlich pfeifend in Ihr Büro kam, zum Schweigen bringen? Jeder, der sich in einem Zustand der Kontraktion befindet, kann durch das Expansive, das er in anderen wahrnimmt, irritiert werden, so daß er dem ein Ende setzen will. Wenn man das für sich behält, entspricht es der Reaktion des Kleinen Mannes. Wenn es im zwischenmenschlichen Bereich, sozial ausagiert wird, ist es eine emotionell pestkranke Reaktion. Obwohl das nicht gerade ein weltbewegendes Beispiel ist, illustriert es auf kleinem Maßstab genau die gleichen emotionalen Beweggründe, die sich hinter den extremen, destruktiven Reaktionen verbergen.

Fälle von Emotioneller Pest erstrecken sich von solch alltäglichen, kleineren Zwischenfällen wie Eifersucht, Klatsch und Verleumdung, die selbst-begrenzend sind, bis hin zu tödlichen Ausbrüchen, die lokal bleiben, wie der Völkermord in Bosnien oder in Ruanda, oder sich großflächig ausbreiten können, wie Nationalsozialismus und Kommunismus bzw. gegenwärtig der schwerwiegende und umfassende Ausbruch unter islamisch-fundamentalistischen Fanatikern im Nahen Osten. Es ist wichtig sich dessen bewußt zu bleiben, daß die Emotionelle Pest überall auf der Welt und während des gesamten Geschichtsverlaufs auftreten kann. www.w-reich.de/crist.html

Und natürlich kann ich mich auch nicht von manchen Verhaltensweisen frei sprechen, die in diese Kategorie fallen, auch wenn das Ego dagegen rebelliert. Aber wie auch? Bin ich doch in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen und wie jeder Mensch in dieser Gesellschaft groß geworden, mit seinen bis heute andauernden Problemen. Ich erinnere mich noch, dass auch ich früher bestimmte Formen des Lebendigen nicht ertragen konnte.

Gleichzeit war da aber immer wieder dieses Gefühl, dies zu überwinden und zu heilen und selber zu echter Lebendigkeit zu kommen. Und oft, grade nach Umstellung auf Rohkost, habe ich diese wilde Lebendigkeit in mir gespürt, das Strömen der Energien, dass sich in Lebensfreude, Glück und sexueller Erfüllung äussert. Gleichzeitig habe ich mich nie mit weniger als liebevollen Beziehungen zufrieden gegeben. Noch toleriere ich Autoritäten oder langweilige, mich nicht erfüllende Tätigkeiten und Berufe.

Der neurotischen Reaktion entspricht es, sich gegen sich selbst zu wenden, die Angst abzuwürgen und abzutöten und gleichzeitig mit ihr tiefere Emotionen und Sehnsüchte. Als Resultat tötet der Betroffene das Leben in sich und leidet an einer gehemmten, eingeschränkten Existenz. Dies sieht man beispielsweise, wenn jemand unglückliche oder oberflächliche Beziehungen toleriert oder sich mit einer inhaltsleeren, freudlosen Arbeit zufriedengibt.

Bevor man also mit dem Finger auf Pegida und Co zeigt, und sich als etwas besseres und moralisch höherwertigeres wähnt, oder auf den bösen Russen schimpft, oder den Dshihadisten, die ja alle offensichtlich auch unter der emotionalen Pest leiden, muss man natürlich erstmal schauen, inwieweit man selber davon betroffen ist. Und dann wird man merken, dass man selber auch nicht frei ist von dieser emotionalen Krankheit. Und wenn man es dann in sich selber entdeckt, dann kann man auch mit Mitgefühl auf den vermeindlichen Gegner zu gehen und es öffnet sich etwas, man kommt ins Gespräch, oder wenn das nicht mehr möglich ist, wird man dann zumindest die Maßnahmen treffen, die auch wirklich etwas bringen, statt nur weitere Eskalation und Ausbreitung der Gewalt zu befördern. Wenn man also in sich selber sowie im gegenüber den selben "kleinen ängstlichen Menschen" erblickt, dann handelt man anders. Zum großen Menschen macht einen dann nur die Liebe.

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