Dienstag

21.07.2015 19:41

So, gestern eine gute Stunde Oberkörpertraining, heute 80 Minuten auf dem Hometrainer geschwitzt. Garten... wir kommen mit dem Essen nicht mehr hinterher. Brokkolie, Markstammkohl, Fenchel, Salate, Tomaten, Gurken, Wildkräuter, Erbsen, Mairübchen, Paprika, Zwiebeln, Zuccini, Mangold, Sauerkirschen und Johannis-und Stachelbeeren. Süß-Kirschen gäbe es auch noch, aber da bin ich erstmal durch. Wir schaffen es nicht zu Dritt, es zu konsumieren. Wirklich mal schön, in solch einem Überfluss zu leben. Schade das wir hier kein Wetter haben wie auf Cran Canaria oder Teneriffa, dann hätte man zwei Ernten pro Jahr. Das wäre dann wirklich Überfluss. Die Sauerkirschen sind auch echt gut! Sperren auch viel besser als normale Süßkirschen.

Und die Arbeit hält sich auch sehr in Grenzen. Pro Tag eine halbe Stunde im Schnitt, würde ich mal sagen. Also ohne Ernten. Aber klar, gibt auch Probleme: die Marder wälzen sich mit Vorliebe im Lavendel oder im Oregano. Da bin ich etwas vorsichtig, weil ich nicht weiß, ob die sich auch in Fuchsscheisse wälzen. Müsste ich auch recherieren. Raubtiere wälzen sich ja oft in der Losung des anderen.

"Allerdings ist bislang nicht eindeutig belegt, dass sich Menschen wirklich durch Nahrungsmittel oder Wasser infizieren können. Bei Landwirten wird auch das Einatmen und Verschlucken von Staub diskutiert (z.B. beim Mähdreschen), der infektiöse Eier enthalten könnte." www.internisten-im-netz.de/de_fuchsbandwurm-ansteckung-risikofaktoren_1424.html

Füchse haben wir jedenfalls keine im Garten. Aber halt Marder. Die höre ich jeden Abend hier rumrennen. Aber gut, die haben wir schon so lange ich denken kann und ein Auto von mir war damals auch sehr beliebt. Da musste ich einige Zündkabel nachkaufen.

Na was solls. Aber seit der Infektion mit Leishmaniose bin ich da auch etwas vorsichtiger geworden und wasche die Sachen bevor ich sie esse. Zumindest die Salate und das Gemüse.

Ansonsten gibt es eben die weiße Fliege, mal einen Kohlweissling, ab und an eine Schnecke oder Ameisen. Hält sich aber alles in Grenzen.

Gestern hatten wir hier griechische Verhältniss. Ein Freund von mir war da und wir haben sechs Stunden auf der Terrasse gesessen und über Gott und die Welt geschwatzt. Er hat auch keinen Fernseher und surft auf alternativen Seiten, hat aber so wie ich keinen Hang zu Verschwörungstheorien, sondern informiert sich halt abseits des Mainblocks.

Apropos: ich habe in vielen Diskussionen im Laufe der Jahre immer wieder erstaunt und auch fassungslos festgestellt, dass viele Diskussionspartner zum Thema Atomkraft, Gentechnik oder ähnlich kontroverse Themen hier stark eine Position vertreten haben, von der sie selbst keinerlei Vorteile haben. Kein normaler Mensch hat etwas von Gentechnik, nur große Firmen wie Monsanto und Bayer haben wirklich etwas davon. Von Atomkraft haben wir auch nicht wirklich etwas. Im Gegenteil, dass, was man an billigem Strom bekommt, zahlt man später in Form von Steuern drauf, wenn es um Entsorgung und Endlagerung geht. Also auch da hat es mich immer wieder gewundert, wie aggressiv zum Teil eine Position verteidigt wurde, die gar nicht im Eigeninteresse ist. 

Genau das beobachtet man jetzt auch in der Griechenlandkrise!

