Nachhaltiges Wachstum?

29.09.2017 20:54

Heute gab es auf den Nachdenkseiten einen regelrechten Jubel über die Rede des britischen Labour-Parteivorsitzenden. Hier nachzulesen: www.nachdenkseiten.de/?p=40357

Ich MUSSTE das einfach auf der Facebookseite der Nachdenkseiten wie folgt kommentieren:

Phrasendrescherei! Der wichtigste Punkt ist der: "mit einem Motor für nachhaltiges Wachstum, der sich in öffentlicher Hand befindet und von nationalen und regionalen Investmentbanken betrieben wird, damit in jeder Region und Nation gute Jobs und Wohlstand geschaffen werden."
Das ist nichts anderes als die bisherige Wohlstand durch Wachstums-Denke und Corbyn offenbart sich hier als genauso ein Systemling, nur eben etwas humaner und um Verteilung bemüht wie die Torries.
Nachhaltiges Wachstum ist ein Widerspruch in sich. Das ist etwa so wie eine blonde Dunkelhaarige. Und wenn ich als Ökologe sowas lese, weiss ich, dass es hier im Grunde wieder nur um Illusionen geht, dass nicht verstanden wird, ja nicht mal gedachtwird, was in den kommenden Jahren wirklich wichtig sein wird: wir können SO nicht weitermachen. Wir können nicht weitermachen mit Wachstum, auch wenn man "nachaltig" als Beruhigungstablette und schlichtweg Täuschung davorsetzt. Wir können nicht weitermachen mit energetisch hochintensiven und ressourcenverbrauchenden Arbeitsplätzen. Labor und die Torries, dass sind beides Kinder des Industriekapitalismus, dass sind beides Seiten der gleichen Medaillie.
Corbyn sagt uns nicht, wie dieses "nachhaltige" (Nachhaltigkeit ist eben KEIN Wachstum!!! Sondern Stillstand, bzw. Erhalt auf einem sich natürlich eingependelten Niveau, und das ist der Lebensstil von vor dem Zugang zum Öl!!) Wachstum aussehen soll und redet genauso von gut bezahlten Arbeitsplätzen, die geschaffen werden sollen.
Nochmal: dieses System gleicht einer sich permanent beschleunigenden Megamaschine. Die Neoliberalen haben einige Bremsen abgebaut und haben nochmal richtig aufs Gas getreten: Folge: Klimawandel, Ressourcenkriege, Bienensterben, Artensterben, Migration... die Liste ist lang. Und jetzt wollen Labour wieder mehr auf die Bremse treten und etwas mehr umverteilen.
Fakt ist aber: das ganze System beruht auf dem Akt des Kaufens. Und solange das Geldsystem ist wie es ist, MUSS es ZWANGSLÄUFIG zu gesteigertem Konsum mit dem damit einhergehenden Energie- und Ressoucenverbrauch kommen. Wenn jeder Mensch ab morgen wirklich nachhaltig leben würde, dann ist übermorgen Schluss mit der Wirtschaft. Dann bricht alles zusammen. Nur durch immer wieder neue Akte des Kaufens kann das System erhalten bleiben. Und wachsen.
Corbyn offenbart sich hier als Schwätzer und Blender.
Er wird mit dieser Politik sicherlich viele Menschen hinter sich vereinen, die sich nun versprechen, wieder einen größeren Anteil am Kuchen zu erhalten (mehr Wohlstand, verbrämt: mehr "Gerechtigkeit"), aber die immensen Probleme, die sich genau aus dem nun seit 20 Jahren dahergeschwätzten "nachhaltigen Wachstum" sich ergeben, wird er und Labor nicht lösen. Nicht lösen können.
Denn das würde eine so gravierende Änderung der Software in den Gehirnen der Menschen bedeuten (die Megamaschine liefert immer auch die entsprechenden, sie erhaltenden Meme mit), das es derzeit nicht möglich ist.
Nur ein Beispiel: wenn man in Landwirtschaft wieder so gestaltet, dass sie den Impact auf die Natur auf ein wirklich nachhaltiges Maß reduziert, steigen die Preise um ein Vielfaches. Und man hat noch nicht eine einzige Kalorie mehr erhalten. Alles das Selbe, nur eben nachhaltig produziert. Sofort würde die Nachfrage nach allen anderen Waren und Dienstleistungen drastisch einbrechen.
Hier sieht man, dass alleine die Umstellung auf eine wirklich nachhaltige Landwirtschaft immense Auswirkungen hätte.
Auch die Nachdenkseiten sind noch viel zu sehr "links" im Sinne von Fixierung auf Verteilung und "Gerechtigkeit".
Was wir aber brauchen sind Ideen, wie wir vom derzeitigen, eben nicht mal ansatzweise nachhaltigen Zustand zu einer wirklich nachhaltig lebenden Gesellschaft kommen.
Und das wird eben nur mit Wohlstandsverlusten möglich sein!
Und diese Wahrheit hat nicht mal ansatzweise eine Mehrheit. Nicht nach 100 Jahren Mehr Wohlstand, mehr Wachstum, mehr Reichtum, größeres Auto, größerer Fernseher....
Und deswegen ist Corbyn eben selber nicht nachhaltig.
Man muss sich das klar machen: seine ganze Strategie, sein ganzer Plan basiert im Grunde auf "nachhaltigem Wachstum". Etwas, was aber eben nicht gibt.
Somit ist das ganze politische Konzept auch in weiterer Folge extrem widersprüchlich, weil die Wurzel, "nachaltiges Wachstum", ein unlösbarer Widerspruch ist.

