Nebenwirkungen

25.09.2018 23:20

Eigentlich traurig, wenn es nicht so lustig wäre:

bazonline.ch/panorama/vermischtes/touristen-in-thailand-mit-unsinnigen-tattoos-verhoehnt/story/23164595

Das sind für mich alles auch so Krankheitssyptome. Ich meine damit, dass viele Menschen, oft unbewusst, einfach ihr Heil in der Ferne suchen. Und meinen, dass da irgendwas besser sei. Bei den Rohköstlern ist es das Essen, bei den Kampfkünstlern die Kampfkunst, bei den Musikern die Musik usw.

Überall ist diese Fernsucht verbreitet.

Dabei haben wir hier ja alles, was wir brauchen. Eine reichhaltige Kultur, mit tiefer Weisheit und unglaublicher Kraft. Hervorragendes Essen, eine magische Sprache, alte Kampfkünste (die deutschen Schwertfechter waren überall gefürchtet, Ringer dito), tolle Musik.

Aber all das zählt irgendwie nicht mehr. Und dann wendet man sich fernen Kulturen zu, weil man meint, dort das zu finden, was man hier vermisst und dann gibts da eben auch Arschgeigen, die dir irgendeinen Scheiß tätowieren. Etwas, was nie passiert wäre, wenn man eben die eigene Sprache verwendet hätte. Aber dazu hat man ja ein gespaltenes (!!!) Verhältnis.

Es muss doch also etwas geben, was die Menschen hier so abstoßend, so wertlos, so niederwertig finden, dass sie sich Richtung fremde Länder aufmachen, um dort ihr Heil zu finden.

Bei der Rohkost wird das ja auch offensichtlich: alles, was von hier kommt, wird im Vergleich zu Tropenkost als minderwertig angesehen.

Ich habe mich in dieses Jahr mit Ausnahme von ein paar Avocados sagen wir mal zu 85% von einheimischen und sogar lokalen Produkten ernährt. Das hat für mich etwas von Wurzeln schlagen. Von Wurzeln ausbilden, mit dem Land verwurzelt sein. Das Land hier ernährt mich und ich ernähre das Land, indem ich meine Ausscheidungen wieder zur Düngung nehme (vorher kompostiere).

Dieses Schweifen in die Ferne hat für mich auch etwas von Flucht. Oder etwas von einem Blatt im Wind, dass übers Land getrieben wird und nirgends mehr Halt findet, dann irgendwo liegen bleibt und vergilbt.

Aber das ist auch kein Vorwurf, und auch keine Kritik am Reisen, das mache ich ja auch gerne, sondern es ist die Folge der Entwurzelung und Entfremdung der Menschen von sich selber, von der eigenen Kultur, von der eigenen Herkunft, von den Ahnen. Die Ahnen sind ja in allen naturalistischen "Religionen" von fundamentaler Bedeutung. Und hier sind wir oft wie abgeschnitten.

Ich bin ja der Meinung, dass es eben immer darauf hinausläuft, die Menschen zu entwurzeln, um aus der Unzufriedenheit und aus dem energetischen Mangel wieder Profit zu schlagen.

Und dann findet man es eben cool, sich in Thailand ein Tattoo stechen zu lassen, statt die eigene Sprache zu benutzen.

Es ist eigentlich tragisch.

Wenn man mal überlegt, wie abgespalten wir schon sind.

Ich war mal in einer Ausstellung in Leoben, Österreich, da ging es um Wikinger. Also da sah man mal, was die für kunstvolle Verziehungen an den Booten hatten, kunstvoll verzierte Schwerter, Kleidung, Schmuck usw... aber im Grunde wissen wir ja nichts mehr über unsere Vorfahren. Das ist uns alles fremd geworden.

Welche Geschichten sie sich erzählten am Feuer, was sie glaubten, was sie dachten, was sie für Sagen hatten. Es geht ja soweit, dass man selber ja kein einziges Lied mehr kennt, keine Märchen, oder nur eins oder zwei so halbwegs zusammenstoppeln kann ... aber dafür kann man jeden Popsong, noch so infantil, in einer Fremdsprache mitsingen.

Im Grund sind wir in der ganzen westlich-kapitalistischen Welt mittlerweile vollkommen von unseren Wurzeln und damit auch von der energetischen Versorgung abgeschnitten. Und genau das MUSS so sein, denn nur dann kann man überhaupt so eine profitorientierte Wirtschaft aufziehen. Das geht ja nur mit entfremdeten und entwurzelten Menschen.

Wer in gesunden und liebevollen Gruppen lebt, angebunden an die Energie, die Bert Hellinger ja im Familienstellen sichtbar macht, und die bis weit in die Vorzeit reicht, mit dem kann man keine Wachstumswirtschaft aufziehen. Der braucht ja kaum was!

Kleiner Einwurf: wenn man mal bei Hellinger auf Wikipedia nachliest, trifft man schon auf die ganzen Entfremdungen:

Auf einer spirituellen Ebene spricht Hellinger noch von einer dritten Form des Gewissens, dem Gewissen einer „großen Seele“. Erst auf dieser dritten Ebene unterscheidet Hellinger nicht mehr zwischen Opfern und Tätern.[27][28] Diese Nichtunterscheidung von Opfern und Tätern führt insbesondere im Rahmen der deutschen Schuld aus der Zeit des Nationalsozialismus zu Kritik an Hellinger, die moralische Nichtunterscheidung von Opfern und Tätern bei Vergewaltigungen führt insbesondere bei Feministinnen zu Bestürzung und Empörung. Hellingers Ordnungskonzept der Familie wird gemeinhin als traditionell[29] und patriarchal[30] eingestuft

Der ganze Artikel ist im Grunde eine ellenlange Kritik.

