Wort zum Sonntag

24.04.2016 18:01

Heute habe ich einen Artikel über Armut gelesen, der mich zu folgenden Gedanken anregte:

Armut kommt aus dem Verhalten der Menschen, und das Verhalten wird bestimmt durch das Denken und Fühlen, und dieses wiederum ist ein Abbild des sozialen Gefüges, in dem wir leben.

Bei Buschleuten und anderen Jäger- und Sammlerkulturen gibt es keine Armut. Wieso eigentlich nicht? Man hat genug zu essen, man hat guten Sex, viel Zeit für die Kinder und die Alten, für Müßiggang und Kreativität und gemeinschaftsfördernde Veranstaltungen wie Tänze und Gesänge. Darüber hinaus hat man ein reiches Seelenleben und reiche, erfüllte Beziehungen. Und in den Zeiten vor dem Wahnsinn, dem wir Zivilisation nennen, ist man einfach der Beute hinterher gezogen. Man hatte also auch sehr viel Platz.

Die Armut, im Sinne von mangelnden Zugang zu Ressourcen, später Waren und Dienstleistungen kam erst mit Ackerbau und Viehzucht auf, als sich im Zuge dessen Arbeitsteilungen und Herrschaftsstrukturen bildeten, Kriege entstanden und die Bevölkerungzahlen anwuchsen.

Und seitdem haben wir eben auch das Problem der Armut.

Und die wird man auch nicht loswerden. Ganz einfach, weil die Menschen unterschiedlich sind und mancher eben cleverer, gewitzer, mutiger, intelligenter als andere ist.

Die Frage ist also nicht, ob man Armut je los wird, sondern wie man damit umgeht.

Und in dieser Frage zeigt sich unsere eigene bittere Armut. Denn noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es soviel zu essen, so viele Dienstleitungen und so viele Waren, die von so wenig Leuten produziert wurden. Das Problem: unser Denken ist weiterhin im Mangel verhaftet. Und dieses Mangeldenken verhindert, dass wir erkennen, dass im Grunde soviel da ist, dass wir es uns leisten können, Nahrungsmittel im unglaublichen Ausmaß zu verschwenden, technische Geräte herzustellen, die nur noch ein paar Jahre halten brauchen, bevor sie entsorgt werden, unsere Gesundheit zu ruinieren, weil wir ein effizientes und leistungsstarkes Gesundheitssystem haben und dergleichen mehr.

Wir sind so reich, wir stinken vor Reichtum! Wir sind so unglaublich reich, wären wir eine fette Ente, wir würden keinen Zentimeter mehr vom Boden hochkommen. Wir sind so reich, dass 50% der Menschen daheim bleiben könnten und dennoch bestens versorgt wären mit allem Notwendigen und darüber hinaus. Vielleicht sogar 60, oder gar 70%. Wir sind so reich und so produktiv, dass für jeden ALLES und NOCH MEHR da wäre, was er zum Leben braucht.

1930 haben in Deutschland 70% der Menschen in der Landwirtschaft gearbeitet. Es waren also damals über 2/3 der Menschen notwendig, um überhaupt erstmal die Lebensmittel zu produzieren, die es braucht, um zu überleben. Und schon damals war Deutschland im Vergleich ein reiches Land. Und heute arbeiten noch 2% der Menschen in der Landwirtschaft. Tendenz abnehmend.

Vor diesem materiellen Wohlstand erscheint der spirituelle Notstand um so gravierender.

In einer Gesellschaft, die so reich ist, schafft man es nicht, auch noch die Ärmsten zu versorgen.

Wie kann das sein?

Punkt 1: Verlust von Gemeinschaftssinn.

Was wir erleben ist der Verlust von Gemeinschaftssinn auf nationaler und internationaler Ebene. Menschliche Gemeinschaften haben sich immer dadurch ausgezeichnet, und haben das Überleben garantiert, weil man sich auch um die Schwächeren gekümmert hat.
Das ist quasi in unseren Genen einprogrammiert. Dass der Spiegelreporter im Artikel dem Bettler nichts gab, musste er auch deswegen vor sich selber rechtfertigen, weil ihm sein Innerstes dazu drängte, etwas zu geben.

Die Gene / das Herz fordert: "Gibt etwas ab! Teile! Fördere damit Gemeinschaft! Verbindungen! Freundschaften! Liebe!! Gib etwas und erfülle damit den Herz!!!" Das haben die Gene gerufen, die dieses Verhalten, dass sich hunderttausende Jahre lang bewährte, codierten. Das ist der Gemeinschaftsinstinkt. Man spürt instinktiv, dass man etwas abgeben sollte.

Nur, wer hat ein Interesse an diesem "verrückten" Verhalten? Ganz einfach: das System "Konsumgesellschaft". Denn den Mangel an Erfüllung durch das Geben eines kleinen Betrages für einen Bettler und der daraus folgenden Erfüllung im Herzen beider Menschen, zumal wenn man das Gefühl hat, der meint es ehrlich, will man ja stopfen. Und dafür muss man wieder konsumieren! (nähere Hintergründe auch hier: https://www.rohkostwiki.de/wiki/Die_Memik)

Und das gilt für alles: Freundschaften, Liebe, Gemeinschaft, Kreativität, Selbstentfaltung. Diese Punkte ERFÜLLEN den Menschen. Und je erfüllter er ist, desto weniger braucht er. Eine Konsumgesellschaft kann aber keine erfüllten Menschen gebrauchen, sondern genau das Gegenteil, also Menschen, die ihre Leere mit Konsum füllen müssen.

