O schöne neue Welt

04.12.2014 18:20

O, Wunder! Wie viele herrliche Geschöpfe es hier gibt! Wie schön der Mensch ist! O schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!

Ich muss es zugeben, je mehr ich mich in die "schöne neue Welt" begebe und erkenne, was es im Grunde ist, desto größer wird mein Verlangen, auszusteigen und vor allem der digitalen Welt den Rücken zu kehren. Heute kam mir diese Kolume von Sascha Lobo vors Auge: "Die erste Krankenversicherung bietet Rabatte an, wenn Kunden per App ihr Verhalten messen lassen und laut Algorithmus "gesünder" leben."

Die Generali-Versicherung hat im November 2014 einen neuen Tarif vorgestellt, bei der man mit einer App ständig sein Verhalten messen und an die Versicherung übermitteln soll. Diejenigen, die sich nach algorithmisch berechneter Einschätzung der Versicherung "gesünder" verhalten, bekommen Vergünstigungen.

Hier muss ich mal ganz einfach sagen: es gibt einfach Sachen, die gehen niemanden etwas an. Es ist schlimm genug, dass die NSA alles und jeden ausspioniert und dass unsere geschätzte Regierung NICHTS tut um diesem Spuk ein Ende zu bereiten, jetzt müssen wir wohl auch noch "freiwillig" unsere Daten rausrücken und uns überwachen lassen, um am Ende finanzielle Vorteile zu haben. O schöne neue Welt! Wenn man dann abends um 23h noch etwas isst, dann muss man wohl mit Mahnungen rechnen, weil man laut Algorithmus "ungesund" lebt. Ist das grotesk oder ist es groteskt? Ich persönlich möchte nicht, dass man mir bis ins Bad hinterher schleicht und in Echtzeit Herzschlag und Erektion misst. Da muss ich ganz ehrlich sagen: das geht niemanden etwas an.

Leider neigt der Mensch dazu, alles zu tun, was möglich ist. Ganz einfach, weil es im Grunde immer wieder ein neues Spielzeug ist. Alle diese technischen Neuerungen fußen im Grunde auf dem Spieltrieb des Menschen. Und deswegen wird man hier auch wieder eine neue Spielwiese aufmachen, um dann in weiterer Folge die Menschen in die vermeindlich richtigen Bahnen zu lenken und zu leiten.

Kurioserweise ist fast alles, was wir anfassen und machen, problembelastet und oft kommt am Ende das genaue Gegenteil heraus. Man wollte mit Facebook die Leute zusammenbringen, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Man wollte mit bestimmten Gesetzten die Sachlage vereinfachen, es wurde nur komplizierter, man wollte Frieden schaffen und am Ende lag man sich immer wieder in den Haaren.

Leider haben wir keine wirkliche Demokratie mehr, wenn wir sie denn jemals wirklich hatten. Somit kann man von Seiten der Politik keinen wirklichen Schutz und keine klugen Entscheidungen zum Wohle der Allgemeinheit erwarten, sondern muss davon ausgehen, dass man sich selber organisieren muss und gewaltlosen Widerstand leistet. Der kann ja die unterschiedlichsten Formen annehmen. Die Grundhaltung dahinter ist aber immer ein: "Nein! Das möchte ich nicht!". Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass man solchen Auswüchsen die Energie entzieht. Aber nicht, indem ich sie bekämpfe. Denn dadurch macht man es nur schlimmer und stärker. Sondern indem man sich einfach abwendet und sich Alternativen zuwendet.

So mache ich es derzeit mit viele vorher oft angeklickten Medien. Nach der für mich sehr einseitigen und zum Teil ärgerlich gleichgeschalteten Berichterstattung über viele Themen, habe ich mich einfach abgewendet und mir neue Informationsquellen gesucht. 

