Löwenzahn

25.04.2015 08:30

Es ist immer wieder interessant zu beobachten, wie Gewohnheiten, die sich irgendwann mal etabliert haben, irgendwann fast automatisch ablaufen. Das gilt natürlich genauso für den Bereich der Ernährung. Wie jedes Frühjahr verliert das Gemüse, dass ich den ganzen Winter über reichlich gegessen habe, an Anziehungskraft, sobald der Löwenzahn in ausreichenden Mengen zu haben ist.

Löwenzahn ist eines meiner Lieblingswildkräuter. Und vorgestern habe ich das erste Mal auch die Wurzeln probiert und muss sagen: herzerfrischend bitter! LOL - Tatsächlich konnte ich keine größeren Mengen verzehren, aber ich empfand den starken bitteren Geschmack nicht als unangenehm. Dazu gibt es zumeist etwas Fettiges, wie Avocados, Speck, wenn vorhanden, oder derzeit wieder etwas Rohmilch-Butter.

Der Löwenzahn ist ja wirklich eine Pflanze, die man komplett nutzten kann. Die Blüten schmecken süß-aromatisch, die Blätter sind für mich äusserst schmackhaft und die Wurzeln sind ebenfalls gut essbar.

Ich habe auch wieder mal beobachten können, wie sehr der Lerneffekt bei Kindern zum tragen kommt: wenn ich mit den Kids hier ab und an unterwegs bin, esse die oft von alleine Löwenzahn, einfach weil sie es von den Vorbildern gelernt haben, was essbar ist. Andere essbare Kräuter werden aber nicht angerührt, weil sie es nicht gezeigt bekamen. Man sieht auch, dass die Kinder immer auch das haben wollen, was die Mutter oder jeweilige Bezugsperson hat. Es ähnelt mehr einem Wolfsrudel.

Der Mensch ist eben keine Ratte, Wildschwein oder Bär, die ihren Weg durchs Leben quasi erriechen. Ratten und andere Wildtiere haben ja oft sehr lange hochempfindliche Nasen, die auch entsprechend eingesetzt werden. Verglichen dazu hat der Mensch nur einen rudimentär entwickelten Geruchsinn.

Ich möchte damit die von Guy-Claude Burger beobachteten Phänomene der Alliästhesie, also der Veränderung der Genusswahrnehmung nicht widerlegen, im Gegenteil, dass ist ja jederzeit nachvollziebar, möchte aber darauf hinweisen, dass eben der Mensch hier doch etwas anders tickt. Zwei Beispiele:

Zum einen habe ich in Costa Rica in unserer damaligen kleinen Rohkost-Community beobachtet, wie ein Kinder eine Frucht regelmäßig ablehnte, sobald sie angeboten wurde. Es kamen eindeutige Signale: Kopfschütteln, Kopfwegdrehen. Man konnte daraus schliessen, dass kein Bedarf vorhanden ist. Als ich aber diese Frucht ass, kam die Kleine an und wollte auch davon haben. Ich habe sie dann mit Corosoll gefüttert und es war ein Moment von Gemeinschaftlichkeit und Zuneigung. Auch später hat sie Corosoll (soweit ich das überblicken konnte), vor allem dann gegessen, wenn ich sie auch hatte. Da ging es offensichtlich weniger um Bedarf, sondern um einen Akt der Bindung und Gemeinschaft.

Ein zweites Beispiel: sowie es Fleisch gibt, verhalten sich die Kids wie Wolfskinder, deren Mutter nach Hause zurückkommt. Sie drängen auf ihren Anteil. Wolfskinder machen das mit intensivem Schnauze lecken und Menschenkinder quengeln, bis sie ihren Willen bekommen.

Das sind nur zwei Beispiele, die mal verdeutlichen sollen, dass der Mensch bei der Nahrungsaufnahme nicht rein von körperlichen Bedürfnissen gelenkt wird, sondern das der soziale Aspekt einen großen Einfluss hat.

Wenn man wirklich instinktive Rohkost machen will, dann müsste man mal ein Jahr lang zu jeder Malzeit mit verbundenen Augen aus einer großen Palette auswählen. Es also wirklich mal wie ein "einzelgängerisches Nasenwesen" machen. Sowie man in einer sozialen Gruppe integriert ist, kommen andere Funktionen hinzu. Teilen, Verbinden, Gemeinsamkeit, Liebevolle Gemeinschaft.

Tatsächlich muss man sich fragen, ob die instinktive Rohkost nicht schlussendlich zu einer vereinsamenden Situation führt. "Los, wir gehen Himbeeren sammeln!" (gemeinsame Aktion) - "Nee, kein Bedarf!". "Wir haben einen Korb Zuckermais gesammelt!" - "Nein, kein Bedarf." Das lässt sich ja noch auf alle möglichen Gemeinschaftsbildenenden Aktionen ausführen.

Tatsächlich wird mir grade jetzt klar, dass fast alle instinktiven Rohköstler, die ich kenne, eher einzelgängerisch leben. So wie ich ja auch lange. Ganz arm fand ich mal einen älteren Instincto in Frankreich, der da ganz alleine im weiten Land lebte. Und selbst für "Instinktive" in Familien scheint das zu gelten. Man wird alleine. Oft hörte ich dann auch: "Ich esse lieber alleine!" - und auch mir ging es so, als ich instinktiv gelebt habe. Da will man den Genuss haben, und den am besten ungestört geniessen. Irgendwie ist es ja der Höhepunkt des Tages, dieser Genuss.

Der Mensch ist aber nicht für die Einsamkeit gemacht, sondern für ein Leben in Gruppen und Gemeinschaften. Nach dem Sammeln wird das Gesammelte GEMEINSAM gegessen, der erbeutete Honig wird GEMEINSAM verzehrt, die Jagdbeute geteilt und gemeinsam gegessen. Es wird schon gemeinsam die Nahrung beschafft. Es wird zusammen gesessen, gelacht und GEMEINSAM gegessen. Und das geht nicht, wenn sich jeder in seine Ecke zurückzieht, um den Genuss voll zu erleben. 

Instinktive Rohkost? - nur etwas für Individualisten und Einzelgänger? Oder macht sie sogar einsam und einzelgängerisch? Wird man zu einer schnüffelnden Ratte oder einem Bär, der mehr oder weniger alleine durchs Leben geht, seiner Nase folgt und nur das isst, was wirklich in dem Moment passt? LOL

 

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