Wilhelm Reich im Alltag

15.11.2014 16:07

Ich komme immer mehr auf den Trichter, dass die Rohkost alleine nicht ausreicht, um wirkliche Gesundheit zu erreichen, sondern dass es unabdingbar ist, die ganzen Strukturen der Unterdrückung des Lebendigen, die wir ja alle mehr oder weniger erfahren haben, zu durchleuchten und sich selber mit dieser von Wilhelm Reich benannten "zweiten Schicht" der Destruktivität bestehend aus Hass, Ekel, Wut usw. auseinander zu setzten. Die spontanen Äusserungen des Lebendigen werden ja immer noch in starre Strukturen gepresst, egal ob das Kindergarten, Schule, Ausbildung und später der Arbeitsplatz sind. Überall werden Strukturen geschaffen, die permanent mit dem spontanen Äusserungen des Lebendigen (Heiterkeit, Lachen, Kreativität, Spontanität, Liebevolle Zuneigung, Intuition usw) kollidieren. Es werden Disziplin und Ordnung verlangt. Anfassen, in Zweier-Reihen aufstellen, grade sitzen, Büffeln und pauken, arbeiten von 8-5. Da ist kaum noch Platz für Kreativität und Spontanität. Wer hat denn zuletzt mal ein Gedicht geschrieben? Ein Lied getextet? Komponiert? Auf der Strasse angehalten und einen Schwatz gemacht mit seinen Mitmenschen? Einfach mal spontan aufgelacht? Wir bewundern und hassen zugleich die freien Menschen, die Künstler und Straßenmusiker, die Lebensartisten und Gut-Menschen.

Wir leben im Zeitalter der Mechanisierung des Lebens und der Digitalisierung der Kommunikation. Alles wird optimiert um später ein funktionierendes Rädchen im System zu sein. Die Analogie aus dem zweiten Teil der "Herr der Ringe" Trilogie erscheint mir hier sehr passend: Der Wald als Sinnbild des urig Lebendigen wird verbrannt in den Öfen der Industrie.

Aus meiner Sicht ist es wirklich Not-wendig, sich intensiver mit den Reichschen Arbeiten auseinander zu setzen, jede Generation muss das immer wieder für sich machen, da sie aus meiner Sicht durchaus Lösungen für viele Probleme bieten, die man mit der alleinigen Ernährungsumstellung nicht in den Griff bekommt. Wir erleben ja nun schon deutliche Verbesserungen gegenüber vor 30 Jahren, aber dennoch ist noch so viel im Argen und soviel muss aufgearbeitet werden. Ich persönlich erschrecke manchmal vor mir selber, wenn plötzlich Gefühle hochkommen, die eben nicht liebevoll und mitmenschlich sind, sondern destruktiv. Durch die Vorträge von Bernd Senf und anderen weiss ich aber, woher diese Gefühle stammen und kann damit umgehen.

Ich bin ja zu DDR Zeiten und während des kalten Krieges groß geworden. Da wurden die Kinder nach der Geburt von den Müttern getrennt, Stillen gabs gar nicht, nach einem Jahr wurde man in die Kinderkrippe abgeschoben, dann Kindergarten, wo man von Fremden betreut wurde. Wer fragt schon, wie es einem Kind geht, wenn es das Gefühl hat, dass von der Erzieherin wenig Liebe kommt? Kinder wollen ja 24/7 geliebt werden! Das wird man aber in solchen Einrichtungen eben NICHT! Es ist eine mehr oder weniger autoritäre Einrichtung, wo die Kinder auch entsprechend diszipliniert werden, weil eben keine 20 Erzieherinnen für 20 Kinder da sind, sondern das Verhältnis sehr viel ungünstiger ist. Das geht nur mit entsprechender Disziplin und Ordnung. In der Schule dann umso mehr.

Ich persönlich erinnere mich öfters noch dran, wie ich mich unwohl gefühlt habe. Einmal bin ich abgehauen und alle haben mich gesucht, aber erst als meine Oma an meinem Versteck vorbei lief, kam ich raus. Kinder spüren ganz genau, wo sie das finden was sie suchen und brauchen. Und ich bin der Meinung, dass man es ihnen auch nicht verwehren sollte.

Denn auch Kinder haben Wut und Aggressionen, die sie in einer autoritären Gesellschaftstruktur aber nicht ausleben können. Was passiert dann mit der Energie der Wut, wenn sie nicht frei fliessen kann? Ich erinnere mich noch an ein Buch über Aborigenies, wo die Eltern einfach lachen und liebevoll mit der Phase der Bockigkeit umgehen. Hier in Europa ist ja oft noch die Züchtigung angesagt. Der Klaps auf den Po, oder andere Maßnahmen. Das Ausleben von kindlicher Destruktivität wird also unterdrückt. Ist es dann ein Wunder, wenn sie sich dann immer wieder im Erwachsenalter Bahn bricht? Ich hab mich immer als Mann gewundert, wieso sich so viele hübsche Frauen so selber verschandeln. Mit Piecings. Tatoos. Gruseligem Make-ups. Rauchen. Was es alles so gibt, aber es ist alles ein Ausdruck von Destruktivität, die sich gegen sich selber richtet.

