Tour de Kultur I

13.07.2014 09:59

Wenn man im Berufsleben steht, findet man ja oft keine Zeit für Dinge, die man schon immer mal machen wollte. Man schiebt sie immer wieder auf und irgendwann ist es dann vorbei. Ein Sabbatjahr bietet auch hier die Möglichkeit, dies mal nachzuholen und das zu machen, was man eben schon länger mal machen wollte. 

Und so hab ich gestern meine Oldies geschnappt und war mit ihnen im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle / Saale. 

Man muss einfach sagen, dass es eine wirklich beeindruckende und informative Sache war. Man hat sehr gut die menschliche Besiedelung hier in Mitteldeutschland nachgestellt und konnte einige beeindruckende Funde präsentieren. Im Grunde war es auch etwas beklemmend, weil man im Zuge des Rundganges durch die menschliche Geschichte Mitteldeutschlands mitbekam, wie sich die Lebensbedingungen geändert haben. Von den frühesten Nachweisen menschlicher Besiedelung durch den Homo erectus vor ca. 370.000 Jahren in der Altsteinzeit über die Mittel- und Jungsteinzeit bis zur frühen Eisenzeit zeigt diese Ausstellung nicht nur den technischen und kulturellen Fortschritt der Menschen, sondern auch die Zunahme von Bevölkerungszahlen, Hierachien, Krankheiten und Gewalt mit Einsetzten des Ackerbaues und der Viehzucht vor ca. 7.500 Jahren. Link

Es gab einige gut erhaltene Skelette von beigesetzten Familien zu bewundern, denen der Schädel gespalten wurde, denen Pfeile in der Wirbelsäule steckten oder denen andere Grausamkeiten angetan wurden. Mit dem Einsetzen des Ackerbaues und der Viehzucht kam es eindeutig auch zur Ausbildung von Gewalt und regelrechten Gewaltexzessen. Ganze Familien und Dörfer wurden hingemetzelt. Lebten die Jäger und Sammler noch friedlich nebeneinander und hatten Platz, so entwickelten sich in der Jungsteinzeit dann Krieger, Armeen und Hierachien. Im Grunde hält das ja bis heute an. Wie kann es auch anders sein, da wir ja immer noch in einer Ackerbau - und Viehzuchtkultur leben. 

Wie gesagt, die Ausstellung ist klasse gemacht. Man fängt quasi bei den ersten Spuren menschlicher Besiedelung an und wandert durch die Zeit und bekommt eindrucksvoll die Veränderungen im Leben der Menschen präsentiert.   

Eines der Highlights ist ja die Himmelsscheibe von Nebra, der wohl weltweit bedeutenste archäologische Fund des vergangenen Jahrhunderts. Leider war es verboten, im Museum Fotos zu schießen. 

Wie gesagt, in gewisser Weise ist es schon bewegend, wenn man vor dem Skelett eines Menschen steht, der vor tausenden von Jahren als Jäger und Sammler gelebt hat (und perfekte Zähne hatte - muss gut ausgesehen haben, wenn der gelächelt hat) und sich fragt: Wer war das? Wie haben diese Menschen gelebt? Wie sahen sie aus?  

Ich würde wirklich einiges geben, da mal in der Zeit zurückreisen zu können. Und vielleicht war ich in einem der letzten Leben ein Steinzeitmensch, lol, vielleicht kommt daher meine Vorliebe für Wildfrüchte, Wildkräuter, Wildfisch- und Fleisch und meine Abneigung gegen Getreide und Milch. Hört sich jedenfalls so schlecht nicht an, das damalige Nahrungsangebot: 

"Die einstige Flora bestand aus lichten, artenreichen Eichen-Buchsbaumwäldern, wie sie heute im nördlichen Mittelmeergebiet vorkommen. Sie waren mit Gebüsch und offenen Steppenwiesen durchsetzt. Unter den nachgewiesenen Pflanzen befinden sich weiterhin Arten mit essbaren Teilen: das sind Eiche, Hasel, Linde, Feuerdorn, Berberitze und Himbeere, Wildbirne, Süßkirsche und Weinrebe. In dieser Umgebung lebten große Pflanzenfresser wie Elefanten, Wald- und Steppennashörner, Wildrinder, -pferde und Hirsche. Diesem unerschöpflichen Nahrungsreservoir folgten die großen Raubtiere wie der Höhlenlöwe, Bär und Wolf." Quelle.

Instinktiv würde ich hier sagen: wow - paradisisch. Wenn man sich das obige Zitat anschaut, kann man schon eine Idee bekommen, wie es auch hier in Europa diese Zustände gab und in welcher Umwelt sich unsere europäische Genetik ausgeprägt hat. Natürlich waren diese Bedingungen nicht stabil, es wurde mal wärmer, dann wieder kälter. Aber man bekommt einen Eindruck, dass "unser" Paradies vielleicht nicht in den feuchten Tropen lag, sondern sich anders darstellte. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass unsere Vorfahren sehr viel länger unter diesen Bedingungen lebten als unter denen der Kältesteppen und denen des Ackerbaues. Im Grunde kann man diese Menschen, die damals lebten, sogar etwas beneiden. Man stelle sich vor, man lebt als Gruppe in solch einer Umwelt. Dagegen ist das Leben heute ja das reinste Fiasko! lol 

Mich persönlich interessiert die Alt- und Mittelsteinzeit auch mehr als die mit dem Ackerbau- und Viehzucht einsetzende Phase der Jungsteinzeit, wo man zwar sehr viele technische und kulturelle Errungenschaften vorzuweisen hat, aber auch mit Krankheiten wie Karies und anderen Seuchen, die von den Tieren auf den Menschen übergingen, Kriegen und Gewalt zu kämpfen hatte. 

