Wachstum über alles

19.12.2017 20:34

Ab und an hört und liest man ja mal etwas, was in die richtige Richtung geht und insgesamt mal schaut, wo der Hase im Pfeffer liegt. Dieser Artikel gehört dazu: www.heise.de/tp/features/Armut-Hunger-Naturzerstoerung-sind-eine-logische-Begleiterscheinung-unseres-Wirtschaftens-3919081.html

"Armut, Hunger, Naturzerstörung - das sind keine Krisen des Kapitalismus, sondern eine logische Begleiterscheinung unseres Wirtschaftens", so Nicoll, der an der Universität Duisburg-Essen zur Nachhaltigen Entwicklung lehrt.

Bernd Senf hat es ja in seinen Videos zum Teil sehr klar auch dargelegt, wie es zu diesen Krisen kommt und er hat auch Auswege und Lösungen vorgeschlagen. Aber das ist eben alles noch nicht angekommen. In der Politik herrscht weiterhin der Wachstumsgedanke vor. Und das, abwohl die Krisen immer gravierender werden.

Und das macht mir etwas Angst, weil es eben schon so ist: wenn die Symptome nicht ausreichen, um zur Umkehr und zur Einsicht zu kommen, dann werden die eben noch schlimmer!

Aber die Entwicklung hat auch Schattenseiten.

Norbert Nicoll: Eindeutig. Sie hat sogar viele Schattenseiten - sie ging einher mit der Ausbeutung von Natur und Menschen. Gleichzeitig mit dem Wachstum der Wirtschaft und der beachtlichen Wohlstandsentwicklung stiegen der Energieverbrauch, die Treibhausgas-Emissionen und die Weltbevölkerung stark an. Hier zeichnen sich zumindest auf lange Sicht Grenzen ab.

Im Kapitalismus geht es darum, grob vereinfacht, in einer Art Endlosschleife aus Geld mehr Geld zu machen. Es ist wie mit dem Fahrradfahren. Je mehr man strampelt, desto schneller geht es voran. Rückwärts geht es nicht - und wer plötzlich anhalten muss, legt vielleicht einen uneleganten Abstieg hin. Auch Stillstand ist nicht vorgesehen. Der Kapitalismus muss wachsen. Die Frage nach dem Warum des Wirtschaftens wird dabei gar nicht mehr gestellt. Die Wirtschaft sollte allerdings den Menschen dienen - leider ist es heute genau umgekehrt.

Der Kapitalismus lässt sich als eine Art dialektisches Verhältnis aus Produktivität und Plünderung beschreiben. Er saugt die Schätze der Natur regelrecht auf, um diese in Produkte zu verwandeln und damit die Arbeitsproduktivität zu steigern. Und damit wiederum die Gewinne.

Alle Kosten werden so weit wie möglich externalisiert. Die kapitalistischen Strukturen mit ihrem durch das Prinzip der Kapitalakkumulation hervorgerufenen Zwang zum fortwährenden Wachstum lassen echte Nachhaltigkeit nicht zu. Armut, Hunger, Naturzerstörung - das sind keine Krisen des Kapitalismus, sondern eine logische Begleiterscheinung unseres Wirtschaftens. Es geht nur um das Ziel Geldvermehrung. Und der Raubbau an der Natur oder die Entlassung von Tausenden Arbeitskräften sind Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Es ist klar, dass wir nicht so weiter wirtschaften können. Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen.

Es geht im Grunde nur darum, aus Geld mehr Geld zu machen. Egal wie! Und das treibt dann auch ganz unglückliche Entwicklungen voran. Man erschafft dann Krankheiten, weil man damit aus Geld mehr Geld machen kann. Solche Verrücktheiten zum Beispiel. Oder man industrialisiert die Landwirtschaft. Der nächste Irrsinn. Oder man digitalisiert alles...

Im Grunde sagt der Norbert Nicoll das Gleiche wie ich hier schon lange im Blog, bzw. auch ich, oder auch er, je nachdem, wie man es sieht, ist drauf gekommen, wie es funktioniert.

Aber wird das mal in der Politik hinterfragt? Ist das da angekommen?

Angela Merkel: "Ohne Wachstum keine Investitionen, ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung, ohne Wachstum keine Hilfe für die Schwachen. Und umgekehrt: Mit Wachstum Investitionen, Arbeitsplätze, Gelder für die Bildung, Hilfe für die Schwachen und am wichtigsten Vertrauen bei den Menschen."

Das macht mir mehr Angst als irgendeine andere Nachricht. Denn hier wird die Zerstörung zur Staatsdoktrin. Wachstum, eben wenn es immerwährend sein muss, produziert dann eben immer mehr Krisen, Kriege und Armut.

Am Anfang bringt es Reichtum, wie im Garten. Ich fange an, pflanze was, ernte, verbessere die Anbaubedingungen, werde effizienter, die Erträge steigen. Das ist effektiv wachsender Wohlstand.

Dann aber werde ich gezwungen, immer weiter zu wachsen. Den Punkt des Wohlstandes im Grunde zu übersteigen. Und zwar des WOHLstandes für alle. Tiere, Pflanzen, Menschen. Und ab dann wirds zerstörerisch. Das ging in Deutschland in der Landwirtschaft so in den 50er Jahren schon los. Hiess damals und heute "Flurbereinigung". Schon ab den 50ern hat die Artenvielfalt abgenommen. Und das wird nur jetzt immer akuter, weil es auch zunehmend in die Naturschutzgebiete ausstrahlt.

