Nichts ist mehr heilig

06.06.2017 23:25

Im Grunde ist eh nichts heilig, ausser wir entscheiden uns, dass es heilig ist. Ein Zen-Meister sagte einmal:

Nichts ist heilig, alles ist offen und weit.

Aber es gibt eben Sachen, die sind aus sich selbst heraus wertvoll. Wie der Bialowieza-Nationalpark in Polen.

Die Artenvielfalt von Flora wie Fauna ist in dem polnisch-weißrussischen Waldgebiet einzigartig und erinnert laut der Website des deutschen Wissenschaftsmagazins Spektrum „beinahe an den tropischen Regenwald“. Auf einen einzigen Baumriesen würden mehr als 200 weitere Pflanzenarten kommen. Etwa 3.500 Pilzarten hätten Wissenschaftler in dem Urwald gezählt. Viele von ihnen seien auf Totholz spezialisiert. Insgesamt ist der Wald Heimat für mehr als 20.000 Tierarten – wegen des Wisents ist der Wald schon seit Langem geschützt. Neben Wildschweinen und Elchen leben auch Bären, Wölfe und Luchse in dem weitläufigen Gebiet. Dazu kommen 150 Vogelarten, darunter alle acht in Mitteleuropa heimischen Spechtarten.

Im Studium war ich da mal gewesen. Wir haben dann als Studenten sogar eine Führung in die sonst verbotene Kernzone erhalten. Mann war das gut! Da hat man mal einen Wald gesehen, wie er eigentlich aussehen müsste. Mit lauter Altbäumen, Totholz, Baumpilzen... es war fantastisch! Wie ein Blick in die Vergangenheit Europas!

Das war richtig gut!!!

Das was heute so Wald genannt wird, ist ja zumeist forstwirtschaftlich massiv bewirtschaftet und somit nur noch bedingt naturnah. Geschweige denn wirklich natürlich. Den Wald dort in Polen hat man aber machen lassen und dann sieht man mal, wie europäischer Urwald aussieht.

Dort findet man noch solche absoluten Seltenheiten wie diesen besonderen Korallenpilz (die genaue Artbezeichnung habe ich leider vergessen):

 

Ansonsten gibts da noch die letzten Wiesente Europas.

Na ja, der langen Rede kurzer Sinn:

In den vergangenen Tagen haben Forstarbeiter mit dem Fällen von Bäumen in dem Naturschutzgebiet und Weltnaturerbe an der Grenze zu Weißrussland begonnen. In Bialowieza finden sich viele Bäume, die älter als 100 Jahre alt sind. Die Regierung erklärt, die Schlägerung sei nötig, um den Befall durch den Borkenkäfer zu stoppen. Laut EU widerspricht das aber den Bestimmungen für Natura-2000-Nationalparks wie Bialowieza.

orf.at/stories/2393712/2393717/?utm_content=buffer7bf41&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer

Die müssen anscheinend überall reinreiten und da Unsinn treiben. Der Borkenkäfer. Ich bitte euch. Der ist in einem stabilen Ökosystem absolut kein Problem. In Monokulturen, klar, aber nicht in einem Urwald. Da gibt es genug Studien, die das zeigen.

Aber die machen wieder mal vor nichts halt:

Da die Abholzung bereits begonnen habe, bei der „unter anderem hundertjährige und noch ältere Bäume gefällt“ werden, drohe eine „gravierende irreparable Schädigung“, betonte damals die EU-Behörde. Der polnische Umweltminister Jan Szyszko zeigte sich dagegen unbeeindruckt und sagte, sein Land habe „keine Angst, den Streit vor dem Europäischen Gerichtshof auszutragen“.

Und hier muss man wirklich mal die Bibel zitieren. Genau Matthäus 7:24:

Gebt das, was heilig ist, nicht Menschen, denen nichts heilig ist.

Was dabei herauskommt, sieht man hier. Aber von wegen Borkenkäfer. Das ist wie immer das alles nur Augenwischerei:

Die 2016 in die Regierung gewählte PiS schlug sich aber im Ringen zwischen Naturschützern und Waldnutzern auf die Seite Letzterer und verdreifachte die Quote. Auch deshalb, weil die Quote bereits im Vorjahr fast aufgebraucht war. Vor allem erlaubt die neue Regelung auch, nicht nur einzelne Bäume zu fällen, sondern ganze Flächen zu schlägern. Zudem darf nun auch der Waldboden gepflügt und können darauf Jungbäume aus der Baumschule gepflanzt werden.

Es geht ums Geld. Das ist alles. Da haben die Waldbesitzer gejammert und wahrscheinlich sitzen einige von denen wieder in dieser Partei. Und jetzt wird da anscheinend in den Nutzungszonen, nicht in der Kernzone, ordentlich "gewirtschaftet". Also nicht mehr Einzelstammentnahme, was aufwendig ist, sondern es wird gleich mal wieder "ordentlich" gearbeitet, sprich großflächig abholzen, umpflügen und dann Baumschulware aus Ungarn drauf stellen.

