Vom Recht auf Stille

15.05.2017 22:44

Ich habe ja schon gedacht, ich bin alleine und der Einzige, dem Lärm auf den Sack geht. Aber offensichtlich nicht:

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Ein wunderbarer Artikel.

Kaum saß ich auf dem Balkon und freute mich, dass die Mauersegler um den Block schwirrten und dabei ihr fröhliches srieh-srieh ausstießen, begann unten ein Nachbar den Rasen zu mähen. Kurz darauf warf jemand seinen Laubbläser an und schließlich wurde schräg gegenüber bei geöffneten Fenstern Staub gesaugt. Die diversen Maschinen-Geräusche verbanden sich mit dem städtischen Grundlärm zu einer schrillen Kakophonie. Ich zog mich fluchtartig ins Innere der Wohnung zurück. Was nützt die schönste Frühlingssonne, wenn man von allen Seiten mit Lärm traktiert wird? Im alten China hat man Kriminelle, die sich eines besonders schweren Verbrechens schuldig gemacht hatten, durch Lärm hingerichtet. Der Verurteilte wurde unter eine große Glocke gelegt, die anschließend vom Henker geschlagen wurde. Es soll der qualvollste Tod sein, den ein Mensch erleiden kann. Ungefähr so fühle ich mich manchmal in dieser Wohnung, in dieser Stadt, in dieser Gesellschaft – wie unter einer chinesischen Hinrichtungsglocke.

Ich bin mittlerweile auch empfindlich geworden. Und auf dem Dorf mäht ständig wer Rasen oder sägt Holz, hört Musik oder beschleunigt vorne auf der Hauptstraße. Von den Windrädern ganz zu schweigen.

Ständiger Lärm löst Alarm im Körper aus und wird zu einer Quelle von Gereiztheit und ohnmächtiger Wut.

Kann ich bestätigen. In Österreich habe ich ja über fünf Jahre direkt an der Bahn gewohnt und neben einem rauschenden Bach. Da wird man irre irgendwann. Die Züge hören sich zum Teil an wie angreifende Tiere. Oder die Güterzüge sind so laut, dass es weh tat. Ohropax war da mein bester Freund.

Hier werde ich auch oft richtig wütend, wenn ich ungefragt mit Lärm belästigt werde. Es liegt einfach auch an der mangelnden Kommunikation. Statt mal miteinander zu reden, du horch mal ich müsste mal das und das machen, wird einfach losgelegt. Wobei es schon sehr viel besser geworden ist. Das muss ich fairerweise dazusagen.

Aber vielleicht bin ich auch nach Jahren an der Bahn einfach ruhebedürftiger, oder besser: stillebedürftiger.

Interessant, dass ich im Philosophen Theodor Lessing einen Bruder im Geiste zu haben scheine:

„Wohin“, fragte Lessing 1908, „sollen wir Träumer entfliehen? Vielleicht zu den Sternen hinauf?“ Wir Heutigen liefen Gefahr, bereits auf dem Weg Zeugen eines Satelliten-Zusammenstoßen zu werden und nach unserer Ankunft selbst dort auf Bohrmaschinen, Dampframmen und andere Insignien der Zivilisation zu stoßen.

Ich habe mir oft vorgestellt, irgendwo oben auf einer Alm zu leben. Ohne Lärm. Sondern in Stille. Allumfassende, sich ausspannende Stille. Nur die Gräusche der Natur, nicht der Aktivitäten der Menschen, die so oft nur Werkzeuge der Zerstörung und des Kampfes sind.

Stille ist Frieden. Frieden ist Stille.

„Das gewöhnliche Unglück tritt ein“, heißt es bei Wilhelm Genazino, „wenn ein Mann und eine Maschine zueinander finden“, und er stellt die Gleichung auf: Mann + Motor = Lärm.

Ein herrlicher Satz.

Ich suche selber permanent nach Lösungen, wie man Lärm vermeiden kann. Den Rasen später mähen, mehr wachsen lassen, Wochenende nichts lautes machen usw.

Denn ich muss sagen: Stille ist etwas wertvolles, was man beschützen muss. 

Und das ist wieder etwas, was der "normale" Mensch nicht versteht. Natürlich brauchen sie auch Stille, aber irgendwas treibt die Menschen dazu, Lärm zu machen.

Vielleicht ist mein beinahe phobisches Verhältnis zum Lärm auch eine Begleiterscheinung meiner Leidenschaft fürs Schreiben und Lesen.