Und deswegen hasst die "normale" Gesellschaft auch die Armen so, denn die zeigen auf, wie es ist, wenn man auf Konsumentzug leben muss!!

Und das wollen ja alle vermeiden wie die Pest!! Denn was haben wir denn sonst? Was löst denn sonst den Endorphinschub aus? Was gibt es denn anderes als Konsum, um Löcher zu stopfen? Erfüllte Sexualität mit wechselnden Partnern, so dass immer eine Liebeserfüllung da ist? Leben in liebevollen Gemeinschaften? Gesundes Essen, dass den Menschen zufrieden macht, gesund erhält und kräftigt? Ausleben von Kreativität im vollem Umfang? Lachen und Gemeinschaft, die erfüllt? Stabile familiäre Bindungen mit ausreichend Zeit für den (erfüllenden) Umgang mit den eigenen Kindern? Wer hat das denn noch? Ein paar Inselbewohner und abgelegene Stämme im Amazonas vielleicht.

Und hier? Wer sich bei Kaufland an die Kasse stellt und die gramgebeugten und griesgrämigen Gestalten sieht, mit zum Teil ins groteskte verzerrten Körpern, oder die Typen in ihren Porsches und Mercedes, nun als SUVs, die für genau diese Menschen keinen Blick mehr übrig haben und deswegen genauso arm und verlassen sind, der muss doch zugeben, dass wir in Summe in keinster Weise mehr erfüllte Menschen sind!

Wir sind was das angeht, bettelarm. Und aus diesem Mangel an Erfüllung lassen sich die ganzen groteskten Verhaltensweisen ableiten. Anfangen vom Konsum, über asoziales Verhalten im Job und in der Freizeit bis hin zum Hang vieler Frauen, sich mit Astrologie und Esoterik zu beschäftigen (Gespür, dass da noch mehr sein muss als nur das ordinäre Leben. Und da haben sie Recht! Nur sitzt schon wieder wer da und hat ein Geschäft draus gemacht!).

Und auch deswegen hasst die normale Gesellschaft die Armen, denn sie zeigen, wie arm doch alle selber sind.

Punkt 2: Verlust von Spiritualität

Ganz einfach: wer einmal das Gefühl hatte, dass alles eins ist und alles miteinander zusammen hängt, sieht den Armen als Teil seiner selbst. Als Ausdruck des selben Geistes, der auch mich beseelt. Ohne das Gefühl des Eins-Seins übernimmt das Ego das Lenkrad und das Ego ist NIE zufrieden. Möchte immer mehr und mehr. Und das alles für sich.

Wir sind ja in unserer Gesellschaft in Summe nicht mal zum altrusitischen Egoismus fähig, sprich, dass wir erkennen, dass es mir besser geht, wenn es dem anderen auch gut geht. Nein, wir sind, wie der Autor treffend erkannte, brutale Egoisten.

Was mich zu Punkt 3 bringt: Verlust von Sehschärfe.

Wir schauen auf die Armen und hassen sie. Aber der Feind steht hinter uns. Wie kann es sein, dass bei den Menschen die arbeiten, die 20% Produktivitätssteigerung der letzten Jahre in keinster Weise ankommt? Das ist so, als wir jetzt statt 100 Sack nun 120 Sack Kartoffeln produzieren und zusehen müssen, wie die 20 Sack plus ins Schloss "kartoffelt" werden, statt sie gerecht aufzuteilen unter denen, die es erarbeiten.

Also: wer sackt das denn ein? Lösung: die oberen 10.000. Warum? Wir kommen wieder zu Punkt 1 und 2. Die Folge: Brutaler Egoismus der Eliten als Folge des eigenen Mangels an Spiritualität und Gemeinschaftssinn. Ein Teufelskreis.

Würden die Menschen mehr ihrem Herzen folgen, gäbe es kaum noch Armut. Dann würde man Kontakt suchen, helfen, teilen, abgeben, gemeinsam arbeiten. Dann würde man vielleicht weniger Geld auf dem Konto haben, ein kleineres Auto, ein kleineres Haus, aber dafür reiche Beziehungen und ein reich erfülltes Herz.

Das tut man aber nicht, weil "das System" die Menschen mit allerlei Geschichten, Fabeln und Märchen vom Egoismus überzeugt hat. Und mit vollkommen idiotische materielle Wünsche überladen hat, an die die Menschen nun festhalten und sich daran krallen.

Aber "das Leben" ist unerbittlich und zeigt immer wieder mittels Bettler, Armutsflüchtlingen, Hungerkatastrophen und anderer Mittel, dass wir gegen unsere genetische Programmierung leben. Wir müssen teilen lernen. Sonst verlieren wir am Ende alles. Das wusste schon Laotse, als er sagte:

Wenn ich loslasse, was ich bin,
werde ich, was ich sein könnte.
Wenn ich loslasse, was ich habe,
bekomme ich was ich brauche.

In diesem Sinne: einen schönen Sonntag! :-)

 

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