Statt sich im Schicksal der Griechen wiederzuerkennen und zu rufen: „Wir sind alle Griechen!“, identifiziert sich die Masse der Menschen in Nordeuropa mit denen, die den Griechen das Fell über die Ohren ziehen und sie ihrem Diktat unterwerfen wollen.

www.nachdenkseiten.de/?p=26872#more-26872

Jedem normalen Durchschnittsbürger muss doch klar sein, dass er mehr mit dem gemeinen Griechen zu tun hat, als mit den oberen 10% der Deutschen, denen die aktuelle Politik zu Gute kommt. Und dass diese Leute keine Sekunde zögern werden, auch hier drastisch zu sparen, wenn sie die Gelegeneheit dazu bekommen!

Ein Versuch der Erklärung findet sich auf den Nachdenkseiten wieder mal von Götz Eisenberg. Sehr lesenswerter Artikel.

Die hier beschrieben Mechanismen der Verdrängung, der Blockaden und des Identifizierens mit dem eigentlichen "Feind" ist bemerkenswert. Und macht krank!

Lawrence Le Shan, der Pionier der psychologischen Krebsforschung, hat eine Methode entwickelt, um seine Patienten mit den abgewiesenen Teilen ihres Selbst in Berührung zu bringen. In ihrer ständigen Selbstzurückweisung und Selbstbestrafung erblickt er einen wesentlichen karzinogenen Faktor. Ständig hallen die Entwertungen und Verurteilungen der Eltern in den seelischen Innenräumen der Patienten nach, die sie häufig nicht nur akzeptiert, sondern sogar gutgeheißen haben. Gehorsam und loyal halten sie ihren Peinigern die Treue und geben sich selbst die Schuld.

Hier kann ich auch auf die Arbeiten von Wilhelm Reich verweisen und seine Erkenntnisse zum Thema Blockaden und die Entstehung von Krebs.

www.youtube.com/watch?v=alo7PdyojNQ&feature=youtu.be

Deswegen ist es aus meiner Sicht auch erforderlich, sich nach innen zu wenden und sich den Schmerzen, Verletzungen und Blockaden zuzuwenden, auch um eine tiefergreifende Heilung zu erreichen. Auch dient die eigene Heilung auch der Heilung des Planeten. Wer also denkt, Hauptsache roh und alles wird gut, ist oft einfach nicht bereit, sich seinen inneren Welten so zuzuwenden, dass hier auch eine tiefergreifende Heilung stattfindet. Und man merkt es den Leuten dann auch an.

Es gibt gesellschaftliche Großwetterlagen, die im Sinne eines öffentlichen Klimas Haltungen wie die eben beschriebene treibhausmäßig fördern. Es macht einen nicht zu unterschätzenden Unterschied, ob man in einer Gesellschaft aufwächst und lebt, in der Schwachen und weniger Leistungsfähigen solidarisch beigesprungen und unter die Arme gegriffen wird, oder in einer, in der sie der Verelendung preisgegeben und als sogenannte Loser zu Objekten von Hohn und Spott werden. Unter günstigen lebensgeschichtlichen Bedingungen erworbene Fähigkeiten wie die, sich in andere einfühlen zu können und sich von ihrem Leid berühren zu lassen, bedürfen dauerhafter äußerer Stützung, sonst bilden sie sich zurück und zerfallen schließlich. Die Eigenschaften und Haltungen, die einen in der Konkurrenz weiterbringen: kalte Schonungs- und Skrupellosigkeit, Anpassungsbereitschaft, Wendigkeit, eine gewisse Gewieftheit etc. überwuchern diejenigen, die dem im Wege stehen und die man bislang als die eigentlich menschlichen angesehen hat. Der Andere, der Mitmensch, wird unter solchen Bedingungen zum feindlichen Konkurrenten, zum Überzähligen, schließlich zum Gegen- oder Nicht-Menschen, dem jede Einfühlung verweigert und Unterstützung aufgekündigt wird. Man gewöhnt sich daran, dass das Glück der einen mit dem Leid der anderen zusammen existiert: Glück ist, wenn der Pfeil den Nebenmann trifft. Jede Gesellschaft produziert ihr gemäße Charaktere, lebt von ihnen und reproduziert sich durch sie.

