Tropenmedizin

01.07.2014 16:22

So, gestern war ich in Leipzig in der Uniklinik, Abteilung Infektions- und Tropenmedizin bei einem Dr. Lübbert, der mir auch gleich zwei seiner von ihm verfassten Reiseführer Botswana und Uganda / Ruanda zeigte. Ich geh mal davon aus, der Mann hat Ahnung. Vorher musste ich noch zum Hausarzt, der mir eine Überweisung fertig machte. Der Warteraum war zwar voll, aber aus reiner Neugier bin ich vorgezogen worden. Leishmaniose sieht man hier eben nicht aller Tage. Der Doc kennt mich ja schon seit meiner Geburt und früher war ich ja ein eher kränkliches Kind. In Leipzig wurden mir dann noch zwei Hautproben in der Hautklinik entnommen und diese werden nun untersucht. Die Probestellen wurden mit zwei Stichen genäht. Somit war Sport heute und gestern erstmal passé. 

Was mir beim Besuch dieses riesigen Gebäude-Komplexes aufiel, ist, dass das System sich selbst erhält. Da stehen sie dann draussen am Aschenbecher, die Schwestern, Ärzte und Pfleger und rauchen. Da gibts grosse Essbereiche, die wieder nur nach Pommes und Kram stinken und Getränkeautomaten, die Kaffee und allerlei süsse Getränke ausspucken. Das mutet so richtig nach Hamsterrad an. Man meint, man bewegt sich weiter, entwickelt sich, merkt dann aber, dass man eigentlich auf der Stelle tritt und das es immer wieder zu den gleichen Problemen kommt, weil man das Grundübel, eben auch eine ungesunde Lebensweise, einfach nicht in den Griff bekommt, oder nur mit sehr großem Aufwand. Das System züchtet sich die nächste Generation, um sich selbst zu erhalten. 

Man muss einen wirklich weiten Blick entwickeln, um zu verstehen, dass alles in diesem System miteinander in Zusammenhang steht und sich bedingt. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Medien, Medizin, Landwirtschaft. Alles ist miteinander verquickt. Und somit wird auch deutlich, wieso es so schwer ist, alternative Lebensweisen zu etablieren, die mehr als nur ein Nischendasein führen. Man muss eben das ganze System betrachten, mit den jeweiligen Interessen und Konflikten, die daraus entstehen, wenn man anfängt, andere Wege zu gehen. Viele vergleichen dieses System ja mit der Matrix, dieser Scheinrealität aus einem bekannten Hollywoodfilm. Und tatsächlich mutet es für mich manchmal so an. Wenn ich durch die Straßen gehe, oder auch im Job, komme ich mir manchmal vor, als sei ich zwar da und nehme teil, bin aber nicht mehr Teil des Systems. Ich sehe es, rieche es, spreche mit den Menschen darin, aber ich komme mir vor, als ob ich nicht mehr wirklich dazugehöre. 

Die Rohkosternährung ist wirklich eine so fundamentale Änderung, eine so fundamental andere Sichtweise, dass man wirklich meinen könnte, man gehöre nicht mehr dazu. Vielleicht entspringen dem auch die Impulse, etwas Eigenes, oder auch Anderes zu etablieren. Oder ich frage mich oft, wie diese Welt aussehen würde, wenn es mehr Rohköstler gebe, die eine vernünftige Rohkostpraxis lebten (davon sind wir ja gefühlt noch Jahrhunderte entfernt). Würde es dann noch diese riesigen Krankenhauskomplexe geben? Diese ganzen ausgeräumten Agrarflächen? Diese Art der Politik der Reichen und Mächtigen, die ihre Interessen schützen?

Leider leider driften viele, die das "System" auch durchblickt haben, in verschwörungstheoretische Welten ab. Ich glaube, davor muss man sich auch etwas schützen. Und meiner Meinung nach geht das am Besten, wenn man eben im Befragungszustand bleibt. "Ist das so?" - also erstmal Zweifel anmelden. Nichts für gegeben hinnehmen, nicht an etwas glauben, was ich nicht auch beweisen kann. 

Dies betrifft natürlich auch die eigene Rohkostpraxis. Ich betrachte es immer skeptisch und bin mir nicht 100%ig sicher, ob das, was ich mache, wirklich der Weisheit letzter Schluss ist. Wie kann ich das auch wissen? Es gibt keinerlei Erfahrungen mit dieser Ernährungsweise, auf die man zurückgreifen könnte. Keine Traditionen und keine langfristigen Ergebnisse. Sven Rohark meinte mal, es sei wie in einem Rattenexperiment, dass über 200 Tage angesetzt ist und wir sind an Tag fünf. Für mich ist diese befragende, diese wissenschaftliche Haltung sehr wichtig. Ich hoffe, dass mich diese Sichtweise auch davor bewahrt, starrsinning und dogmatisch zu werden. Ich beobachte lieber und ziehe Zwischenresultate, schaue was passt und was weniger gut funktioniert. Es ist ein ständiges Suchen nach der optimalen Lösung. In weiteren Sinn kann man sagen: Der Weg ist das Ziel. Das Tun ist es, was mich ausmacht und auf was es drauf ankommt. Ein Zwischenergebnis meiner Beobachtungen ist z.B. das vegane Rohkost auf Dauer eben nicht funktioniert. Oder das wir die Theorie, dass wir genetisch noch immer an die Tropen angepasst sind, nicht stichhaltig beweisen können und das eben eigene Erfahrungen dem widersprechen. Und dieser Blog stellt eben immer den Letztstand dieser Erkenntnissuche im Selbstversuch dar. 

Und so hab ich mich die letzten Tage aus Feldern und Gärten Mitteldeutschlands ernährt und war heute Kirschen pflücken. Keine Stunde Arbeit hat 7kg Kirschen gebracht. Eigentlich acht, denn ich hab mindestens ein Kilo schon auf dem Baum gegessen. :-) Und siehe da, ich fühle mich damit nicht schlechter als mit den Früchten in Costa Rica. 

Zur Zeit bin ich ja auch freischaffender Künstler, lebe also ohne Einkommen von meinen Reserven. Ich kann nur sagen: nie hab ich mich besser gefühlt! Es ist echt mal eine wunderbare Erfahrung, zu LEBEN, ohne das mir der Stress des Jobs im Nacken sitzt oder ein Chef üble Laune hat oder ich einen beschissenen Brief von irgendeinem Amt bekomme, das mich gängeln will. Nichts. In einem bestimmten Rahmen kann man machen was man will und wann man es will. Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich diese Art Freiheit habe. Natürlich lebe ich jetzt eher bescheiden und überlege viermal, bevor ich mir was kaufe, aber es ist schon nett, einfach mal zu leben, ohne das man drangsaliert wird. Diese Zeit wird ja auch irgendwann wieder vorbei sein und ich muss mir einen neuen Job suchen. Aber grade jetzt ist es echt genial, mal frei zu sein. Ein Jahr wollte ich das ja machen und da hab ich ja noch zwei Monate, bevor es wieder ernst wird! :-)

Unser Garten

Kirschernte

An der Straße ganz vorbildlich mit Warnweste (dann denken viele auch, da ist die Straßenmeisterei im Gange! lol) und sieben Kilo Süßkirschen 

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