Mit der Rohkost war es ja damals auch so. Ich habe die Kochkost ja nicht bekämpft, sondern mich abgewendet und mich somit etwas Neuem zugewendet. Somit bin ich auch nie in größere Konflikte geraten, weil ich nichts bekämpfen wollte, sondern etwas Neues entdecken. Das ist ein Unterschied, der fundamentaler nicht sein könnte.

Ich finde es auch extrem gefährlich, wie sehr die Menschen ihre Kompetenzen abgeben. Egal ob Navigationssystem, Fitnessapps, und was es so alles gibt. Der Mensch ist offensichtlich extrem begierig darauf, seine Fähigkeiten zu beschneiden und seine Kompetenz an andere abzugeben. Statt den Orientierungssinn zu schärfen, wird sich auf eine Computerstimme verlassen. Bei mir hat das mal zu dem grotesken Fall geführt, dass ich mich auf einer Strecke, die ich wie meine Westentasche kenne, verfahren habe, weil ich auf das Navi vertraut habe... oder beim Sport. Da gibt es etwas, das nennt sich KÖRPERGEFÜHL. Wenn ich zu schnell renne, komme ich ausser Atem, hab ich einen Tag viel trainiert, ist die Lust dann weniger usw usw... ich brauche dazu keine Maschine, die mir dies mitteilt. Das spüre ich doch! Aber freilich, der der spielen will, findet auch immer gute Gründe für die Verwendung solcher Spielzeuge.

Ich bleibe aber dabei: es lohnt sich nicht, seine Kompetenzen an Fremde abzugeben. Das Leben ist einfach zu wunderbar, um es in solche starren Formen wie Algorithmen zu pressen. Deswegen ist hier echt Widerstand und ein Abwenden angesagt.

..........................................

Ansonsten war ich gestern wieder zum Sport. Zum Essen mittags wie gehabt viel Gemüse wie Fenchel, Süsskartoffeln, Karotten, Kohlrabi. Abends Gemüsemix mit Sonnenblumenkernen, gestern Heilbutt und Haselnüsse. Heute gab es Wildschwein!

Ist das also jetzt gesund? Es weiss noch keiner! Wie sollte man das also überhaupt anhand von Algorithmen erfassen? Man kann das Leben nicht in starre Formen pressen. Das hat noch nie funktioniert und wird auch in Zukunft immer wieder scheitern.

...........................................

Da gab es ja noch diesen Protest der Femen-Gruppe in Köln. Und ist das Bild nicht herrlich? Da steht sie, in ihrer drallen weiblichen Sexualität, inmitten der verkrusteten, starren und erzkonservativen Männergesellschaft. Diese Männergesellschaft, die die Sexualität so stark unterdrückt und denen wir bis heute lustfeindliche Indoktrinierung zu verdanken haben. Da steht sie nun und sagt: Ich bin God. Und wahrscheinlich hat sie damit sogar recht.

Es gibt verschiedene psychologische Erklärungen zum Heiligen Gral. Beginnend mit der relativ simplen, dass der Gral selbst ein weibliches Symbol ist, weil er etwas aufnehmen kann, und die ihn begleitende Lanze ein männliches, aufgrund ihrer phallischen Gestalt.

Natürlich verletzt sie damit religiöse Gefühle. Aber sind überhaupt religiöse Gefühle? Was beleidigt sie denn da? Spirituelle Gefühle verletzt sie sicherlich nicht. Aber in den Religionen projeziert man ja sein Bestes auf dieses imaginäre Gottesbild und dann ist man natürlich beleidgt, wenn sich wer drüber lustig macht. Kann man sich aber über eine natürliche Spiritualität lustig machen? Wohl kaum, denn sie ist ja Lachen und Humor an sich. Verbundensein mit dem großen Ganzen. Das kann eine Halbnackte nicht wirklich verletzten. Eher im Gegenteil... mein Mitleid mit den "Gläubigen", die sich nun verletzt fühlen, hält sich in Grenzen. 

Kurz sieht es ja so aus, als würde man das Weibliche verehren! Herrlich, oder? :-P

—————

Zurück