So, wieder zuhause

26.01.2019 20:19

Nachdem ich die letzten Tage unterwegs war und dort kein Internet hatte, bin ich heute wieder zuhause gelandet. Die paar Tage ohne Netz waren auch mal ganz nett. Ich habe gleich wieder mehr Gitarre gespielt. 

Was mir auf gefallen ist: Städte sind mir mittlerweile sehr suspekt. Nicht die Städte an sich, sondern das Verhalten, dass man da an den Tag legen muss, um klar zu kommen. Früher ist mir das alles nicht so aufgefallen, jetzt, vielleicht ist man einfach mehr bei sich und seinen Gefühlen und Wahrnehmungen, frage ich mich, wie man das eigentlich aushält.

Wenn man so auf dem Dorf lebt wie ich, dann lebt man mehr oder weniger in einer recht überschaubaren sozialen Struktur. Nachbarn, Verwandte, Bekannte, Freunde, andere Dorfsäcke, die man aber alle kennt, bzw. wo man weiß, wer die sind.

Das ist noch näher an der ursprünglichen sozialen Struktur der Menschen. In der langen Zeit der Evolution haben die Menschen ja zumeist wenige Fremde getroffen. Man lebte als Jäger- und Sammler in überschaubaren Gruppen und ab und an traf man auf andere Gruppen, zumeist dann wohl auch zum Austausch von Produkten, Genen, Energie, Geschichten, Neuigkeiten und fertig war es.

Es gibt wahrscheinlich auch genetische Programme, die ablaufen, um sich eben optimal dem "Fremden" zu nähern. Damit meine ich keine Menschen mit Migrationshintergrund oder anderer Hautfarbe, sondern generell anderen, bisher unbekannten Menschen.

Und diese genetischen Programme werden in der Stadt (und in der Großstadt ganz und gar) mit seiner Vielzahl an "Fremden" in jeder Minute vollkommen zum Durchschmoren gebracht.

Wenn man sich Tiere anschaut, dann nähern die sich unbekannten Artgenossen und generell unbekannten Situationen zumeist mit einer Mischung aus Neugier und Angst. Sieht man schon bei den Kindern. Sowie ihnen fremde Menschen auftauchen, rennen sie zu Mutti oder Vati, suchen Schutz, blicken aber neugierig und aufmerksam zu den ihnen Unbekannten.

Und das ist ja auch eine optimale Strategie. Neugierde, weil man eben somit Neues entdecken kann, aber auch Angst, weil man nicht weiß, was einem erwartet. 

Damit kommt man in der Stadt nicht mehr klar. Oder generell in unserem bevölkerungsreichen Land. Deswegen muss man sowohl die Neugier unterdrücken, weil man einfach nicht jeden anquatschen kann mit "Hallo!" (+friedvolle Geste + Bereitschaft, man weiß ja nie) und "Wer bist Du? Woher kommst Du? Was möchtest Du?" = ich möchte dich kennenlernen und wissen, wie ich mit dir zurecht komme. Und man muss die Angst in den Griff bekommen, weil eben jeder immer auch feindlich gesonnen sein kann. Diese Angst ist also vollkommen sinnvoll und evolutionär ein Vorteil gewesen.

Und somit laufen diese sehr profunden genetischen Programme jeden Tag mittunter tausendfach ins Leere, bzw. werden vollkommen überlastet, weil es nicht mal im Ansatz möglich ist, das auszuleben.

Im Grunde eine vollkommene Überlastung der Nerven. Deswegen schotten sich die Menschen auch zunehmend ab. Leerer Blick, Kopfhörer, Smartphonglotzen. Man verlässt das Haus quasi nicht.

Geht man wirklich lebendig durch eine Stadt, mal auf sich achtend, dann merkt man mal, was das für eine enorme Überlastung ist.

Da erlebt man mitunter alles, was man vor 30.000 Jahren in seinem ganzen Leben erlebt hat, in einer Sekunde. Ob das der bedrohlich wirkende Fremde ist, wo ich nicht weiß, ob ich einem potentiellen Freund begegne, oder ob ich kämpfen muss, oder die attraktiv wirkende Frau, oder gar der hilfsbedürftige Bettler, der meine Sozialinstinkte weckt, oder Kinder, die Fürsorgeimpulse hervorrufen. Das kann man alles mitunter in relativ kurzer Abfolge erleben, einfach in dem man in der S-Bahn hockt oder durch die Fussgängerzone schlendert oder am Bahnhof steht.

Die ganzen genetischen Programme laufen da immer ab, aber da sie nie an ein Ziel gelangen, stumpft man ab. Das passiert unweigerlich.

Menschen sind dazu geboren, in kleinen Gruppen zu leben, das Gehirn ist daraus ausgelegt und deswegen gibt es viele Instinkte, die daraus herrühren. Anderen zu helfen, die in Not sind, sich um schreiende Kinder zu kümmern, sich bei Fremden entsprechend zu verhalten und auch immer wieder den energetischen Austausch mit den "Fremden" und den Menschen rings um sich zu suchen. Der Mensch hat wohl auch ein Programm, sich Freunde zu machen. Wir sind keine Gorillas oder Orang-Utans, die sich sofort in die Haare kriegen. Nein, wir sind eher Wesen, die einander kennenlernen und Freundschaften schließen wollen. Das sieht man ja auch bei vielen Jäger- und Sammlerkulturen, die extrem komplizierte soziale Beziehungen pflegen und im Grunde Jahrtausende recht freidlich über die Erde zogen.

Für das Gehirn bedeutet das heutige Leben wahrscheinlich eine permanente Überlastung. Permanent klingeln da die Drähte heiss, aber weil das nicht händelbar ist, stumpft man ab. Da schreiht ein Kind...who gives a fuck? Da haust ein Penner... na lass ihn doch, selber Schuld. Da kommt ein Trupp fremder Männer... einfach weitergehen. Da läuft eine attraktive Frau...ups.. schon vorbei...und da schon die Nächste... und oh.. noch eine...

Bing - Bing - Bing... permanent feuern da die Neuronen. Und stumpfen eben irgendwann ab. Anders gehts auch nicht. Andere Menschen werden dann zu Sachen, zu Begleitmusik, zu wandelnden Gegenständen oder maximal zu wandelnden Bäumen, die irgendwie zum Habitat gehören, aber mit denen man eigenlich nichts zu tun hat.

Aber anders gehts wahrscheinlich auch nicht...

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