Leserbrief

13.07.2015 13:59

Sehr geehrter Herr Müller, geehrter Herr Lieb und geehrter Herr Flassbeck,

ich möchte Ihnen diesen Leserbrief schreiben, weil ich bis jetzt glaube, dass wir einen wesentlichen Punkt in der Diskussion bisher nicht ausreichend beleuchtet haben. Und zwar die Frage, inwieweit unser Geldsystem als Herrschaftsinstrument missbraucht werden kann.

Am Beispiel Griechenlands sieht man „hervorragend“, was passiert, wenn jemand aufgrund einer wie auch immer zustande gekommenen Verschuldung in eine Notlage gerät. Just in diesem Moment greifen, wenn die Gläubiger ein vitales Interesse an diesem Weg haben, die damit verbundenen Instrumente, um Herrschaft über diesen Land auszuüben. Anders als beispielsweise nach dem 2. WK, wo anscheinend das Interesse mehr davon geleitet war, Deutschland wieder aufzubauen und es somit die Schulden zu erlassen, bzw. so zu strukturieren, dass sie tragfähig waren, ist im Falle Griechenlands eine andere Interessenlage zu erkennen.

Ich persönlich glaube, dass ein über 70 Jahre im Dunkeln existierender Geist der deutschen Überlegenheit, der nie ganz ausgelöscht werden konnte, sich wieder Bahn bricht. Und jetzt nutzten die Mächtigen in Berlin die Situation, um die deutsche Vorherrschaft in Europa zu zementieren. Geschafft haben sie dies mit Hilfe des, vielleicht sogar extra zu diesem Zwecke im Mittelalter wiederbelebten, Geldsystems.

Welche Mittel hätten denn die Merkels und vor allem Schäubles dieser Welt, andere Länder zu dominieren, wenn es keine Gläubiger-Schuldner-Verhältnisse gäbe? Es bliebe nur die offene Gewalt, statt der jetzt von einer deutschen Mehrheit der deutschen Öffentlichkeit unterstützten strukturellen Gewalt.

Und deswegen werden auch alle Stimmen der Vernunft ad absurdum geführt, lächerlich gemacht oder gar denunziert in einer wie gleichgeschaltet anmutenden Medien- und Parteienlandschaft. Denn andere Länder in die Verschuldung zu führen bedeutet Macht! Und deswegen werden die Deutschen ihren Exportüberschuss nicht herunterfahren. Weil dies das Mittel ist, Europa zu dominieren. Die USA dominieren die Welt mittels offener Gewalt. Kriege, verdeckte Aktionen, NGOs, Regiem Changes. Diese Position kann Deutschland nicht einnehmen, aufgrund seiner Geschichte und seiner Position als Mittelmacht. Aber es kann als Wirtschaftsriese Europa dominieren und nutzt dazu die Mittel der Herrschaft, in dem Falle das Schuldgeldsystem. Dieses System ist perfekt, da man es sogar den Stammtisch mit einfachen Worten hinter sich bringen kann. („Schulden müssen zurückgezahlt werden und wir mussten auch den Gürtel enger schnallen und deswegen geht es uns jetzt auch so gut.“).

Dieses System ist also ein perfides Konstrukt, dass immer wieder zu Machtverschiebungen und somit Dominanz geführt hat. Und es liegt an der jeweiligen Interessenlage der Gläubiger, ob die Daumenschrauben angezogen werden, um bestimmte machtpolitische Vorstellungen durchzusetzten oder nicht. Im Falle Griechenlands wird die Gläubigerposition eiskalt ausgenutzt, um bestimmte Interessen zu verwirklichen. Das hat natürlich nichts mit wirtschaftspolitischer vernunft zu tun, sondern ist kalte Machtpolitik. Deswegen auch die Ablehnung sämtlicher Vorschläge Griechenlands. Diese stehen einfach im Widerspruch zum eigentlichen Ziel.

Und wie man sieht, wird die Zwangslage Griechenlands jetzt genutzt, so wie es der schwäbischen Hausfrau auch ergehen würde, nämlich dass sie ihr Tafelsilber und den Rest auch noch verhökern muss. Unter Preis natürlich.

An Griechenland wird jetzt vorexerziert, WIE dieses Herrschaftsinstrument wirkt. Das geht nun offensichtlich bis hin zum offenen Staatsstreich und der Implementierung einer gesonnenen Regierung.

Deutschland hat sich zurückbegeben in finstere Zeiten. Zu groß für Europa, zu klein für die Welt hieß es schon vor langer Zeit.