Und ergänzend:

Übrigens, ich darf noch ergänzen, dass mit dem Satz "mit einem Motor für nachhaltiges Wachstum, der sich in öffentlicher Hand befindet und von nationalen und regionalen Investmentbanken betrieben wird, damit in jeder Region und Nation gute Jobs und Wohlstand geschaffen werden.", den ich für den Kernsatz seiner Rede halte, er ein nicht zu überhörendes Friedensangebot an die Banken (und wirklichen Machthaber) gesendet hat: schaut her, es geht weiter mit Wachstum, keine Sorge, und ihr seid mit im Boot und dürft weiter daran verdienen. Genau das sagt er da. Und für die Masse nennen wir es eben "nachhaltig", dass ist gerade in und hört sich gut an. Was das ist weiss eh keiner, aber den Planeten retten will ja irgendwie jeder.
Macht euch das klar: die Strategie, die ins fast in den Abgrund geführt hat, soll uns jetzt retten. Und die Leute sind begeistert. MITGERISSEN sogar.
Dabei ist das hier ein offen ausgesprochener "Weiter so! Nur bitte etwas sozialer!" - Freifahrtsschein an die Banken.

Es gab zum ersten Kommentar noch eine Antwort des Autors Jens Berger:

Das Corbyn nicht zum Postwachstums-Klub gehört ist bekannt ... und auch gut so

Auch da musst eich irgendwie antworten:

Was ist daran gut? Wie soll Wachstum dauerhaft generiert werden? Und das "nachhaltig"? Sprich, nur das ist Mittel zum Wachstum, was auch wieder nachwächst. Alles andere ist nicht nachhaltig. Wie soll das dauerhaft in dieser sozialistischen Utopia gehen? Sagt es doch mal!
Wenn wir heute die Ölreserven, die Energie, die Nahrungsmittel, die Ressourcen, den Boden, die Düngemittel, aber auch die Industrieproduktion und damit die Bereitstellung von Waren ganz fair und brüderlich unter 7 Milliarden Menschen aufteilen, so dass alle etwas davon haben und keiner übervorteilt wird, welchen Lebenstandard haben wir dann im Westen?
Wie genau soll also dieses nachhaltige Wachstum aussehen?
Sagt es doch mal! Darauf basiert doch alles, auf das Corbyn, aber auch Merkel und wer nicht noch alles jeweils ihre Zukunftspläne aufbauen.
Was genau soll dieses nachhaltige Wachstum sein und wie kann man das machen mit nur den Sachen, die wieder nachwachsen oder dauerhaft recycled werden können?

Es ist wirklich erstaunlich, dass die Menschen das nicht erkennen, dass das eben keine wirkliche Lösung ist, was da angeboten wird und im Grunde nur den Reichtum mehr verteilen soll, nicht aber überhaupt mal in Frage stellt, wie es nachhaltig gehen soll.

Und der hat zuletzt 40% bekommen. In Deutschland ähnliche Verhältnisse. Echte ökologische Parteien wie die ÖDP kommen auf 0,3%.

Das ist übel.

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