Man kann eben nicht raus aus der Menschlichkeit

22.02.2017 10:41

Lese gerade ein interessantes Interview mit Gerald Hüther. Hier zu finden. Man sieht an seinen Aussagen immer wieder, dass trotz gewalitiger Versuche des "Systems", sich die Menschen so hinzubiegen, wie sie "gebraucht" werden, es am Ende doch wieder auf das Westenliche zurückfällt: Mensch sein.

Der Mensch kann seine Potenziale nur in Gemeinschaft mit anderen entfalten, meint der Hirnforscher Gerald Hüther. Dafür müssten sich diese aber als Subjekte begegnen. Und das sei nur in nicht-hierarchischen Strukturen möglich.

Jeder gegen jeden, gnadenloser Wettbewerb: in solchermaßen organisierten Gemeinschaften kann der Mensch sein Potenzial nicht entfalten, meint der Hirn- und Lernforscher Gerald Hüther.

Nun muss man sich fragen, wieso man so stark an hierachischen Strukturen festhält, ja fast alles so organisiert. Und wieso man sich diesen gnadenlosen Wettbewerb noch leistet, wenn die Menschen unter solchen Bedingungen hier volles Potential nicht abrufen können.

Das stellt die Frage in den Raum, was denn das volle Potential ist! Und ob ein Mensch, der sein volles Potential abruft und ausleben kann, überhaupt noch Interesse an Dingen hat, die er jetzt zwangsweise und in in hierachischen Formen eingegliedert, machen muss.

Als ich in Österreich gearbeitet habe, hatten wir ja eine sehr flache Hierachie. Es gab den Chef, dann die Projektleiter und dann die anderen Mitarbeiter. Aber jeder Projektleiter war auch mal in einem anderen Projekt einfach nur "Mit-Arbeiter", es war also keine exklusive Sache.

Und da konnte ich, auch weil ich viele Freiheiten genossen habe, wirklich mein Potential recht stark ausschöpfen. Es gibt zwar immer was zu meckern, aber grundsätzlich bin ich da schon aufgegangen und nicht einen Tag nur wegen des Geldes hingegangen. OK, am Ende war die Arbeitsbelastung so stark, dass ich in die Knie genagen bin, passiert halt, aber grundsätzlich waren die Strukturen schon so, dass man sich da wirklich entfalten konnte.

In der nächsten Arbeitsstelle dann war ich, es gab da so ein schönes Ornigramm, ich glaube so heisst das, wo die hierachische Struktur der Firma abgebildet wurde, ganz unten. Mit NULL Chancen auf beruflichen Aufstieg, mit einer recht strikten Arbeitszuteilung und strikten "Dienstwegen". Ich habe mich selten so eingeschränkt gefühlt und nach Österreich war das für mich am Ende nicht zu ertragen.

Die Firma in Österreich war also schon etwas chaotischer, und aufgrund der flachen Hierachie auch manchmal konfliktträchtiger, aber es bot weitaus mehr die Chance, sich auszutoben, was ja der Firma in Form von Ideen und Arbeitsleistungen zugute kam.

"Wenn Sie sich an Zeiten erinnern, wo Sie noch kleiner waren, also zum Beispiel als kleiner Junge, da haben Sie doch nicht einen mittelmäßigen Turm mit den Bauklötzen bauen wollen, sondern Sie wollten einen richtig hohen Turm bauen, und nicht, um den höher zu bauen als andere, sondern für sich selbst."

Dieses "für sich selbst" ist mir eine ganz starke Motivation. Das konnte ich in Ö sehr gut ausleben. Deswegen auch die Rohkost. Ich mache das nicht für andere, sondern für mich.

Die intrinsische Motivation geht verloren

Der Mensch sei also auf Höchstleistungen organisiert, um sich selbst zu beweisen, was er könne: "Und diese intrinsische Motivation geht kaputt, sobald man Menschen zwingt, Türme auf eine bestimmte Weise zu bauen, oder ihnen dauernd zeigt, dass der Papa noch einen größeren Turm bauen kann."

Also in Östereich habe ich da wirklich auch meine Grenze gesucht. Ich wollte es wissen, was ich (auch als Rohköstler) an Höchstleistungen erbringen kann. Also habe ich sehr viel gearbeitet, hatte massenhaft Projekte, habe noch viel Sport getrieben und einfach geschaut, was steckt da in mir.

Und ich hatte die Freiheit, die Dinge so zu erledigen, wie ich es wollte. Natürlich gab es bestimmte Abläufe und Vorlagen, aber innerhalb dessen war ich frei. Und da gehts echt ab wie eine Rakete.

Im nächsten Job nach meiner Reise nach Costa Rica, war es dann doch mehr festgelegt, mehr Bürodienst, mehr Kontrolle und auch mehr fachliches "Mein Turm ist größer als Deiner". Und da ging es mit meiner Motivation wirklich schnell bergab.

Als ich dann den Garten angelegt habe, war es wieder wie in Österreich. Wirklich freies Arbeiten, und dann kam auch wirklich was Gutes bei raus. Und es geht ja noch weiter! Und die Motivation ist da nicht, einen größeren, schöneren oder ertragreicheren Garten als andere zu haben, sondern es soll mir alleine gefallen und ich mache das für mich. Und aus diesem "für mich" entsteht eben genau die Motivation, die es braucht, um Dinge anzugehen. Sei es im Sport, in Beziehungen, bei der Arbeit.. bei allem eigentlich. Es kommt dann aus sich selbst heraus. Ohne Zwang und Druck.

Die kindliche Grunderfahrung, ein Subjekt und ein Gestalter zu sein, könne aber, so der Hirnforscher, bis eine hohe Alter noch einmal neu erlebt werden. Dazu braucht es aber eine neue Art von Gemeinschaft, denn die bisherigen seien ungünstig für die Entfaltung von Potenzialen:

Es geht im Grunde nur vorwärts zur Natur.

"Das sind Angst-, Weck-, Not-, Besitzstandswahrungsgemeinschaften, und die entscheidende Frage, vor der wir jetzt stehen im 21. Jahrhundert, ist, ob wir es auch schaffen, Gemeinschaften zu bilden, in denen Menschen aneinander und miteinander wachsen."

Also diese beschriebenen Gemeinschaften KÖNNEN nicht zur Entfaltung der Potentiale dienen, das ist schlichtweg logisch und nachvollziehbar.

Es braucht wieder richtige Gemeinschaften, wo man aus der Fülle heraus agiert. Diese Angst-  Not und Besitzstandwahrer, was ja auch eine Angstgemeinschaft ist, ist ja schon wieder in Teilen erstarrt, und kann dann natürlich die Potentiale der Menschen nicht abrufen.

Die Folge sind eben wieder unglückliche Menschen, die gerne anders leben wollen, aber es nicht können, eben weil patriachale Strukturen sie auch dazu zwingen.

Vielleicht ist deswegen auch Krebs ein so großes Problem.

Dazu hier noch ein sehr interessantes Interview:

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