Als DDR-Geborener und hier sozialisierter Mensch habe ich oft Mühen, mich dem Ideal eines erfolgreichen Menschen hinzugeben. Ich möchte niemanden verarschen, ausbeuten, hintergehen, das Geld abluchsen, ihn übervorteilen oder irgendetwas in diese Richtung machen.

Zu DDR-Zeiten saßen die potentiellen Hauptschüler, Sekundarschüler und Gymnasiasten zusammen in einer Klasse. Es gab Lerngruppen und die Starken haben die Schwächeren geholfen. Das hat beiden genutzt. Als ich nach der Wende viel mit westdeutschen Jugendlichen zusammen kam, fiel mir vor allem auf, dass diese einsamer wirkten, weniger sie selbst, sondern oft vorgaben, etwas anderes zu sein. Hier im Osten musste niemand vorgeben, jemand anderes zu sein, oder die Ellenbogen permanent ausfahren. Hier gab es, auch aufgrund der Mangelwirtschaft, ein recht ausgeprägtes Gemeinschaftsleben, was ich zugegebenermaßen oft vermisse. Weniger Druck, weniger Quatscherei übers Geld, dafür mehr Kooperation zwischen den Nachbarn und eben auch in der Schule.

Nach der Wende hat sich das schlagartig verändert. Plötzlich wurde der Kapitalismus neu erfunden, es wurden die Ellenbogen ausgefahren, es wurde vorgegeben, jemand anderes zu sein, und es war traurig und lächerlich zugleich sowas zu beobachten, zumal wenn man denjenigen schon kannte. Aber man hat eben versucht, das Erfolgsrezept der Sieger zu kopieren.

Der Gesellschafts-Charakter ist jene besondere Struktur der psychischen Energie, die durch die jeweilige Gesellschaft so geformt wird, dass sie deren reibungslosem Funktionieren dient.“ Der seit den 1980er Jahren hegemonial gewordene Neoliberalismus hat den Sozialstaat geplündert und planiert. Er hat einen sozialen und moralischen Darwinismus etabliert, der den Kampf eines jeden gegen jeden ins Recht setzt, den Werten eines absolut asozialen Individualismus zum Durchbruch verholfen hat und das Gros der Bevölkerung dazu verurteilt, in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression zu leben. Wer Mitgefühl zeigt, droht aus dem Markt geworfen zu werden und einen sozialen Tod zu sterben. Insofern dürfen wir uns nicht wundern, dass die vom Sozialstaat propagierte Kultur des menschlichen Entgegenkommens und der Solidarität von einer Kultur der wechselseitigen Verfeindung und des Hasses abgelöst wird. Empathie und Mitgefühl befinden sich in den Gesellschaften des losgelassenen Marktes im freien Fall, weil sie von außen keine Stützung mehr erfahren, sondern mehr und mehr als Störfaktoren und Hindernisse im individuellen Fortkommen betrachtet werden.

Grausam, oder?

Ich habe große Mühen, mich in dieses verrückte System, ja, dieses hier wirklich als unmenschlich erkannte System einzufügen. Wer im Sozialismus, der ja wirklich auch in der Hinsicht "sozial" war, groß geworden ist, dem graust es angesichts der Entwicklungen. Und ich glaube, dass es auch viele westdeutsche Menschen graust, die noch in gemeinschaftlichen Strukturen sozialisiert wurden. Wenn der Sozialismus sozialer war, ist dann der Kapitalismus asozialer? Sieht jedenfalls so aus.

Ich habe eigentlich auch nicht vor, mich durch ein Wirtschaftssystem entmenschlichen zu lassen. Humankapital genannt zu werden, Roboter zu sein, der funktionieren muss. Dessen Antrieb die Angst vor Arbeitsplatzverlust und sozialem Abstieg ist.

An der Entwicklung ist jedenfalls etwas gehörig faul.

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