 Die Arten- und Individuendichte ist nach dieser Erhebung in Schleswig-Holstein schon zwischen 1951 und 1981 messbar und zwar deutlich messbar eingebrochen. Siehe die Grafik am oberen Ende der Abbildung.

www.nachdenkseiten.de/?p=41572

Und seitdem warnen und reden solche Leute wie ich, Ökologen genannt oder geschimpft, je nach dem, dass es so nicht weitergehen kann. Also seit mindestens 40 Jahren sagen die Leute, die die Beobachtungen machen und die Folgen abschätzen können, dass es so nicht weitergehen kann.

Kommt das an?

Nein.

Hatten sie damals etwa Unrecht?

Nein. Der Klimawandel kam wie vorhergesagt, die Versauuerung der Meere dito, das Artensterben sowieso.

Aber Recht behielten die Warner von damals auch nicht. Wieso nicht?

Man muss sich das etwas so vorstellen: es ist ein Wettlauf zwischen Katastrophe und Technologie. Es hat immer Probleme gegeben, aber die konnte man mit Technologie einfangen, um dann das Wachstum nochmal etwas weiter zu schieben. Die Probleme haben die positiven Effekte der Technologie (Computer, abgasarme Autos, Filteranlagen, effizientere Verbrennungsmotoren und Heizungen usw usw.) aber immer etwas überwogen, so dass man zwar das Wachstum immer weiter herausschieben konnte, aber irgendwann, die Zeit scheint jetzt anzubrechen, haben sich die negativen Auswirkungen doch soweit kumuliert (zusammenaddiert), dass sie nun deutlich hervortreten.

Der Zwang zur Innovation war also auch immer eine Peitsche, die die Menschen angetrieben hat, sich Gedanken zu machen, weil ansonsten die Katastrophe schon viel eher gekommen wäre.

Dazu reicht ein kleines Gedankenspiel: man stelle sich nur vor, alle Autos der Welt hätten keinen KAT. Heute gibt es weltweit Millionen mehr Autos als in den 80ern. Alleine was in China dazugekommen ist. Wenn die alle einen solchen Schadstoffausstoß hätten wie damals, würde es nicht gehen. Ist ja jetzt schon problematisch.

Energieerzeugung dito: man stelle sich vor, der Energiehunger der Welt würde mit den Mitteln der 80er Jahre versorgt werden müssen. Der Himmel wäre wahrscheinlich schwarz von ungefilterten Kohleabgasen und überall ständen Atomkraftwerke.

Und so kann man das schön beobachten, wie Technologie das Wachstum immer weiter ermöglicht hat und die Probleme immer weiter in die Zukunft verschoben wurden.

Ist ein bisschen wie beim Essen auch: wenn wir bei der derzeitigen Ernährungsweise die Medizin der 80er hätten, wäre die Lebenserwartung wahrscheinlich schon lange gesunken. Die Alten, die noch karg und genügsam lebten, oft aus dem eigenen Garten, die wurden noch ganz natürlich alt. Die jetzige Generation, die den Schrott mit Red Bull runterspült, kann das nur machen, weil gleichzeitig die Medizin und auch der Sport die Auswirkungen auffängt. Die Fehler kann man also nur aufrechterhalten, weil gleichzeitig der Fortschritt viele Probleme, die ja nur Symptome sind, die anzeigen, dass was schief läuft, auffängt und händelbar macht. Bis man dann am Ende doch an Krebs zu Grunde geht. Weil irgendwann ist es eben doch so, dass man es nicht mehr in den Griff bekommt.

Ich möchte abschliessend noch auf die wirklich Mächtigen hinweisen. Die, die bestimmen wie es läuft, ganz einfach, weil sie das Geld haben.

www.nachdenkseiten.de/?p=41340#more-41340

Hier gehts um Black Rock.

Dabei sind diese Unternehmen, deren Geschäft man früher wohl etwas verklärend als „Vermögensverwaltung“ umschrieben hätte, die neuen Herren der Weltwirtschaft. Es gibt kaum große Aktiengesellschaften in den westlichen Ländern, bei denen keines dieser Unternehmen größter Einzelaktionär ist. Und in der Summe beherrschen diese „institutionellen Investoren“ Wall Street, City of London und den Frankfurter Finanzdistrikt. Doch seltsamerweise sind uns nicht nur die Namen der neuen Herren unbekannt, auch ihr Treiben findet abseits der Öffentlichkeit statt, da die großen Medien einen großen Bogen um dieses Thema machen und die Politik sich ebenfalls versteckt. Kein Wunder, wirft der Siegeszug der neuen Herren doch Fragen auf, wohin unser neoliberales System uns noch führen soll.

Der Artikel ist wirklich gut. Und erschreckend.

Das sind die Herren der Welt. Da wird das Geld hingegeben mit der Aufforderung: mach mir aus meinem Geld mehr Geld! Und die legen das an, erwarten Rendite. Also Wachstum. Von da kommt der Wachstumszwang.

Mach aus meinem Geld mehr Geld!

Am Ende wahrscheinlich egal wie. Aber mach mir da mehr draus.

Und dann legen die los, investieren da, bestimmen dort mit, nehmen hier Einfluß, lassen dort ihre Muskeln spielen...

Tja.

Wie soll das gut gehen?

Mit Technologie wird man es wahrscheinlich noch etwas rausschieben können. Aber irgendwann ist eben der Punkt erreicht, wo das nicht mehr geht. Entweder sind die Ressourcen alle, oder alle sind krank, oder die Insekten sind weg, oder wir werden von Klimaflüchtlingen überrannt... wie auch immer.. irgendwann gehts nicht mehr und wenn es dann keine Exit-Strategie gibt, können eben die Zinsen und Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden.

Und dann ist es aus.

Entweder kommt das schleichend. Oder mit einem Knall.

Deswegen sollte man sich zumindest etwas darauf einstellen, dass es so nicht ewig gehen wird und kann.

Aber, zum Optimismus gibts keine Alternative! :-)

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