Na ja, wahrscheinlich ist da an der Kritik was dran, weil man immer irgendwo was kritisieren kann, aber vieles wird auch kritisiert, weil es etwas Heilsames ist, etwas, was wirkt und funktioniert.

Ist ja mit der Rohkost auch so.

Funktioniert, wenn man es einigermaßen richtig macht, und wird ellenlang kritisiert.

Aber zurück zum Thema.

Die Menschen suchen mittlerweile überall ihr Glück, nur nicht da, wo es immer ist: in ihnen selber.

Sie irren umher, suchen, rennen irgendwelchen Moden hinterher, meinen, dass, wenn sie dies oder jenes tun, dass dann die Gralssuche beendet ist.

Und das ist eben typisch für Menschen, die energetisch entwurzelt sind. Die suchen und suchen suchen und lassen sie sich über Moden, Trends und Ideologien lenken und steuern.

Gerade heute gabs das zu lesen:

Knapp 80 Prozent des Musikunterrichts in Deutschland fallen aus. Bis zu 80 Prozent des stattfindenden Unterrichts werden von fachfremden Seiteneinsteigern ausgeführt. Diese Zahlen des Deutschen Musikrats enttarnen die Lippenbekenntnisse einer sich um Nachwuchs bemühenden wohlhabenden Kulturnation als hohle Phrasen.

www.nachdenkseiten.de/?p=46207#more-46207

Passt doch genau ins Bild. Noch mehr Entfremdung. Noch weniger Verbindungen zur eigenen Kultur, zu den Ahnen.

Es ist einerseits Zeichen einer neoliberal dominierten Zeit, dass alles, was nicht direkt verwertbar ist, also auch die Begeisterung für das Musizieren, kurzsichtig vernachlässigt wird – nachdem es als „gestrig“ und „verstaubt“ diffamiert wurde. Andererseits zeigt sich hier eine selbstzerstörerische Ader des Neoliberalismus: Die langfristigen Folgen der Missachtung der Musik sind nicht nur eine kulturelle Ödnis (...)

Wir hatten Musikunterricht. Und zwar guten. Kunst dito. Dort wurde meine Begeisterung für alte Meister geweckt. Ich fand das einfach faszinierend, wie die malen konnten. Und in Musik wurden zum Teil richtig gute Sachen gespielt.

Das man das nun so stiefmütterlich behandelt, ist eben ein weiteres Zeichen, ein weiterer Schritt hin zur maximalen Entfremdung, dem maximal entwurzelten Menschen. Hin zum Blatt im Wind, das je nach vorherrschender Mode und Trend nach rechts oder links geweht wird.

Und das ist Absicht.

Weil eben immer wieder neues Wachsum generiert werden muss.

Ohne neuen und „unabwendbaren“ Entwicklungen prinzipiell feindlich gegenüberzustehen: Beim Thema „Verdichtung“ des Kinder-Alltags sollte auch die massiv eingeforderte „Digtalisierung des Klassenzimmers“ kritisch diskutiert werden. Denn einerseits müssten zugunsten eines in Maßen sicher sinnvollen und unumgänglichen „IT-Unterrichts“ noch mehr Musik-, Kunst- und Werkstunden gestrichen werden. Andererseits sollte eine Schule der Zukunft – eben um den Folgen einer digitalisierten und dadurch zersplitterten Gesellschaft entgegenzutreten – gerade das Musische, Künstlerische, Handwerkliche und alles Gemeinschaftsbildende stärker fördern, anstatt es abzubauen.

Gerade das Zusammenspiel aus weit verbreiteter Online-Isolation und fehlendem schulischen Ausgleich birgt Gefahren: Werden den Kindern in der Schule nicht viel intensiver als heute Techniken der gemeinsamen Kreativität vermittelt – etwa über die Musik – so könnte sich die Gesellschaft bald dem Problem von massenhaft auftretenden Einzelkämpfern gegenübersehen.

Tja.. gut erkannt.

Das wird eine Gesellschaft von .. ja was? Wird das überhaupt noch eine Gesellschaft sein?

Wie gesagt, diese Meldung ist für mich ein weiteres Puzzleteil, dass das Bild von der süchtigen Wachstumswirtschaft vervollständigt. Am Ende steht der von sich selbst entfremdetet, von den Ahnen entbundene, vom Land und der Kultur entwurzelte einsame Mensch.

Maximal leistungsbereit, hochgradig konsumfreudig, durch Moden und Trends leicht zu steuern, mit systemfördernden Ideologie angefüllt.

Und dann sucht man das Glück irgendwo in Thailand und will irgendwo dazugehören, zu den Brad Pitts und den Angelina Jolies dieser Welt und irgendeine Frucht tätowiert dir dann "Arschgesicht" oder "Vollidiot!" auf Thai ein.

Ich sags ja: es ist tragisch.

Eine tragische Entwicklung.

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