Durch diese ganzen Unterdrückungen im Kindesalter bildet sich dann später je nach Grundvoraussetzung eben wirklich das, was wir Charakter nennen. 

Bis heute habe ich Mühe als Rädchen zu funktionieren. oft flüchte ich mich in Tagträume oder frage mich ganz bewusst, was ich denn jetzt gerne machen würde. In den seltensten Fällen ist es das, was ich machen MUSS. Dabei bin ich nicht faul, denn ich ich arbeite gerne, aber mich nervt es, diese lebendigen Impulse permanent zu unterdrücken, nur um wieder zu funktionieren. Das macht mir psychisch zu schaffen und war wohl auch der Grund, wieso ich meinen Job in Österreich aufgegeben habe. Die Ermüdung kommt nicht durch das Arbeiten an sich, sondern durch die Energieaufwendung, sich zu motivieren, aufzuraffen, anzutreiben, und gleichzeitig seine lebendigen Impulse zu unterdrücken (z.B. "Hey, schönes Wetter, lass uns wandern gehen und eine schöne Zeit haben"). Wir arbeiten ja schon lange nicht mehr, um uns mit dem Lebensnotwenidgen zu versorgen, sondern es ist zum Selbstzweck geworden und dabei trennen wir uns von etwas genauso Lebensnotwendigen ab: der Kreativität, Spontanität, der Liebe usw. Und machen wir uns mal nichts vor: wer kennt sie nicht, die abfälligen Bemerkungen über die Lebenskünstler, die es geschafft haben, sich hier Freiräume zu schaffen: Faulpelze, Müßiggänger usw. Da schwingt aber immer auch Neid mit rein.

Durch eigenes Erleben im Zusammenhang mit Beobachtungen der Umwelt und der Mitmenschen, und vor dem Hintergrund der Lektüre eben der Arbeiten von Reich und Senf hatte ich schon einige tiefe intuitive "Erleuchtungen" in der Hinsicht. Das Leben hat es in der Hinsicht gut mir mir gemeint. 

Insgesamt ist es auch wirklich interessant, vor diesem Hintergrund die Star Wars Filme, Herr der Ringe usw mal zu analysieren. Die Matrix natürlich auch. Sie alle geben ja einen Hinweis darauf, was passiert, wenn sich das Gute und Liebevolle, das Lebendige und Natürliche ins Gegenteil umkehrt. Wut, Hass, Aggressionen, Herrschaftswahn, Destruktivität und Selbstzerstörung, List und Tücke, Mechansierung und Entmenschlichung statt Kreativität, spontanes Fließen des Lebendigen, Mitmenschlichkeit und Liebe, Kooperation und Zärtlichkeiten.

Künstler sind ja oft etwas empfänglicher für solche Zusammenhänge und fähig, diese durch ihre Kunst entsprechend darzustellen. Und der Erfolg der Filme zeigt auch oft, dass sie da einen richtigen Riecher hatten.

Die "Macht" aus Star Wars ist ja im Grunde nichts anderes als diese Reichsche Lebensenergie. Und die dunkle Seite eben das, was passiert, wenn diese frei fließende Lebensenergie unterdrückt wird. Dann kommt es eben zur Destruktivität und Gewalt. Und machen wir uns mal nichts vor, im Grunde sind wir ja alle irgendwo Darth Vader. Also Menschen, die irgendwo schon entsprechend "beschädigt" wurden.

Übrigens ist das was Yoda hier beschreibt eine ehemalige Geheimlehre aus dem Taoismus. Im Taoismus heisst die Lebensenergie ja Chi. Und auch bei den Sufis gibt es diese Energie, die den ganzen Kosmos ausfüllt. Wird also Zeit, dass auch wir diese Lebensenergie wieder entdecken und aus der Starrheit befreien. Wir alle müssen wohl den Weg eines Anakin Skywalker gehen. Bevor wir befreit werden, müssen wir diese zweite Schicht, die ja Darth Vader symbolisiert, durchmachen. 

Diese negativen Affekte kommen in der zweiten Schicht des Menschen zu Tage. D. Boadella bezeichnet sie als "gefährliche, groteske und irrationale Impulse und Phantasien der alptraumhaften Welt des Freudschen verdrängten Unbewussten" (D. Boadella 1988 : 47). Aus Lebensfreude wird Lebensangst, aus natürlicher Sexualität wird pornographisches Denken oder aus natürlichen Aggressionen wird Destruktivität. Diese zweite Schicht ist ein Kunstprodukt unserer Gesellschaft, sie ist unbewusst und wird, wenn überhaupt, als innere Leere empfunden. summerhill.paed.com/summ/keli/kap4.htm

Na dann alles Liebe! :-)

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