Man schaue sich nur an, was derzeit wieder in Isreal abgeht oder in der Ukraine, in Syrien, im Irak, in Afghanistan. Mord und Totschlag. Politische Interessen, Sicherung von Einflusszonen, Ressourcensicherung, Unterdrückung, religiöser Wahn. Und das geht jetzt seit ca. 8.000 Jahren so. Erst war es Bronze, dann Eisen, später Gold, irgendwann dann Kohle, Erdöl und Bauxit. Imperien entstehen und verschwinden. Religionen entstehen, spalten sich, bekämpfen sich. Nichts ist ewig, nichts hält und nichts kann man mit ins Grab nehmen, auch wenn man noch so viele Reichtümer ansammelt. 

Im Vergleich dazu schienen die Jäger- und Sammlervölker ja regelrecht unschuldig, als sie im Einklang mit der Natur jahrtausendelang umherstreiften, ohne große Besitztümer.. wieso auch: sie hatten doch eh ALLES. Übrigens: Man muss auch verstehen, dass z.B. Vegetarismus ganz klar ein Kind der Ackerbau- und Viehzuchtkulturen ist, die sich mit Getreide und Milch eine alternative Proteinquelle erschlossen haben. Vorher gab es sowas ja nicht. 

Das stellt natürlich die Frage, wie es wäre, wenn man sich wieder wie ein Jäger und Sammler ernährt. Verändert das den Blick auf die Dinge? Klar. Aber reicht das? Viele Wissenschaftler sehen das ganze ja auch relativ klar, nur um abends dann mit den Kollegen ein Bier trinken zu gehen. Ich glaube, es geht darum, das EMPFINDEN zu ändern. Es wieder zu normalisieren. Wie gesagt, mit der Rohkost fallen viele erregende Substanzen der täglichen Normalkost weg. Was schonmal der erste wichtige Schritt raus aus dem Wahnsinn ist. Aber wenn man zuviel Zuckerfrüchte konsumiert, kann einen das auch aus der Bahn werfen. Genauso, wenn ich zuwenig tierische Proteine esse, dass hat auch keine Zukunft. Aber auch die Lebensweise fern der Rohkost ist auschlaggebend. Wenn ich zwar roh lebe, aber wieder als Bauer arbeite, werde ich auch mein Land verteidigen wollen, vielleicht entwickle ich auch eine Art Paranoia, weil man glaubt, dass man überfallen wird und einem das Land wieder weggenommen wird. Das sind ja zum Teil jahrtausendealte Erfahrungen, die auf immer wiederkehrende traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit beruhen und im kollektiven Gedächtnis überdauert haben. 

"In an insane world, a sane man appears to be insane". 

Ich mache mir nichts vor: ich bin zwar ein großer Gartenfan, aber auch die Gartenbaukulturen haben schon ihre Unschuld verloren, so wie es Eibl-Eibesfeldt schön beschrieb. Sowie man anfängt, Land für sich zu besetzen, ist es vorbei mit der schönen Zeit. Aber mir ist natürlich vollkommen bewusst, dass wenn ich als Jäger und Sammler (Sammler würde ja noch gehen) durch die Lande streifte, ich übermorgen erst in Polizeigehorsam, und später in der Psychatrie landen würde. Muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: wenn man wirklich ein Leben führen würde, was naturgemäß wäre, würde man in die Klapse kommen. Wenn man Bomben auf Palästinenser oder umgekehrt Juden abwirft oder abschießt und ganze Familien auslöscht, bekommt man einen Orden. Für den Dienst am Vaterland.  

Manchmal stelle ich mir die Frage, wie es wäre, wenn ALLE Menschen auf der Welt eine vernünftige und funktionierende Rohkosternährung durchführen würden. DAS wäre mal ein Experiment!! So aber bleibts bei einigen verstreuten Hanseln, die sich da etwas vormachen aber zumindest etwas versuchen. Aber klar, Rohkost alleine ist nur der erste Schritt, in weiterer Folge muss man sich wohl auch aus dem ganzen Dickicht der Überzeugungen, Glaubensinhalten und fehlgeleiteten Gefühle befreien, die bisher den menschlichen Geist umnebelt haben. 

Viele Entwicklungen verlaufen ja auch kreisförmig. Im Sport zum Beispiel: man fängt mit ganz einfachen Übungen an, irgendwann wird alles komplizierter, man entdeckt viele exotische Sachen usw usw.. nur um irgendwann wieder bei den einfachen Übungen zu enden. Im Zen-Buddhismus gibt es ähnliche Metaphern und diese Entwicklung wird ebenfalls als Kreis dargestellt. Und vielleicht durchlebt die Menschheit als Ganzes eine ähnliche Entwicklung. Jetzt erstmal alles verkomplizieren, erstmal alles "falsch" machen, erstmal alles erkunden, was es noch so gibt. Und vielleicht endet die Menscheit in ein paar tausend Jahren, reif dann und "erleuchtet" wieder als eine Art Jäger- und Sammlerkultur. So wie es los ging, so endet es... nur eben jetzt nicht mehr unschuldig und unbewusst, sondern reif und bewusst. Na schauen wir mal, wie es weiter geht! Es bleibt spannend. :-)

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