Und so macht man aus Wald eben Forst. Genau so geht das.

Und dann ist so ein Wald auch ruck zuck kaputt und umgewandelt. Die Zerstörung geht so schnell. Sieht man ja überall auf der Welt. Und es gibt keine Sicherheiten. Irgendwo steht immer einer mit der Axt oer dem Gewehr in der Hand und will wieder ran an die Wälder, die Moore, die Tiere... egal, was man schützt und wo man meint, man hätte einen Erfolg. Das kann man vergessen, im Hintergrund lauern sie und wollen da ran und es zu Geld machen. Egal ob das die Eiche in Polen, die Elbe in Deutschland, das Nashorn in Afrika, oder der Tiger in Russland ist. Sowie man eine Sekunde nachlässt, wird gehackt, geschossen, gesägt, begradigt und entwässert.

Ich glaube, ich musste da auch aus dem Job erstmal raus, weil man permanent mit Naturzerstörung zu tun hat. Die meisten Menschen sehen ja gar nicht, was alles abgeht. Und mit welchem Zynismus man da konfrontiert wird. Also das kann krank machen.

Ich halte die meisten Menschen ja mittlerweile eh für Zivilisationskrank.

Lärm, Stress, ungute Beziehungen, schlechtes Essen, keine Sonne, dann dauernd die Horrornachrichten aus aller Welt und dann noch der Horror im Supermarkt ... mich wundert es nicht, dass Depressionen so weit verbreitet sind. Und viele andere Krankheiten.

Und ich kann verstehen, dass da Menschen zur Tat schreiten und sich eben nicht nur blöde T-Shirts anziehen, sich sinnlos irgendwo anketten, wo sie wieder entkettet, weggeführt und der Lächerlichkeit preisgegeben werden, sondern dass da Leute Nägel mit Köpfen machen, wie die Sea Shepherd Organisation. Die versenken ja gleichmal Schiffe.

Sehe gerade, dass der Begründer, Paul Watson, auch ein Tiger ist. Na das wundert mich nicht, dass der dann gewalttätig und rebellisch geworden ist, nachdem da anders nicht viel passierte. Interessant sind auch seine Positionen. de.wikipedia.org/wiki/Paul_Watson#Positionen

Das Problem ist, dass so ziemlich alle Ökologen das selbe fordern. Und das sie nicht gehört werden. Und schon garnicht, so lange Geld die Haupttriebkraft des Menschen ist. Solange wird es keinen wirklichen Naturschutz geben, denn wie oben geschrieben, wartet immer schon einer mit Axt oder Gewehr auf die erstbeste Gelegenheit, wieder loszulegen.

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Die Erde brennt, wel die Menschen fiedeln. Es ist aber auch wirklich schlimm, wenn man seine Augen mal aufmacht. Und es hört einfach nicht auf!

Übrigens: in Europa hat man ja die NATURA 2000 Richtlinie umgesetzt und die war wohl recht erfolgreich. Zumindest teilweise. Und jetzt kommts: die ist absolut undemokratich zustande gekommen. Die kam von der Europäischen Kommission und die wird nicht gewählt. Diese Richtlinien, wie auch diese unsägliche Tabakrichtlinie, müssen dann von den Mitgliedstaaten in nationales Recht umgesetzt werden. Da gibt es dann keine demokratische Diskussion mehr.

Schon witzig, dass das genau betrachtet eine Art Öko-Diktatur gewesen ist.

Wir haben halt gerade auf der Welt zwei vollkommen entgegengerichtete Systeme. Das Natürliche mit Gleichgewichten, logarithmischem Wachstum, ökologischen Systemen und Rückkopplungen, Nachhaltigkeit und Stabilität. Und dann das vom Menschen erschaffene System des exponentiellen Wachstums. Mit immerwährendem Wachstumszwang, Bevölkerungsexplosion, Ressourchenhunger, einem vollkommen irren, ja diabolischen Geldsstem und all den Problemen die daraus erwachsen bis hin in die Liebe und die Ernährung.

Und entweder kriegen wir es auf die Reihe, wieder mehr und mehr ins natürliche System zu evolutionieren. Oder Crash. Da führt kein Weg dran vorbei, wenn das so weiter geht.

Nur es gibt nur das eine oder das andere. Wie will man denn das aktuelle Geldsystem natürlicher gestalten, ohne es grundlegend zu verändern? Und so bleiben alle Maßnahmen, die man innerhalb dieses Systems schafft, unwirksam, oder laufen immer wieder Gefahr, zu Scheitern, wie jetzt in Polen.

Da gehts doch auch nur Geld und Effektivität. Großflächig schlägern, umpflügen, Baumschulware durch. Dass alles umgesetzt mit Arbeitern, die ganz wenig verdienen... das macht die Gewinne größer und das ist eben eine Zielgröße des Systems.

Geld machen.

Aber zum Glück gibt es noch Menschen, die machen selbst aus den Monokulturen noch etwas Schönes! :-D

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