Bei mir ist es die Leidenschaft für die Natur. Ich möchte den Wind rauschen hören, den Regen prasseln, die Vögel zwitschern und die Ameisen singen hören. LOL

Aber klar: ich höre auch gerne Musik und nehme mir mal ein Radio in den Garten. Aber ich mache es zumeist so leise, dass man es nur im engen Umkreis hört. Bei mir gründet das "phobische Verhältnis" vor allem aus einem Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Und Lärm ist etwas, was man mir aufzwingt. Das die Stille durchdringt und das ich ertragen muss, ohne dass ich es hören möchte. Es ist in letzter Konsequenz eine Art Aufzwingen.

Das Problem ist aber nicht der Lärm an sich, sondern wenn es zum Dauerzustand wird. Wenn permanent irgendwo Lärm erzeugt wird. Das zerrt dann wirklich an den Nerven. Aber Gott sei Dank war es zuletzt hier nicht so schlimm. Aber ich will mal nichts beschreihen! lol

In einem Roman von Ralf Rothmann fand ich in der Schilderung der Lärmempfindlichkeit eines Schriftstellers eine Bestätigung:

„Er fühlte sich wie gehäutet von der Scharfkantigkeit der Geräusche und machte die banale Erfahrung, dass Sprache, in der mehr anklingt als das Alltägliche, nicht ohne Stille zu haben ist.“

Das kann ich nachvollziehen. Stille ist notwendig, umfriedlich und entspannt zu denken. Und dann kommt tatsächlich mehr dabei heraus als das Alltägliche. Dann erlebt man Inspiration und Kreativität.

Die ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber dem Lärm reflektiert die lebensgeschichtliche Beschädigung von Ich-Funktionen, die für die Reizverarbeitung zuständig sind und normalerweise dafür sorgen, dass Lärm durch selektive Wahrnehmungsprozesse derart gefiltert wird, dass wir nur hören, was wir hören wollen.

Das kann ich nachvollziehen. Ich glaube auch, dass ich aufgrund traumatischer Erlebnisse in der Kindheit und Jugend lärmempfindlicher als andere bin. Dieser Gedanke kam mir auch schon. Vielleicht ist es einfach auch so, dass man zur Heilung Liebe und STILLE benötigt. Ohne Stille ist man ständig aufgekrazt und das ist dann für Heilprozesse nicht hilfreich. Ganz im Gegenteil:

Die Unmöglichkeit, auf eine im Grunde unerträgliche Situation mittels Angriff oder Flucht zu reagieren, wird zur Quelle von Stress, der auf Dauer krank machen kann. Zielgehemmte Aggressionen verwandeln sich in ein chiffriertes Ausdrucksgeschehen. Teilweise entspannen sie sich dabei und bleiben nach außen hin stumm oder aber sie erzwingen einen Daueralarm vegetativer Leistungen. Wegen der blockierten Handlung kommt es zu einer Aggressionsbereitschaft im physiologischen Bereich, die sich nicht mehr zurückbildet und die Form diverser Krankheiten, zum Beispiel eines chronisch gesteigerten Blutdrucks, annehmen kann.

Der nächste Bruder im Geiste:

Herbert Marcuse hielt den Lärm für die akustische Begleitung eines im Kern gewaltförmigen und destruktiven kapitalistischen Fortschritts, das Bedürfnis nach Ruhe für ein revolutionäres Ferment und Stille für eine wesentliche Qualität einer befreiten Gesellschaft. In einem 1968 geführten Gespräch „Über Revolte, Anarchismus und Einsamkeit“ sagte er:

„Es gibt keine freie Gesellschaft ohne Stille, ohne einen inneren und äußeren Bereich der Einsamkeit, in dem sich die individuelle Freiheit entfalten kann.“

Ich könnte dem gar nicht genug zustimmen. Und da das so ist, hat man wohl bewusst oder unterbewusst den Menschen allerlei Geräte an die Hand gegeben, womit sie sich gegenseitig martern. Denn das verhindert das Nachdenken und Reflektieren. Die besten Gedanken hatte ich immer beim Laufen abseits des alltäglichen Lärms.

Ich habe ja schonmal vermutet und geschrieben, dass ich es für Absicht halte, dass man den Menschen diese Geräte an die Hand gegeben hat. Ich halte das System für so raffiniert und es dient ja zum Erhalt des Systems.

Dem Kapitalismus wohnt ein "evil genius", also ein böses Genie, eine bösartige Genialität, inne.

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