Trauermarsch in Köthen

10.09.2018 00:15

Ich komme ja nun aus der Nähe von Köthen, wo es wieder einen Toten mit anschließendem Trauermarsch gab und da dachte ich, Ok, fährst du mal rüber und schaust, was da abgeht. Nicht dass man wieder irgendwie allerlei Kram aus der Presse erfährt und am Ende nicht weiß, was wirklich passiert ist.

So, auf gehts:

Ich bin gegen 19.00Uhr in Köthen angekommen und habe mein Auto abgestellt. Ich sah eine Menge junger Leute, die sich in Richtung Feuerwehr begaben. Ich habe mich einfach angeschlossen und war überrascht, wieviele Menschen auf der Straße waren.

Wir sind dann alle zum Tatort, einem Spielplatz in der Franzstraße gegangen, wo die Trauerkundgebung stattfand. Es waren ca. 2.500 Menschen vor Ort. Wie üblich viele Kerzen und Kuscheltiere, die man um den Stamm einer Linde platzierte.

Die Teilnehmer des Trauermarsches rekrutierten sich zum Teil aus der rechten Szene. Aber auch sehr viele junge Leute aus der Mitte der Gesellschaft waren anwesend. Man schwieg. Oder man unterhielt sich leise. Irgendwann zündeten die Menschen ihre Feuerzeuge an, was der Trauerkundgebung eine weihevolle Note gab.

Ich unterhielt mich mit vielen Menschen. Die meisten schilderten mir irgendwelche negativen Erfahrungen mit Flüchtlingen und sagten, dass sie deswegen hier seien. Zwei Frauen wurden angegrabscht, andere in der lokalen Disco angetanzt, man hatte Angst um die Töchter und auch um die Söhne und generell um die Zukunft in diesem Land.

Viele hatten das Gefühl, zunehmend in einer DDR 2.0 zu leben. Mit Meinungsdiktatur, einheitlicher Presse und dass man die Sorgen und Nöte der Menschen einfach nicht mehr aufgreift.

Dann hielt ein Mann, offensichtlich aus der Rechten Szene, eine recht ruppige, kämpferische Rede, die auch ordentlich gegen die Presse austeilte und die man nicht in allen Punkten teilen musste, aber er sprach einfach auch unliebsame Wahrheiten an. Durch die Videos von Dr. Hans Joachim Maaz weiß ich, dass gerade die Omegas, also die mit denen man nichts zu tun haben will, oft Wahrheiten ansprechen, die die Masse nicht hören will.

Und so war es auch hier.

Nach dem Eingangsstatement kamen noch einige Menschen ans Mikro und es wurde mit jedem Sprecher und jeder Sprecherin klar, dass die Mitte der Gesellschaft hier ihre Sorgen und Ängste und auch Erfahrungen mit ausländischen Menschen mitteilten.

Einer teilte auch seine Erfahrungen mit der Antifa, die ihn auf dem Bahnhof ansprach und vorwarf, er wäre ja ein Rechter. Er frug zurück, wie sie darauf kämen und die meinten, weil er Schuhe mit Stahlkappen trug. Er meinte dann trocken, er käme gerade von Arbeit, was der Wahrheit entsprach.

Ja, die Rechten habe die Situation sicherlich ausgenutzt, aber man muss fairerweise schon sagen, dass die Linke das ja genauso macht nach jedem Opfer, dass ausländische Wurzeln hat. Den Rechten vorzuwerfen, was man selber tut sind einfach doppelte Standards.

Interessant war, dass viele Menschen schon 1989 bei den Demos waren und jetzt wieder das Bedürfnis verspüren, auf die Straße zu gehen.

Auch interessant: es gab nur eine Deutschlandfahne mit Trauerflor.

Nach Ende der Redezeit ging man zur Feuerwehr.

Ich blieb noch etwas zurück und hörte mir das Interview vom Landrat (CDU) an, dass er der Presse (MDR, RBB und Radio Brocken) gab. Er übte hier auch Kritik an der Migrationspolitik und richtete darüber hinaus auch Kritik direkt nach Berlin.

An der Feuerwehr versammelten sich noch einige Rechte. Ich sprach noch mit einem Reporter von Sat1. Ein älterer, etwas zerbrechlich wirkender Mann, der die Veranstaltung bis zur Rede des Rechten durchaus würdevoll fand.

Ich persönlich kann aber die Wut und den Zorn auch verstehen, der in der Rede mitschwang. Und nochmal: es wurde klar auch Kritik an einer Fehlentwicklung geübt, die man aufgreifen, nicht diffamieren sollte, auch wenn die Kritik diesmal von ganz rechts kommt.

Was mir aufgefallen ist: viele Menschen schienen sich nicht getraut zu haben, auf den Trauermarsch zu gehen. Ofensichtlich wirkt die "Nazifizierung" des Protestes in Chemnitz. Da hat die "Systempresse" also gute Arbeit geleistet.

Zum Tod des jungen Markus:
Es kursiert ein Video einer Augenzeugin: https://www.youtube.com/watch?v=egi7qwfYYsY

Ich weiß nicht, ob es authentisch ist, aber der Dialekt und alles ist eindeutig von hier. Schaut man sich auch das Foto des Tatortes  an, dann sieht man, dass die Tritte gegen den Kopf so stark gewesen sein müssen, dass Gehirnwasser ausgelaufen ist. Getrocknetes Blut auf Beton sieht ja anders aus.

Das "Herzinfarktszenario" erscheint mir als eine Nebelkerze, um die Schwere der Tat irgendwie noch zu schleiern.

Insgesamt war es eine friedliche, zum Teil sehr würdevolle Veranstaltung, zum Teil brach sich aber auch verbal Wut und Zorn bahn, den man aber durchaus auch nachvollziehen kann und es wurde wichtige Kritik an einer Fehlentwicklung geäußert. Und das von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft.

Auf dem Weg heim bin ich noch am Bahnhof vorbei gefahren, wo eine kleine Schar Gegendemonstranten von der Polizei, die insgesamt einen ruhigen Abend hatte, in Schach gehalten wurde.

Wenn man vor Ort war und dann die Berichte darüber liest, den Spin, der der Veranstaltung verliehen werden soll (fairerweise muss man sagen, dass der MDR noch einigermaßen objektiv berichtete, das ZDF aber wieder Angst verbreitete, dass Köthen nun dem brauen Mob in die Hände fallen würde), dann muss man sich schon fragen, wie objektiv die Medien heute noch sind. Es erinnert doch vieles mehr und mehr an die alte DDR, nur ist es heute sehr viel ausgefuxter und man zehrt noch von dem Vertrauenskredit, den die Menschen den Medien Jahrzehnte gaben.

Man kann auch nicht sagen, es wird gelogen, es ist aber einfach auch nicht objektiv und ausgewogen.

Deswegen habe ich mich diesmal selber hin begeben.

[Nachtrag: nochmal der Augenzeugenbericht als Soundfile: soundcloud.com/user-94131055/kothen]

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