Vegan und Leiden

19.11.2015 15:02

Letztens hatten ich mich mit meinem englischen Bekannten hier in Nerja unterhalten und angemerkt, dass so ziemlich ALLE, die zur Rohkost kommen, entweder körperliche oder seelische Probleme haben. In vielen Fällen, mich eingeschlossen, trifft ja beides zu. Wer sich gesund fühlt, kommt nicht zur Rohkost, die ja Heilung verspricht. Und bisher hat sich das auch in JEDEM Fall bestätigt. Und dann hat man die Wahl: entweder nimmt man dieses Leiden, diese Traumatas an, die JEDER hat, weil keiner von uns ist in einer trobiandischen Gesellschaft aufgewachsen, wo man der Magie der Liebe noch Raum gibt, oder man verschliesst sich ihnen und bekämpft sie im Aussen, projiziert sie auf das Leid der Mitkreatur.

Als ich mit der Rohkost anfing, habe ich ja auch erst nach Wandmaker vegan gelebt. Vor allem um Leiden zu verhindern und nun ein besserer Mensch zu werden. Wie naiv! Irgendwann habe ich dann aber gemerkt, dass ist nicht der wahre Jakob. Und dann angefangen, tierische Produkte zu essen. Und ja, auch ich habe mir viele Gedanken über das Leiden an sich gemacht. Aber als ich anfing, tierische Produkte zu essen und mir gleichzeitig klar wurde, dass ich damit auch Leiden verursache, war das ein Annehmen des Leidens an sich. Und ab da wurde mir auch klar, dass ICH leide. Durch das Annehmen des Leidens konnten die Heilungsprozesse einsetzten, die ja oft auch sehr lange dauern. 

Bei Menschen auf Veganer Rohkost aber, so mein Eindruck, dauert das Leiden irgendwie ewig. Sie bekämpfen es im Aussen, wollen nichts mit dem Leid zu tun haben, aber dabei leiden sie ja schon wie geprügelte Hunde. Wenn man seelische Heilung erfahren will, muss man das eigene Leid annehmen. Und nochmal durch all die Situationen und Gefühle gehen, die es verursacht haben. Man muss wieder weinen, wieder brüllen, wieder wütend werden, traurig, ängstlich. Nur so lösen sich die Blockaden auf. Ob man das nun alleine macht oder mit Hilfe eines Therapeuten liegt an jedem selber. 

Aber man schaue nur mal die Flüchtlinge an. Da sind einige darunter, die sehr tief traumatisiert sind. Auch die müssen leider alles nochmal erleben, um davon befreit zu werden. Bernd Senf schildert ja einige Fälle, wo es dann plötzlich aus den Patienten herausbrach, all der angestaute Zorn, Ekel, Hass, Zerstörungswut, Angst. Und davor scheuen so viele zurück. Lieber bekämpfen sie es im Aussen. Wollen das Leid verhindern, abschaffen, überwinden, übersehen aber, dass es ihr eigenes Leid ist, was sie da bekämpfen, abschaffen und ungeschehen machen wollen. Manche gehen dann sogar noch soweit, sich in elitäres Denken zu flüchten, was aber auch nur ein Schutzschild gegen das eigene Leiden an sich ist ...

Die sammelnden und jagenden Naturvölker hatten alle eine lebendige Verbindung zur Natur. Auch und vor allem zu ihrer eigenen. Sie haben von dem gelebt, was Mutter Natur ihnen gegeben hat. Und sie haben die Mitkreatur entsprechend als Teil der Natur gesehen, wie sie sich selber als Teil der Natur wahrnahmen, als Teil des grossen Kreislaufes. Natürlich ist es falsch, Massentierhaltung zu betreiben, oder sich generell mit Fleisch vollzupumpen. Letzteres scheint mir auch eine Art Dämpfung zu sein, um bestimmte Blockaden nicht auflösen zu müssen. Aber zum Menschsein gehört eben auch das Essen von anderen Lebewesen. Dagegen kann man rebellieren, dagegen kann man ankämpfen, dagegen kann man anargumentieren, sich in Illusionen flüchten, in die Abgeschiedenheit, sich an Beispiele klammern, wo es angeblich funktioniert. Es hilft nichts. Zum Menschsein gehört zu einen gewissen Teil das Verzehren von Mitgeschöpfen dazu. Und damit das Verursachen von Tod und Leid. 

Die alten Jäger - und Sammlervölker wussten und spürten das und haben den Geist des Tieres vorher entsprechen mit Ritualen besänftigt, Praktiken, die wir heute garnicht mehr kennen und die uns bestenfalls als verschroben und als Naturhokospokus vorkommen, über den man sich lustig macht.

Nein: sich mit dem Leid auseinander setzten heisst, dass heute in fast allen Menschen in unserer Gesellschaft schon in den Kinderseelen etwas stirbt! Etwas abgetötet wird. Man wird geboren, erzogen, auf den Job vorbereitet ... dazu die Probleme der Eltern, der Mitmenschen, der ganzen Gesellschaft: Streit, Scheidungen, Zwist, Alkohol, Gewalt zuhause (Xavier Naidoo hat z.B. darüber gesungen), auf dem Schulhof, in der Freizeit und im Fernsehen, Kriege, Sadismus, Maschoismus ... die Liste ist lang. In der Schule bekommt man dann Neugierde, Wissendurst, Kreativität und Inspiration aberzogen... vom Verlust höhergeistigen Dimensionen wie Magie der Liebe, Kontakt mit lieben Menschen über den Tod hinaus (viele Kinder sehen ja Verstorbene manchmal nochmal, eine Freundin hat mir das bei ihrer Tochter mal bestätigt), intuitive Einsicht in die Ordnung der Dinge, des Kosmos, des Universums ganz zu schweigen... 

Und in diese Welt wird man hineingeboren und irgendwann kommt es unweigerlich zu Traumatas. Zum Tod, zur Unterdrückung und zur Blockierung des Lebendigen. Zur inneren Kernspaltung, wie es Bernd Senf treffend bezeichnete. Und damit auch zu allen Folgen, die Wilhelm Reich so eindrucksvoll erforscht hat. 

Das Verhindern von Tod und Leid in unseren Mitgeschöpfen, so löblich das auch ist, ist doch bei vielen nur der Versuch, vor dem eigenen erlebten Tod von etwas in der Vergangenheit, dem eigenen Leiden davonzurennen. 

Das Einbeziehen von tierischen Produkten (viele Indianervölker kennen keinen Unterschied zwischen Tieren und Pflanzen, da alles Teil des grossen Ganzen ist) scheint mir bei vielen eine Schwelle zu sein, über die man gehen muss, auch um endlich das eigene Leiden aufzuarbeiten. Um wieder lebendig zu werden. Was unendlich kurios ist: töten, um selber wieder lebendig zu werden. 

Aber die Naturvölker wussten intuitiv, dass genau das das Naturgesetz dieser Welt ist. Der grosse Kreislauf der Natur.

Ich möchte hier nochmal auf einen Vortrag von Bernd Senf zum Thema hinweisen:

Bei der Rohkost geht es im Grunde um ALLES! 

Es geht um uns, um unsere Körper, um unseren Geist, um unsere eigene Ganzheitlichkeit. Es geht um die Wiederentdeckung des LEBENDIGEN! Und das in allen Bereichen des Lebens. 

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