Ich wage zu behaupten, dass wir erst am Beginn einer neuen deutschen Dominanz in Europa stehen. Die Mittel der Dominanz sind Exportüberschuss und somit Schulden im Ausalnd, Austerität (Sparen, vornehmlich bei den Schwachen, um Schulden zurückzahlen zu können) und der Euro (keine Abwertung der eigenen Währung möglich).

In Frankreich wird man wohl schon langsam gewahr, dass der Euro nicht ausgereicht hat, um Deutschland einzuhegen. Im Gegenteil, der Euro ist Teil des Systems, dass Deutschland derzeit (und machen wir uns mal nichts vor, dass finden ja alle, bis hin zu Otto auf der Straße super, Exportweltmeister zu sein!! Weltmeister ist immer was tolles!) die neue Dominanz in Europa sichert.

Und dann kommt eben dieser alte Geist der deutschen Überlegenheit wieder zum Vorschein! Wir, die Fleißigsten, die Innovativsten, die Sparsamsten, die Erfindungsreichsten, die besten Ingenieure, die Intelligentesten.

Ich vermute, dass dieser Geist derzeit wieder durch rechtskonservative und zunehmend auch sozialdemokratische Gehirne spukt und nicht minder auf den Fluren der Redaktionsstuben großer Medien weht.

Wussten wir denn nicht schon immer? Wir sind die Besten! Und jetzt dürfen wir das auch mal wieder zeigen. Vorbei die Zeit, dass wir uns angesichts der Taten unserer Großväter klein machen mussten. Nein, wir Deutschen, wir sind und waren doch schon immer die Nummer 1 in Europa. Und sind wir nicht die Einzigen, die ihre Wirtschaft durch die Krise gebracht haben, anders als die faulen Südländer, die sozialistischen Franzosen und die mafiösen Italiener?

Dieser Geist scheint mir derzeit die Oberhand zu gewinnen. Er war schon immer da. Doch nun kommt er wieder offener und gestärkter zum Vorschein. Und zusammen mit dem Herrschaftsinstrument Schuldgeldsystem liefert es eben die Voraussetzungen für das Drama, was sich derzeit vor unser aller Augen abspielt.

Demokratie? Wer überschuldet ist, kann sich so was nicht mehr leisten!

Würde? Wer überschuldet ist, hat doch seine Würde selber verspielt, nicht wahr?

Solidarität? Mit faulen Griechen?

Fairness? Ja, aber erst nach dem ihr alles verkauft habt. Und ist es nicht nur fair, euch auszunehmen, nachdem ihr ja selber schuld an eurer Misere seit? Ihr habt euch doch überschuldet!

Europäische Gemeinschaft? Ja, aber doch nicht mit Linken und Faulen.

Solange wir es uns leisten, dieses Geldsystem zu hegen und zu pflegen, solange werden wir in Schuldenkrisen geraten und werden Verschiebungen von Machtpositionen sehen.

Es braucht ein anderes Geldsystem, dass diese nun zu beobachtenden Auswüchse nicht zulässt. Wie so ein Geldsystem auszusehen hat? Ich weiß es nicht. Ich muss es auch nicht wissen. Es reicht erst mal nur zu sehen, welches Unheil mit dem aktuellen angerichtet werden kann.

Mich würde nicht wundern, wenn sich eine Vielzahl der 85% der Jugendlichen Griechenlands, die mit Nein stimmten, zunehmend radikalisieren. Wieso auch nicht? Ihnen wurde die Demokratie als Show, als sinnloses Unterfangen, als Gag vorgeführt.

Wird es in Griechenland bald rechte oder linke Terrorgruppen geben, die gegen das neoliberale und neokoloniale Joch kämpfen, aber mit anderen Mitteln als demokratischen? Falls dies passieren sollte, sollten wir dann Herrn Schäuble, und seine nordeuropäischen (blond und blauäugigen?) Mitstreitern, ruhig die Schuld dafür geben. Denn er trägt sie. Auch ein Gläubiger hat eine Verantwortung und kann Schuld auf sich laden, wenn er damit nicht umgehen kann.

Denn egal ob offene oder strukturelle Gewalt. Gewalt wird nur immer wieder neue Gewalt hervorbringen.

Aber dazu haben wir ja dann die Total-Überwachung der Bevölkerung. Ob das von Anfang an das Ziel war? Stehen wir kurz vor der Einführung einer neoliberalen Diktatur in Europa? TTIP, Austerität, Total-Überwachung.

Jedem freiheitlich denkenden Demokraten muss es angesichts der Entwicklung die Nackenhaare hochstellen.

Mit freundlichen Grüßen!

M.B.

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